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Die weltweite Suche nach atomaren Endlagerstandorten/ The global search for final storage of high-level radioactive waste [deu/eng]

Dr. Alisson Macfarlane, Quelle: Privat

Dr. Alisson Macfarlane, Quelle: Privat

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In Finnland wird schon gebaut, in Frankreich ist ein Standort festgelegt, die USA stecken fest. Rund um den Globus beschäftigen sich Staaten mit der Suche nach einem Endlagerstandort. Dr. Allison Macfarlane ist eine der wichtigsten Nuklearexpertinnen der USA und leitet die School of Public Policy and Global Affairs an der University of British Columbia in Kanada. Im Interview mit eco@work spricht sie über den Stand der weltweiten Endlagersuche, Faktoren für eine gelingende Standortfestlegung und den Stand der Endlagerthematik in ihrem Heimatland.

Dr. Macfarlane, was ist aus Ihrer Sicht der größte Mythos, wenn es um die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle geht?

Dass wir warten können. Dass wir in Zukunft schlauer sein und einen besseren Weg finden könnten. Dass wir die radioaktiven Abfälle bis dahin gelagert lassen sollten. Das alles ist falsch.

Wenn Sie verantwortlich wären für die Endlagerung in Ihrem Land, was würden Sie entscheiden?

Ich würde dafür sorgen, dass eine Lagerstätte in tiefen geologischen Formationen eingerichtet wird. Wir müssen den Kontakt mit diesem gefährlichen Material so weit wie möglich minimieren und der einzige Weg hierfür ist, es tief in den Boden zu tun.

Welches Land ist bei der Einrichtung eines Endlagers am weitesten fortgeschritten?

Definitiv Finnland. Es wird wahrscheinlich als erstes Land ein Endlager in Betrieb nehmen. Dieses ist auf der Halbinsel Olkiluoto an der Westküste bereits im Bau, es wird dann nur noch eine weitere Genehmigung brauchen, um es zu betreiben.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Auch Schweden ist relativ weit, auch hier wurde bereits ein Standort ausgewählt. Es liegt direkt beim Kernkraftwerk Forsmark im Osten Schwedens, die behördliche Überprüfung läuft. Hier mussten übrigens unterschiedliche Methoden ausprobiert werden, um einen Standort zu finden. Zunächst wurde nach geeigneten geologischen Formationen gesucht, dann fragten sie Kommunen, ob sie das Endlager freiwillig bei sich einrichten würden. Da gab es auch welche, doch das passte dann leider aus geologischen Gründen nicht. Am Ende wurden gezielt Kommunen gefragt, die bereits nukleartechnische Anlagen bei sich haben, ob sie dafür bereit wären. Das hat sich ausgezahlt: Sie haben zwei Kommunen gefunden, in denen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung die Einrichtung des Endlagers unterstützt.

In Frankreich, einem Land mit sehr vielen Kernkraftwerken, wurde Bure in Lothringen als Standort festgelegt. Großbritannien war mal nah dran, einen Standort auszusuchen, musste nach erheblichem Widerstand die Suche aber noch mal neu starten. Auch Japan hat nach dem Unfall von Fukushima wieder angefangen nach einem passenden Standort zu suchen.

Wie wird die Suche nach einem Standort erfolgreich?

Eine wichtige Erkenntnis aus den bisherigen Verfahren ist aus meiner Sicht, dass es in der Regel keinen gradlinigen Prozess gibt. Sondern dass man etwas ausprobieren muss und dann wahrscheinlich scheitert, um dann wieder etwas auszuprobieren und vielleicht noch mal zu scheitern. Aber irgendwann versucht man es und es gelingt.

