Circular Economy, Quelle: fstopimages/Malte Müller

Abfallwirtschaft in der Praxis in Ghana und Nigeria

Der Wissenschaftler Tobias Schleicher vom Öko-Institut war in Westafrika unterwegs, wo zwei seiner Projekte im Bereich Abfallwirtschaft auf der Zielgeraden sind: Das einzige Zementwerk in Ghana soll neben Kohle auch alternative Brennstoffe als Energieträger verwenden können. In Nigeria wurde ein Pilotprojekt zur Sammlung und Recycling von Elektroschrott erfolgreich abgeschlossen. Hier im Blog schildert Tobias Schleicher seine Eindrücke.

Teil 1: Co-Processing in Ghana

Im seit 2015 laufenden Projekt Sustainable Recycling Industries (SRI) beraten wir seit über einem Jahr die ghanaische Umweltbehörde EPA auch dazu, ob Altreifen als alternative Brennstoffe in der Zementindustrie eingesetzt werden können. Im Auftrag des Schweizer Staatssektretariats für Wirtschaft (SECO) unterstützen wir die Umweltbehörde zu evaluieren, ob eines der wenigen Zementwerke vor Ort neben Kohle auch alternative Brennstoffe wie vorbehandelte Altreifen als Energieträger verwenden könnte.

Das nennt man auf Englisch auch „Co-Processing“. Scheinbarer Abfall wie Altreifen können als Rohstoff und Energiequelle verwendet werden, so dass fossile Brennstoffe wie Kohle im industriellen Prozess teilweise ersetzt werden können. Und das hauptsächlich in energieintensiven Industrien wie der Zementherstellung.

Altreifen und Zement

Warum es so wenige Zementwerke in Ghana gibt? Grund dafür ist, dass in ganz West-Afrika geologisch kaum Kalkstein vorkommt. Den braucht man aber als Rohstoff für die Zementproduktion. Was in vielen Ländern längst gängige Praxis ist, steckt in Ghana noch in den Kinderschuhen: Alternative Brennstoffe könnten Altreifen sein, mit denen man in geschredderter Form, etwa 15 Prozent an Kohle einsparen könnte.

Gleichzeitig kann man damit vermeiden, dass die Altreifen einfach so verbrannt werden, wodurch hochgiftige Emissionen entstehen. Werden die Reifen in den sehr heißen Produktionsprozess von Zement eingebracht – mehr als 1.200 Grad Celsius – werden die giftigen Emissionen vermieden. Vorausgesetzt der Prozess läuft reibungslos und wird durch ein kontinuierliches Emissionsmonitoring System (EMS) überwacht.

Co-Processing, aber richtig!

Co-Processing kann – wenn man es richtig macht – eine gute Lösung für gewisse Abfallsorten sein. Mit unserem Projektpartner, Ed Verhamme von Alternate Resource Partners (ARP) in den Niederlanden sind wir vor Ort. Wir zeigen dort auf, dass Co-Processing nur unter den Bedingungen eines internationalen Standards, wie ihn die Leitlinien der Basel-Rotterdam-Stockholm-Konvention festschreiben, umgesetzt werden sollte. Gleichzeitig ist uns wichtig, dass auf diese Weise ein sehr drängendes Abfallproblem in Ghana angegangen werden kann. Nachdem wir Ende des vergangenen Jahres die Zementanlage begutachtet haben, liegen nun die Ergebnisse vor.

Betriebliche Anpassungen fürs Co-Processing

Wenn das Werk einige zentrale Investitionen tätigt, dann könnte Co-Processing in Ghana realisiert werden: Ein zusätzlichen Beschickungskanal („feed-in-point“) für die Reifen im heißesten Teil des Ofens muss ergänzt werden und das kontinuierliche Emissionsmanagementsystem auf den neusten Stand gebracht werden. Erst danach sollte ein sogenannter „Trial-Burn“ (Brennversuch) vorgenommen werden. Die so eingesparte Kohle kann die Investitionen in rund fünf Jahren gegenfinanzieren.

Klärungsbedarf durch den Gesetzgeber in Ghana

Doch nicht nur auf betrieblicher Seite braucht es Anpassungen. Auch von Seiten des Gesetzgebers bedarf es Klärungen. So war lange Zeit nicht klar, ob die Umweltbehörde EPA Co-Processing überhaupt zulassen würde. Auch die zulässigen Emissionsgrenzwerte sind derzeit noch nicht klar geregelt, da es diesen Prozess vor Ort noch nicht gibt. Auch stellt sich die Frage, ob dann die Vorgaben für Abfallverbrennung (incineration) oder Rohstoffverbrennung (fuel combustion) gelten.

