„Der Blaue Engel soll zum klimafreundlichen Einkauf anleiten“

Der „Blaue Engel“ feiert 2018 sein 40. Jubiläum. War er anfangs vor allem bekannt als Zeichen für Recyclingpapier, schadstoffarme Lacke und Wandfarben, wurde er im Jahr 2008 auf elektronische und elektrische Geräte ausgeweitet. Er ziert energiesparende Dunstabzugshauben ebenso wie Toaster, Staubsauger, Smartphones und Rechenzentren. Zentrale Bedingung: sie verbrauchen wenig Energie. Aber auch Kriterien zu Ressourcenschutz, Gebrauchstauglichkeit und Gesundheitsaspekten sind im Blauen Engel enthalten. Wie die Kriterien für Deutschlands wichtigstes Umweltzeichen gefunden werden, berichtet Jens Gröger im Bloginterview. Er entwickelt in Forschungsprojekten für das Umweltbundesamt die Kriterien für die Vergabe des Blauen Engels.

Den ökologisch angebauten Apfel erkenne ich am Bio-Siegel, den klimaschonenden Haartrockner am Blauen Engel – ist das so richtig?

Das stimmt. Aber mehr noch. Ich erkenne ein Gerät, das nicht nur wenig Energie verbraucht, sondern auch eine hohe Trocknungsleistung bei wenig Energieeinsatz bringt. Also energieeffizient arbeitet. Ein Haartrockner mit dem Blauen Engel erzeugt weniger Lärm als andere Geräte und enthält keine giftigen Chemikalien im Griff und im Gehäuse.

Das bedeutet, dass das Umweltzeichen nicht nur einen Aspekt berücksichtigt, sondern neben dem Klimaschutz auch noch andere?

Ja, genau, das ist wichtig. Bei dem Blauen Engel handelt es sich nicht um ein „monokriterielles“ Umweltzeichen, das eine einzelne Eigenschaft auszeichnet, beispielsweise den Energieverbrauch, sondern es zeichnet rundum gute und vorbildliche Produkte aus. Dazu gehören auch die Qualität, Langlebigkeit, Ersatzteilverfügbarkeit, Schadstofffreiheit und zusehends auch soziale Aspekte wie den Einsatz von fair gewonnenen Rohstoffen und die Einhaltung von grundlegenden Menschen- und Arbeitsrechten bei der Produktion.

Wie werden die Kriterien für energiesparende und umweltfreundliche Geräte für den Blauen Engel genau erarbeitet?

Wir führen für alle neuen Produktgruppen eine sogenannte Produktnachhaltigkeitsanalyse (PROSA) durch. Dabei sehen wir uns ein Produkt entlang des gesamten Lebensweges an. Von der Rohstoffgewinnung über die Fertigung, den Transport, die Nutzung des Produktes und dessen Entsorgung. Entlang des Lebensweges identifizieren wir ökologische und soziale Hotspots. Also die Stellen, die besonders relevant für die Umweltauswirkungen sind.

Bei einigen Produkten kann es ein spezieller Schritt in der Herstellung sein, beispielsweise bei der Fertigung von Elektronikkomponenten. Bei anderen dominiert die Nutzungsphase, zum Beispiel wegen des hohen Energiebedarfs. Ausgehend von dieser Analyse legen wir Kriterien fest, um die besten verfügbaren Produkte zu beschreiben. Zu jedem Kriterium gehört ein zuverlässiger Nachweis, in der Regel ein Laborbericht oder eine Erklärung von Inhaltsstoffen.

In Expertenanhörungen diskutieren wir die Kriterien mit relevanten Marktteilnehmern, dies sind Hersteller, Verbraucher- und Umweltverbände sowie andere wissenschaftliche Einrichtungen. Am Ende steht ein Vergabedokument für den Blauen Engel, das von der unabhängigen Jury Umweltzeichen verabschiedet wird und auf dessen Grundlage die Vergabe des Umweltzeichens erfolgen kann.

Welche Rolle hat das Öko-Institut dabei?

Im Jahr 2008 haben wir ein Konzept entwickelt, in dem der Blaue Engel für den Klimaschutz die Rolle eines „Toprunner“-Zeichens übernimmt. Der Engel soll zum klimafreundlichen Einkauf anleiten, also praktisch durch hohe Mindeststandards „vorauseilen“. Weil es bis dato nur wenige klimarelevante Produkte mit dem Umweltzeichen gab, haben wir in einem von der Nationalen Klimaschutzinitiative geförderten Projekt bis zum Jahr 2013 die Kriterien für insgesamt 100 klimarelevante Produkte entwickelt.