Außerdem braucht es viele Kompromisse und Verhandlungen und die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Man kann nicht einfach in eine Kommune gehen und sie ohne Diskussion als Endlagerstandort festlegen. Die Menschen müssen eine Gelegenheit haben, nein zu sagen. Natürlich nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ist die formale Genehmigung erst mal erteilt, ist es dann doch zu spät dafür. Wichtig ist zudem, dass die Gemeinde finanzielle Ressourcen erhält, um eigene beziehungsweise unabhängige Untersuchungen in Auftrag geben zu können und sich nicht darauf verlassen zu müssen, dass das schon stimmen wird, was die Regierung oder die Atomwirtschaft sagt. Bestenfalls sollte es solche Mittel auch für jene geben, die in Opposition zu einem Endlager stehen. Es gibt übrigens ein sehr schönes Beispiel aus Belgien, das zeigt, wie eine Zusammenarbeit zwischen Behörden und Gemeinden funktionieren kann: Hier wurden bei der Endlagerung von schwachradioaktiven Abfällen Partnerschaften mit den Gemeinden angestrebt. Das war sehr erfolgreich, denn nun gibt es dort ein Lager für schwachradioaktive Abfälle, das in Betrieb ist.

Wo stehen die USA bei diesem Thema?

Leider nirgendwo. 1987 wurde Yucca Mountain vom US-Kongress als einziger zu evaluierender Standort ausgewählt und 2002 genehmigten der Präsident und der Kongress das Stellen eines Lizenzantrags, um dort ein Endlager zu errichten. Diesen zog das Energieministerium jedoch 2010 wieder zurück. Seither hat der Kongress keine Mittel bereitgestellt, um mit dem Standort voranzukommen. Derzeit ist die Entscheidung für oder gegen Yucca Mountain also offen. Und seit das Energieministerium 2010 die Behörde aufgelöst hat, die für die Entsorgung von Atommüll zuständig war, gibt es keine nationale Organisation, die den Umgang mit radioaktiven Abfällen federführend übernimmt.

Warum stecken die USA in diesem Prozess fest?

Zum einen, weil der ursprüngliche Plan, mehrere Standorte zu untersuchen, aus Kostengründen wieder eingestampft wurde. Es gibt jetzt auch niemanden, der einen Anreiz hat, die Dinge wieder in Gang zu setzen. Für die Politikerinnen und Politiker ist es kein relevantes Thema, um wiedergewählt zu werden. Außerdem gibt es eine rechtliche Grundlage, die eigentlich vorsieht, dass die radioaktiven Abfälle von der Regierung von den Kraftwerken entfernt werden müssen. Da dies zum im Vertrag bestimmten Zeitpunkt 1998 nicht passierte und die finanziell sowieso angeschlagenen Betreiberunternehmen klagten und auch gewannen, bekommen sie nun Steuergelder dafür, den Abfall in den Reaktoren zu lagern. Warum sollten Sie sich also um eine Endlagerung kümmern? Die einzigen Menschen, die ein Interesse daran hätten, das Müllproblem zu lösen, sind jene, die in der Nähe von stillgelegten Kernkraftwerken wohnen, wo die hochradioaktiven Abfälle weiterhin gelagert werden. Das betrifft derzeit bereits 19 Anlagen mit 21 Reaktoren, 2025 werden es schon 24 Anlagen sein. Doch diese Menschen haben leider keine laute Stimme.

Die USA haben jedoch weltweit das einzige tiefe geologische Lager, das tatsächlich in Betrieb ist. Allerdings nicht für hoch-, sondern für mittelradioaktive Abfälle aus der Atomwaffenherstellung. Diese so genannte Waste Isolation Pilot Plant, kurz WIPP, liegt im US-Bundesstaat New Mexico, Ende der 1990er Jahre wurde der erste radioaktive Abfall hierher gebracht. Die Kommune, in der es liegt, ist übrigens zufrieden damit, weil es Wohlstand, gute Jobs und bessere Schulen mit sich gebracht hat.

Was bringt Länder bei diesem Thema dazu, zu handeln?

Ein Sinn für Verantwortlichkeit. Das Wissen, dass man sich auch um ungemütliche Hinterlassenschaften kümmern muss. Diesen Sinn gibt es leider in den USA kaum, das sieht man auch bei der Debatte über den Klimawandel. Gleichzeitig wird so ein Thema für die Menschen natürlich unwichtig, wenn sie darum kämpfen, überhaupt genug Geld für Strom und Essen zu haben.