Aus diesem Grund kamen wir mit allen beteiligten EPA-Abteilungen zusammen, um die Projektergebnisse und Schritt für Schritt mögliche Vorbehalte zu diskutieren, zum Beispiel hinsichtlich der Zementqualität. Umgekehrt pochten alle Projektpartner auf die oben genannten sehr wichtigen Vorbedingungen für verantwortungsvolles Co-Processing gemäß den Vorgaben der Basel-Rotterdam-Stockholm-Leitlinien. Und tatsächlich kommt Bewegung in die Sache und wir erwarten, dass das jahrzehntelange Problem der Altreifen einer Lösung näherkommt.

Teil 2: Elektroschrottsammlung und -recycling in Nigeria

Danach ging es weiter nach Nigeria. Und zwar nach Lagos, einer Stadt, die in etwa so viele Einwohner*innen hat wie ganz Ghana. Während wir uns in Accra (Ghana) jederzeit frei und sicher bewegen konnten, waren wir im rund 500 Kilometer entfernten Lagos zur Sicherheit nur in Autos mit getönten Scheiben unterwegs. Während man in Accra schnell von A nach B kommt, kann es in Lagos passieren, dass man stundenlang im Stau steht und kaum von der Stelle kommt. Sechs Stunden pro Tag im Stau sind da eher das Minimum.

Machbarkeitsstudien für Pilotprojekt

Nach Nigeria bringt uns das Ende des knapp zweijährigen Pilotprojektes „E-waste Compensation as an International Compensation Mechanism in Nigeria (ECoN)“ im Auftrag der deutschen Prevent Abfallallianz. Unser Projektpartner Closing the Loop sammelt seit Jahren erfolgreich Abfallentschädigungsgelder bei Herstellern und Nutzer*innen von IT-Geräten. Damit finanziert das Unternehmen die nachhaltige Sammlung sowie das Recycling in Ländern, in denen es (noch) keine funktionierende Entsorgungsinfrastruktur gibt.

Closing the Loop kümmerte sich lange Zeit nur um Mobiltelefone. In diesem Pilotprojekt hat der lokale Partner „Verde Impacto“ nun über 20 Tonnen Flachbildschirme und über 10 Tonnen Litium-Ionen-Batterien gesammelt und an Hinckleys Recycling Ltd. übergeben. Diese Firma organisiert vor Ort die Vorbehandlung für das nachhaltige Recycling. Wir vom Öko-Institut haben die zugehörigen Machbarkeitsstudien zu Flachbildschirmen und Lithium-Ionen-Batterien erstellt.

Projekt als Blaupause für staatliches Recycling-System

Doch was würde all das nützen, wenn niemand in Nigeria davon erfahren würde? Von Anfang an haben wir deshalb mit unserem strategischen Partner „SRADev Nigeria“ zusammengearbeitet. Er hat dafür gesorgt, unser Projekt bei den wichtigsten Entscheidungsträgern in Nigeria zu verankern.

Von Anfang an hatten wir Meetings in Ministerien und Umweltbehörden in Abuja und Lagos. Denn der Global Environment Fund (GEF) unterstützt die staatlichen Bemühungen bereits darin, ein staatliches System zur Sammlung und zum Recycling von Elektroschrott aufzubauen. Und genau für dieses System liefern wir nun eine Blaupause!

Aber: Verantwortungsvolles Recycling ist mit Kosten verbunden

Wir zeigen: Es ist möglich Flachbildschirme und Lithium-Ionen-Batterien sachgemäß zu sammeln und zu verwerten. Und zwar mit finanziellen Anreizen, sowohl für die Sammlung als auch für das nachhaltige Recycling selbst. Denn dieses ist deutlich teurer als Elektroschrott unsachgemäß zu verbrennen oder auf riesigen Mülldeponien abzuladen. Ein Beispiel: Die Hinckleys Recycling Ltd. stellt aus dem Plexiglas alter Bildschirme und wiederverwendeten Lithium-Ionen-Batterien wieder eine Solarlampe her.

Plexiglas aus alten Bildschirmen, Quelle: Öko-Institut

Recycling, Quelle. Öko-Institut

Lampe aus recyceltem Kunsstoff, Quelle: Öko-Institut

Workshop zum Projektende mit Teilnehmenden aus allen relevanten Behörden

Dr. Leslie Adogame von SRADev Nigeria hat mehr als 40 Teilnehmer*innen aus allen relevanten Behörden, Ministerien, Unternehmen und NGOs in Lagos zum Projektabschluss zusammengebracht. Dort haben wir unsere Ergebnisse präsentiert und diskutiert. Jetzt liegt der Ball wieder im Feld der Behörden vor Ort, um das Pilotprojekt in die gängige Praxis zu überführen.

Teilenehmende des Workshops, Öko-Institut

Tobias Schleicher ist Senior Researcher im Bereich Produkte & Stoffströme am Standort Freiburg. Sein Schwerpunkt ist das Ressourcen- und Abfallmanagement im Kontext der internationalen Zusammenarbeit und entwicklungspolitischer Konzepte.

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