Aber auch seither sind wir dem Umweltzeichen mit unserer Forschung eng verbunden. Die Kriterien des Umweltzeichens müssen alle drei bis vier Jahre überarbeitet werden und wir unterstützen das Umweltbundesamt in verschiedenen Projekten dabei. Außerdem führen wir Projekte zur internationalen Nutzung des Umweltzeichens durch und passen dafür die Kriterien beispielsweise für den chinesischen, indischen und thailändischen Markt an.

Von Bürogeräten bis Haustechnik – finde ich als Verbraucherin in allen Kategorien immer auch ein Blaues Engel-Gerät, das ich im Handel kaufen kann?

Nein, leider nicht. Wir können mit den Kriterien für den Blauen Engel zwar die ökologischen Spitzenprodukte identifizieren, die Zeichennutzung muss aber der Hersteller oder Händler des Produktes selbst beantragen. Weil es ein freiwilliges Umweltzeichen ist, können wir niemanden dazu zwingen, es auf seine Produkte draufzukleben.

So kommt es, dass es zwar sehr sparsame Geräte auf dem Markt gibt, die Hersteller aber lieber mit einem selbst erfundenen Zeichen ohne unabhängige Überprüfung damit werben. Der Blaue Engel könnte wesentlich intensiver in der Kommunikation genutzt werden als es momentan der Fall ist.

Für wen bietet der Blaue Engel noch Anhaltspunkte zum umweltfreundlichen Einkauf?

Ganz klar für den öffentlichen Einkauf. Die Öffentliche Hand, also Kommunen, Länder und der Bund, trägt mit den von ihr eingekauften Produkten und Dienstleistungen zu rund 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes bei. Der öffentliche Einkauf hat dadurch eine erhebliche Marktmacht, die gezielt auch für umweltfreundliche Produkte eingesetzt wird. Bei öffentlichen Ausschreibungen ist es daher üblich, auf die Kriterien des Umweltzeichens zu verweisen und nur solche Produkte zu beschaffen, die diese Kriterien erfüllen. Solche Produkte müssen nicht unbedingt das Umweltzeichen tragen, sie müssen aber die Anforderungen erfüllen, die das Zeichen vorgibt.

Wie geht der Blaue Engel mit komplexen Dienstleistungen um – wie finde ich zum Beispiel ein energieeffizientes Rechenzentrum?

Auch das ist möglich. Anders als bei statischen Produkten, die einmal auf dem Prüfstand untersucht werden können, wird beim Blauen Engel für Dienstleistungen der gesamte Prozess untersucht. Wie muss ein Unternehmen arbeiten, um ein relevantes Umweltentlastungspotenzial auszuschöpfen?

Beim Rechenzentrum geht es hier beispielsweise um das kontinuierliche Energie-Monitoring, um den Einsatz klimaschonender Kältemittel in Klimaanlagen und hohe Effizienzstandards bei Ersatzinvestitionen. Durch regelmäßige Berichterstattung muss der Betreiber des Rechenzentrums nachweisen, dass er diese Standards dauerhaft einhält. So kann ich als Kunde eines Online-Speichers oder eines E-Mail-Kontos gezielt ein Rechenzentrum auswählen, dass einen geringen ökologischen Fußabdruck hat.

Daher meine Gegenfrage: Wo hostet das Öko-Institut eigentlich seine Website? In einem Rechenzentrum mit dem Blauen Engel?

Das bringen wir schnellstmöglich in Erfahrung und bedanken uns zunächst für das Gespräch.

Das Interview führte Mandy Schoßig.

 Jens Gröger ist Senior Researcher im Institutsbereich Produkte & Stoffströme und Experte für nachhaltigen Konsum und Produkte. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in den Bereichen „Informations- und Kommunikationstechnik“, „Umweltfreundliche Beschaffung“ sowie „Umweltzeichen“.
Weitere Informationen:

Aktionsseite „40 Jahre Blauer Engel“

Video-Grußbotschaft der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu „40 Jahre Blauer Engel“

Themenseite des Öko-Instituts „Mit dem Blauen Engel fürs Klima zu mehr Transparenz beim Einkauf“

Projektwebsite „Ökotop100 – Einkaufshilfen für klimafreundliche Produkte“ des Öko-Instituts

EcoTopTen – Plattform des Öko-Instituts für nachhaltigen Konsum und ökologische Spitzenprodukte

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