Doch klar ist: Wir müssen handeln. Man darf das nicht zukünftigen Generationen überlassen. Was in den vergangenen vier Jahren in den USA passiert ist, sollte eine Warnung für uns alle sein. Es hat sich gezeigt, dass Institutionen versagen können. Deswegen müssen wir uns so schnell wie möglich um diese wirklich gefährlichen Materialien kümmern.

Warum ist niemand dieses Thema früher angegangen?

In den 1950ern, als man mit der Kernenergie anfing, das war einfach eine andere Zeit, es gab kein ökologisches Bewusstsein. Deswegen hat man sich auch keine Gedanken über die Abfälle gemacht, die mit der Technologie verbunden sind – übrigens auch nicht bei anderen Energietechnologien. Man könnte sogar argumentieren, dass das Versäumnis bei den fossilen Energien viel größer ist – denn sie verursachen den Klimawandel, der die Menschheit bedroht.

Was können wir von der Covid-19-Pandemie für die Endlagerung lernen?

Dass wir vorbereitet sein müssen. Viele Gesundheitsexpertinnen und -experten haben schon lange gesagt, dass eine globale Pandemie möglich ist. SARS und MERS haben uns das ebenso vor Augen geführt. Bei Covid-19 hätten wir einen Plan gebraucht, was zu tun ist. Und natürlich Schutzausrüstung, Masken oder auch Desinfektionsmittel. Das war alles bekannt. Dasselbe gilt für radioaktive Abfälle. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Kernkraftwerke gefährliche Abfälle produzieren. Und ich denke, es ist unverantwortlich, weiter neue Reaktoren zu bauen ohne einen Plan zu haben, was damit passieren soll. Und es ist ja nicht unmöglich, mit radioaktiven Abfällen umzugehen, ganz im Gegenteil. Aber wir müssen uns auch damit befassen. Und zwar jetzt sofort.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Christiane Weihe.

Dr. Allison Macfarlane leitet an der University of British Columbia in Vancouver (Kanada) die School of Public Policy and Global Affairs (SPPGA). Zuvor war die Geowissenschaftlerin Professorin für Wissenschaftspolitik und Internationale Angelegenheiten an der Elliott School of International Affairs der George Washington University sowie Direktorin des dortigen Instituts für Internationale Wissenschaft und Technologiepolitik. Darüber hinaus war Allison Macfarlane von 2012 bis 2014 Vorsitzende der us-amerikanischen Nuclear Regulatory Commission (NRC) sowie von 2010 bis 2012 Mitglied der Blue Ribbon Commission on America’s Nuclear Future, die unter US-Präsident Barack Obama ins Leben gerufen wurde, um Empfehlungen für eine nationale Strategie zum Umgang mit hochradioaktiven Abfällen zu entwickeln.

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The global search for final storage of high-level radioactive waste

Dr. Alisson Macfarlane, Quelle: Privat

Dr. Alisson Macfarlane, Quelle: Privat

In Finland construction is already under way, in France a site has been identified, while the USA is still stuck. Countries all over the world are engaged in the search for a final repository. Dr Allison Macfarlane is one of the USA’s top nuclear experts. She is Director of the School of Public Policy and Global Affairs at the University of British Columbia in Vancouver, Canada. In her interview with eco@work she talks about the state of the worldwide search for a repository, the factors that contribute to a successful search for a site, and also about where the repository issue has got to in her home country.

Dr Macfarlane, what do you see as the biggest myth in connection with the final storage of high-level radioactive waste?

That we can wait. That in future we will be cleverer and able to find a better way. That we should leave the radioactive waste in storage until then. All those things are wrong.

If you were responsible for final storage in your country, what would you decide?

I would make sure that a repository is located in deep geological formations. We need to minimise contact with this hazardous material to the greatest extent possible, and the only way to do this is to put it deep underground.

Which country has made most progress in setting up a repository?

Definitely Finland. It will probably be the first country to put a final repository into operation. The repository is already under construction on the Olkiluoto peninsula on the west coast; only one more licence will be needed for it to become operational.

What is the position in other countries?

