Klasse statt Masse

All you can eat! All you can listen to! All you can read!

Theresa Hannig

Theresa Hannig, Quelle: Privat

Digitale Flatrate-Plattformen begünstigen Mittelmaß und Masse, die Künstler*innen können von ihrer Kunst nicht mehr leben. Die Digitalisierung betrifft auch die Kunst. Autorin Theresa Hannig hat Vorschläge, wie man das ändern könnte. Bei der Jahrestagung des Öko-Instituts am 24. Oktober 2019 diskutiert sie auf dem Podium.

„All you can eat! All you can listen to! All you can read!“ – so lauten die Versprechen der modernen Konsumgesellschaft, mit denen der Hunger nach immer neuen Inhalten gestillt werden soll. Im konkreten, wie im übertragenen Sinne.

Wir haben uns einen Lebensstil angewöhnt, bei dem „mehr“ vermeintlich auch „besser“ bedeutet. Diese Vorstellung hängt unentwirrbar mit unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung zusammen, die das Wachstum zwingend vorschreibt und den Konsum als Motor des Wachstums fördert und gutheißt.

Dabei zeigen die drei großen Katastrophen unserer Zeit – Klimawandel, Plastikepidemie, Artensterben – dass dieser Weg keine Zukunft hat und uns im Gegenteil langfristig der eigenen Lebensgrundlage beraubt. Ein Umdenken setzt ein. Menschen achten vermehrt darauf, wie ihr Handeln die Umwelt beeinflusst und versuchen, ein nachhaltigeres, ressourcenschonenderes Leben zu führen.

Die Digitalisierung ist ein Bereich, der viel zur Nachhaltigkeit beiträgt, weil er Prozesse vereinfacht, nahezu kostenlose Reproduktion von Inhalten ermöglicht und damit Ressourcen und Kosten für die Herstellung physischer Produkte, sowie für deren Verpackung, Lagerung und Transport einspart.

Doch auch unser maßloser digitaler Konsum gefährdet eine Ressource, die zwar nicht auf Bäumen wächst, aber auch nur nach und nach entsteht: Kreative Arbeit.

Für kreative Prozesse gibt es keine Flatrate

Auf zwei Aspekte dieser kreativen Arbeit möchte ich mich hier konzentrieren: Musik und Literatur. Diese Art der menschengemachten Unterhaltung und Kunst konsumieren wir täglich auf vielfache Weise, oft als Teil einer Streaming-Flatrate oder eines „unlimited“ Lesepakets. Wer aber nur das digitale Produkt und die Verfügbarkeit für den Endkunden sieht, vergisst, dass dahinter analoge – sprich menschliche – Prozesse stecken, die nicht nach dem Flatrate-Prinzip funktionieren. Nach wie vor ist viel Zeit und Aufwand notwendig, um qualitativ hochwertige Bücher oder Musikstücke zu erschaffen, auch wenn der Eindruck entstehen könnte, es handle sich um leicht herzustellende Ware, weil sie so leicht reproduzierbar ist.

Die Flatrate-Angebote sorgen dafür, dass die einzelnen Songs und Bücher als unendlicher Strom von Unterhaltung wahrgenommen werden, der nichts kostet, außer einer monatlichen Gebühr für die jeweilige Plattform. Doch diese scheinbar unerschöpfliche Quelle an im Preis inbegriffenen Inhalten bringt eine Veränderung der Nachfrage mit sich, die sich unmittelbar auf das Produkt auswirkt: Ganz nach dem Prinzip „Was nichts kostet, ist auch nichts wert“ , sehen wir eine fortschreitende Entwertung digitaler Inhalte, die Hand in Hand geht mit eigentlich neuen Verwertungsmöglichkeiten. Denn obwohl über das Internet neue globale Märkte für Künstler*innen erschlossen werden, profitieren diese kaum davon, weil ihre Werke gerade durch die ständige Verfüg- und Reproduzierbarkeit an Wert verlieren.

Künstler*innen in der Zwickmühle

Die Künstler*innen sind in der Zwickmühle: Sollen sie ihre Werke bei den großen Flatrate-Plattformen anbieten, die zwar eine miserable Bezahlung aber große Reichweite und vermeintliche Marketingeffekte versprechen oder sollen sie sich dem Angebot verweigern, mit der Gefahr, im Vergleich zur Masse unsichtbar zu werden?

Kunst wurde und wird – bis auf wenige Ausnahmen – schon immer schlecht bezahlt. Das ist an sich keine Folge der digitalen Gesellschaft. Doch Kunst und Unterhaltung sind keine neutralen Produkte, sondern Kulturgüter, mit deren Veröffentlichung man unter Umständen Aufmerksamkeit und Ansehen erlangt. Deshalb sind viele Menschen bereit, ihre Inhalte auch (nahezu) kostenlos zu veröffentlichen, damit sie nur endlich gehört oder gelesen werden. In Zeiten der E-Books und des Musik-Streamings sind die Hürden dafür so klein wie nie. Einerseits ist das ein positiver Trend, da er einer Vielzahl von Menschen ermöglicht, für ihre Kreationen ein Publikum zu finden. Andererseits ist es eine Entwicklung, die die Existenz vieler freischaffender Künstler*innen bedroht. Denn im digitalen Überangebot ist das Erkennen von Qualitätsunterschieden schwer und aufgrund der Vergütungsmodelle der Flatrate-Plattformen oft auch gar nicht erwünscht.

