Anders wohnen im Alter – Startschuss im Kreis Steinfurt

Kennen Sie das auch aus Ihrer Familie? Da ist die Mutter, der Vater, die Tante, die sich in jüngeren Jahren den Traum vom Eigenheim erfüllt haben. Mit der Zeit ist aber in Haus und Garten Stille eingekehrt. Die Kinder sind ausgezogen, leben und arbeiten in anderen Städten. Mutter und Vater, irgendwann vielleicht die Mutter allein, bewohnen ein Gebäude, das einmal für vier oder fünf Personen gedacht war. Sie genießen vielleicht den vielen Platz, pflegen mit Hingabe den Garten, freuen sich, wenn die Kinder zwei oder dreimal im Jahr ihre alten Zimmer beziehen. Und doch wird es mit der Zeit etwas beschwerlich. Man kommt die Treppe nicht mehr so gut hoch, plagt sich mit dem Putzen. Das Gebäude ist in die Jahre gekommen und hat ebenfalls seine Zipperlein. Eigentlich wäre mal eine gründliche Sanierung fällig, und die Heizkosten des alten Ölkessels sind auch nicht ohne…

Anders wohnen im Alter – Chancen für Menschen, Ortsentwicklung und Umwelt

Wenn Sie das kennen, sind Sie und ich und unsere Eltern nicht allein. Etwa 9,5 Millionen Haushalte in Deutschland sind Ein- oder Zweipersonenhaushalte von über 65jährigen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung haben sie besonders große Pro-Kopf-Wohnflächen. Rund 62 Quadratmeter sind es, gegenüber 43,8 Quadratmeter im Durchschnittshaushalt. Einpersonenhaushalten haben sogar 79,8 Quadratmeter zur Verfügung. Das ist nicht von Anfang an so geplant gewesen – es „ergibt sich“ aus der Lebenssituation.

Dabei könnten durchaus auch andere Wohnmöglichkeiten für Seniorinnen und Senioren attraktiv sein. Man könnte in eine kleinere, barrierefreie, zentral gelegenen Wohnung umziehen. So wäre es bequemer, sich in der Wohnung zu bewegen und Versorgungseinrichtungen und Kultur lägen näher. Man könnte eine Wohnung abteilen oder eine bestehende Einliegerwohnung vermieten, um Gesellschaft zu haben. Gemeinschaftliche Wohnprojekte könnten den richtigen Mix zwischen Gesellschaft und Privatheit bieten.

Von solchen Konzepten können auch Kommunen profitieren – und nicht zuletzt die Umwelt. Es würde Wohnraum frei, der den Druck auf Neubau mindern könnte. Das würde die Versiegelung bremsen und neuen Verkehr vermeiden. Wenn die Wohnfläche pro Kopf nicht mehr so rasant wüchse wie derzeit, täte das auch dem Klima gut. Meine Kollegin Tanja Kenkmann hat es ausgerechnet: Würde die Wohnfläche pro Kopf bei den Seniorinnen und Senioren mit besonders großen Wohnflächen in den nächsten 12 Jahren um jährlich drei Prozent zurückgehen, so sänken die jährlichen Treibhausgasemissionen im Jahr 2030 um 13,8 Millionen Tonnen. Das ist so viel wie statistisch 1,25 Millionen Deutsche heute jährlich ausstoßen.

Vieles muss passieren – manches ist möglich

Dazu muss natürlich viel passieren. In erster Linie muss anders gebaut werden: Flexible Gebäude könnten später geteilt werden. Kleine Mehrfamilienhäuser könnten in Einfamilienhausgebieten entstehen. So wäre es möglich, in eine kleinere Wohnung zu ziehen und doch in der vertrauten Umgebung zu bleiben. Auch die oft unverhältnismäßig höheren Kosten einer neuen Wohnung müssten sinken. Und für Umbauten muss es Anreize geben.

Doch oft sind Alternativen bereits heute vorhanden. So fördert das KfW-Programm „Altersgerecht bauen“ seit Juni die Teilung von Häusern, wenn dabei eine neue Wohneinheit geschaffen wird. Das Programm „Wohnen für Hilfe“ vermittelt Wohnungen und Zimmer im Haushalt von älteren Menschen an Studierende und Auszubildende, die im Tausch für Handreichungen in Haus und Garten eine sehr günstige Miete bekommen. In Berlin haben Mieterinnen und Mieter der städtischen Wohnungsbaugesellschaften das Recht, beim Tausch einer großen gegen eine kleine Wohnung die alte Quadratmetermiete „mitzunehmen“.

Aber die meisten Hausbesitzer und Hausbesitzerinnen suchen nicht nach solchen Möglichkeiten. Sie haben sich schlicht noch nie Gedanken über das Thema gemacht. Oder sie haben keine genauen Vorstellungen, oder es erscheint alles zu beschwerlich. Hier setzt das Projekt LebensRäume an, das das Öko-Institut zusammen mit dem Kreis Steinfurt, dem ISOE Institut für sozial-ökologische Forschung und dem ifeu Institut für Energie und Umwelt durchführt. In drei Kommunen des Kreises – Mettingen, Emsdetten und Ibbenbüren – sollen Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer kostenlose Orientierungsberatungen zum Thema „Wohnen im Alter“ erhalten. Speziell geschulte Beraterinnen und Berater kommen ins Haus, erörtern Wohnwünsche, stellen Alternativen vor.

Startschuss in Mettingen

Heute, am 4. Juli, fällt der Startschuss zur ersten Beratungskampagne in Mettingen. In dem Ort mit 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern engagiert sich neben dem Klimaschutzmanager Jens Leopold die Bürgermeisterin Christine Rählmann persönlich. Per Brief hat sie die Bürgerinnen und Bürger zur Auftaktveranstaltung im Ratssaal eingeladen. Am Veranstaltungsabend warten Vorträge zum Thema bei Snacks und Getränken. Schließlich haben die Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, sich  exklusiv einen Beratungstermin zu sichern.

Wir sind sehr gespannt, wie die Bürgerinnen und Bürger in Mettingen das Angebot aufnehmen werden!

Hier finden Sie den Flyer für eine kostenlose Orientierungsberatung bei Ihnen Zuhause: Beraterkarte LebensRäume Mettingen

 

Dr. Corinna Fischer ist Expertin für nachhaltigen Konsum  und arbeitet im Bereich „Produkte und Stoffströme“ am Standort Darmstadt.

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