Die Lektion der Marsmenschen

Durch Filme wie Gravity aus dem Jahre 2013 mit Sandra Bullock und George Clooney in den Hauptrollen wurde erstmals einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht, welche Gefahren von Weltraumschrott ausgehen. Für die Internationale Raumstation (ISS) sind entsprechende Ausweichmanöver bekanntlich mittlerweile tägliche, überlebenswichtige Routine. Schließlich sieht die unmittelbare Umgebung unseres Heimatplaneten in etwa so aus wie ein Einfamilienhaus nach einer aus dem Ruder gelaufenen Facebook-Party der Sprösslinge, während die ahnungslosen Eltern sich im Urlaub befinden.

Das Weltraumabenteuer der Menschheit könnte – bedingt durch die gigantische uns umkreisende Müllhalde – enden, bevor es richtig begonnen hat. Nur ein Aspekt ist unsere extreme Verwundbarkeit durch die Abhängigkeit von Satelliten, die der  Weltraummüll gleichfalls zunehmend bedroht, da Relativgeschwindigkeiten von zehn Kilometern pro Sekunde selbst Erbsen in explosive Geschosse verwandeln; und jede Kollision erzeugt zusätzliche gefährliche Trümmerteile.

Vor dem Ertrinken

Das menschliche Unvermögen, sich den Folgen des eigenen Handelns zu widmen, bevor diese virulent werden, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Technik. Und doch sind diesbezügliche Prognosen fast immer extrem ungenau, denn sie rechnen das Bekannte für die Zukunft hoch, ohne unseren Erfindungsreichtum zu berücksichtigen. Ein prominentes Beispiel stellt die Sorge um ein baldiges Ertrinken in Pferdemist zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dar.

Heute hingegen plagen wir uns mit den umweltbelastenden Kehrseiten der mit Pferdestärken protzenden Nachfolger der domestizierten Huftiere herum. Und sogar hierfür sind bereits Lösungen erfunden – anders als im Fall des Weltraummülls, der als Problem erst weiter wachsen wird.

Überforderte Vorstellungskraft

Das gilt leider gleichermaßen für eine Sphäre, die aufgrund ihrer vermeintlichen Unendlichkeit, der weitgehenden Finsternis, der fehlenden Atemluft sowie der Möglichkeit, ein Gefühl von Schwerelosigkeit zu erleben, quasi das terrestrische Pendant des Alls darstellt. Genau diese Welt, von deren Reichtümern hunderte Millionen Menschen unmittelbar durch Fischfang abhängig sind, wurde genauso gedankenlos verheert und vergiftet. Dabei kommt die Ausbeutung der Schätze der Tiefsee eben erst in Fahrt.

Hier zeigt sich, wie sehr die menschliche Vorstellungskraft durch die Weite überfordert ist – zeitlich wie räumlich. Für ein einzelnes „Menschlein“ ist es kaum begreifbar, dass das eigene Tun Einfluss auf die riesigen Ozeane haben soll. Bis die milliardenfache Addition von Naivität Tatsachen schafft …

Auf zwei Planeten

Es lässt sich darüber streiten, ob wir als Spezies wirklich aus unseren Fehlern lernen. Jedenfalls gab es von schon vor langer Zeit einen ausgezeichneten Ratschlag durch den uns – hätten wir ihn befolgt – vieles erspart geblieben wäre. Er kam aus berufenem Mund – von unabhängigen, außenstehenden Beobachtern, die uns lang genug studieren konnten. Die Rede ist von den Bewohnern unseres Nachbarplaneten Mars.

Zugegeben, hierbei handelt es sich lediglich um eine Begebenheit aus dem Bereich des Science-Fiction, wenngleich aus einem der Schlüsselwerke des Genres schlechthin. In dem 1897 veröffentlichten Roman „Auf zwei Planeten“ von Kurt Laßwitz wird verhandelt, wie eine Gruppe von Forschern während einer Expedition zum Nordpol ungewollt in den Sog der Marsmenschen gerät, die sie nach allerlei Verwicklungen auf ihren Planeten einladen.

Von den Zinsen leben

Dort dann geben sie den menschlichen Besuchern eine entscheidende Lektion: Wir sollten die praktisch kostenlose und saubere Energie der Sonne nutzen, anstatt in verschwenderischer Weise fossile Brennstoffe zu verfeuern, lautete der Rat. Oder – wie es treffend heißt – statt von der Substanz von den Zinsen leben.

Auch in anderer Hinsicht sind die Marsmenschen in dem Roman den Erdbewohnern überlegen: Sie führten seit Generationen keine Kriege mehr und konnten dadurch ihre ganze Kraft in Kultur und Bildung investieren, spotten somit der Gleichsetzung des roten Planeten mit dem römischen Kriegsgott.

Eskapistisches Abenteuer

Tatsächlich sind wir wenigstens auf dem Weg zu einem nachhaltigen Umgang mit unserem Planeten ein großes Stück vorangekommen – trotz aller Widerstände von Seiten derer, die am Naturverbrauch hervorragend verdienen. In diesem Zusammenhang wird übrigens deutlich, wie weit Kurt Laßwitz in seinem Denken seinen Zeitgenossen voraus war.

Unterdessen rückt das Abenteuer eines bemannten Marsflugs langsam in greifbarere Nähe. Für manche Menschen ist der Traum des Besuchs bis hin zum Terraforming fremder Planeten Ausdruck von Eskapismus. Das ist gewiss eine nachvollziehbare Anschauung, wenn man bedenkt, dass wir unsere selbstzerstörerische Art zu handeln und unsere bisherige Unfähigkeit, in Frieden miteinander zu leben, mit höchster Wahrscheinlichkeit exportieren würden. Insofern sollten wir zunächst einmal versuchen, auf der Erde zurecht zu kommen.

Das wahre Paradies

Andererseits sind es gerade enorme Anstrengungen abverlangende Projekte wie diese, die das Potenzial besitzen, die Menschheit kulturell voranzubringen. Durch sie lässt sich zeigen, dass es jenseits unserer oftmals albernen Konflikte untereinander Ziele gibt, für die es sich lohnt, Engstirnigkeiten und Egoismen zu überwinden und den Konsens zu suchen.

Und falls wir auf dieser Reise zu den „Final Frontiers“ nicht auf weise Marsbewohner stoßen sollten, könnten wir zumindest – weil man das eine tun kann, ohne das andere zu lassen – durch die Bewahrung der Ozeane noch viele irdische Geschöpfe entdecken, von denen wir ebenfalls wichtige Dinge lernen können. Zum Beispiel, dass wir das wahre Paradies längst entdeckt haben.

 

Der Autor:
Michael Graef ist Journalist und Mitbegründer der Design-Publikation COLD PERFECTION sowie Mitinhaber des gleichnamigen Verlags, welches auch das Online-Magazin RGBMAG herausgibt, für das er regelmäßig über verschiedene Zukunftsthemen schreibt.

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