Werke nicht per Flatrate verramschen

Einerseits möchte ich die Masse an täglich veröffentlichten neuen E-Books nicht geringschätzen, denn weder habe ich sie gelesen, noch könnte ich von ein paar E-Books auf die Qualität aller schließen! Doch da ich weiß, wieviel Arbeit in einem Buch steckt, und am Ende des Monats meine Miete bezahlen muss, kann ich es mir nicht leisten, meine Werke für ein paar Cent im Flatrate-Angebot zu verramschen.

Falls der Trend weitergeht und Flatrates zum Standard werden, müssen viele Künstler*innen, die jetzt noch gerade so über die Runden kommen aufgeben und sich eine andere Arbeit suchen. Kunst wird damit immer weiter in den Hobby-Bereich gedrängt, was sowohl die Qualität als auch die Kreativität und Vielfalt der Veröffentlichungen einschränkt.

Nur Action, Spannung und Drama

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Flatrate-Plattformen Mittelmaß und Masse begünstigen. Um wahrgenommen und konsumiert zu werden, sind Flatrate-Produkte oft so konzipiert, dass sie in den ersten Sekunden bzw. Seiten mit Action, Spannung und Drama die Aufmerksamkeit der Konsument*innen fesseln, damit diese am Ball bleiben. Mit anderen Worten: Wer in der Flatrate bestehen will, muss Unterhaltung nach Schema F liefern. Neue Formate, innovative Ideen und unkonventionelle Erzählweisen haben so wenig Chancen.

Natürlich ist es nicht unmöglich, innerhalb der Flatrate gute Unterhaltung und Kunst zu finden! Eines muss jedoch klar sein: Wer meint, ein besonders gutes Buch oder ein hervorragendes Musikstück über eine Flatrate-Plattform gelesen oder gehört zu haben, hat die dahinerstehenden Künstler*innen mit ziemlicher Sicherheit schlecht bezahlt.

Es gibt Lösungsvorschläge für das Problem: Einige sagen, die Künstler*innen selbst sollten die Plattformen betreiben, auf diese Weise über Inhalte entscheiden und so einen größeren Anteil an den Monatsbeiträgen erhalten können. Andere schlagen vor, die Monatsbeiträge müssten steigen, damit die Künstler*innen besser entlohnt werden – was natürlich die Konkurrenzfähigkeit zu anderen Plattformen einschränkt.

Paradigmenwechsel: Genuss statt Konsum

Ich glaube, dass dies nur ein Herumdoktern an einem Prinzip ist, das an und für sich falsch ist. Flatrates sind nicht nachhaltig! Weder im echten noch im digitalen Leben. Deshalb brauchen wir einen Paradigmenwechsel: Genuss statt Konsum.

Die Umsetzung dieses Prinzips erscheint zunächst schwierig, weil wir uns ungern einschränken lassen, und meinen, einen Verlust zu erleiden, wenn wir statt der Flatrate nur das eine Buch oder das eine Album erwerben.

Doch tatsächlich hat der jetzige Dauerkonsum einen negativen Einfluss auf unser Leben, denn er entwertet das Einzelstück und damit auch die Freude daran. Das Überangebot innerhalb der Flatrates setzt uns sogar unter Stress, weil wir das Gefühl haben, im unendlichen Angebot auch unendlich konsumieren zu müssen und immer nach Neuem suchen, weil wir nichts verpassen wollen. Dabei wird unser Leben nicht besser, wenn wir gleichzeitig auf tausende Bücher Zugriff haben, obwohl der Tag kaum ausreicht um eines zu lesen.

Aus dieser Perspektive ist die Selbstbeschränkung auf ein Produkt anstelle einer Flatrate kein Verlust, sondern sogar ein Gewinn, denn wenn ich das Buch oder das Musikstück bewusst auswähle, kann ich es im Umkehrschluss auch mehr wertschätzen. Außerdem unterstütze ich damit die Künstler*innen, die mit ihrer qualitativen Arbeit in Vorleistung gegangen sind und trage so dazu bei, dass sie auch in Zukunft noch Werke schaffen können, die ich gerne kaufe.

Das Prinzip Genuss statt Konsum mag altmodisch und in digitalen Zeiten fast schon anachronistisch wirken. Doch es ist auf lange Sicht die einzige Möglichkeit, kreative Werke nachhaltig und in hoher Qualität anbieten zu können.

Theresa Hannig (35) studierte Politikwissenschaft, Philosophie und VWL und arbeitete als Softwareentwicklerin, SAP Beraterin, Projektmanagerin von Solaranlagen und Lichtdesignerin bevor sie sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte. Jetzt beschäftigt sie sich als Autorin von Science-Fiction-Romanen mit der Zukunft unserer Gesellschaft in Hinblick auf Digitalisierung, KI und Klimawandel.

Kommentare
  1. Pingback: Beitrag im Blog des Öko Instituts: All you can consume! - Theresa Hannig

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