Sweden, too, is relatively far advanced. It has already chosen a site – which is adjacent to the Forsmark nuclear power plant in the east of the country – and the official review is under way. In Sweden, incidentally, they had to try multiple methods to find a site. Initially the search involved looking for an appropriate geologic setting, then they asked for municipalities to volunteer to host a repository on their land. Some came forward, but for geological reasons they turned out not to be suitable. Finally, municipalities that already have nuclear facilities were approached and asked if they would be prepared to be involved. That paid off: they found two communities where more than 80 percent of the local population was supportive of a repository.

In France – a country with a very large number of nuclear power plants – Bure in Lorraine has been identified as a site. The UK was close to choosing a site, but after considerable opposition the search had to be re-started. And following the accident at Fukushima, Japan has also begun again to look for a suitable site.

What enables the search for a site to succeed?

In my view, one of the key things we have learned from the activities to date is that it is not usually a straightforward process. You have to try something and it probably fails, so you then try something else and perhaps fail again. But eventually you try something and it succeeds.

It also needs a lot of compromises and a lot of negotiating, and you have to cooperate with the local people. You cannot simply go to a municipality and specify it as a site for a final repository without discussion. People must have an opportunity to say no. Of course, this only applies up to a certain point in time. Once formal approval has been granted, it is too late to object. It is also important for the municipality to be given the financial resources needed to carry out its own surveys – or commission independent ones – so that the community doesn’t have to rely on the assumption that what the government or the nuclear industry says is correct. Ideally such funds should also be available for those who oppose a final repository as well.

By the way, there is a very nice example from Belgium that shows how cooperation between government agencies and municipalities can work. The aim was to strike partnerships with the municipalities in connection with the final storage of low-level radioactive waste. This was very successful and there is now an active low-level waste facility.

Where does the USA stand on this issue?

Unfortunately nowhere. In 1987 Yucca Mountain was selected by the US Congress as the only site to evaluate and in 2002, the President and Congress approved moving forward with a license application to construct a repository there. Then in 2010 the Department of Energy pulled the license application for the site from the NRC. And Congress has not provided any funds to move forward with the site since then. So, the decision for or against Yucca Mountain is currently open. And since the Department of Energy dissolved the office that handled nuclear waste disposal in 2010, there is now no national organisation that takes the lead in the handling of radioactive waste.

Why has the USA got stuck in this process?

This is partly because the original plan to examine a number of sites was scrapped for reasons of cost. And now there is nobody with an incentive to get things going again. For politicians it is not an issue that helps them get re-elected. In addition, there is in principle a legal requirement for the government to remove radioactive waste from power plants. Because the government didn’t do this by the contract date of 1998, the already cash-strapped operating companies sued and won. The operators are now being given taxpayers’ money to store the waste in the reactors. So why should they worry about final storage? The only people who would have an interest in solving the waste problem are those who live near shutdown nuclear power plants where the high-level radioactive waste is stored. This is already the case at 19 power plants with 21 reactors; by 2025 there will be 24 such power plants. But unfortunately these people do not have a loud voice.

Nevertheless, the USA has the world’s only deep geological repository that is actually in operation – although not for high-level radioactive waste but for intermediate-level waste from the manufacture of nuclear weapons. This Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) is in the state of New Mexico. The first radioactive waste was brought here at the end of the 1990s. The municipality in which the plant is located is happy about it because it has brought prosperity, good jobs, and better schools.

What makes countries take action on this issue?

A sense of responsibility. The knowledge that we can’t ignore the uncomfortable legacies we are leaving. This way of thinking barely exists in the USA; you can see that in the debate about climate change too. It is also true, of course, that such issues are unimportant to people if they are struggling to find enough money for food and electricity.

But it is clear that we must act. We cannot leave this to future generations. The things that have happened in the USA in the past four years should be a warning for us all. They have shown that institutions can fail. We must therefore take care of these really dangerous materials as quickly as possible.

Why has no one dealt with this issue much earlier?

Times were simply different in the 1950s when nuclear energy started – there was no environmental awareness. This meant that no one worried about the waste that came with the technology – and this applied to other energy technologies too. You could even argue that the omission is far greater in the case of fossil fuels – because they cause climate change, which puts humanity at risk.

What can the Covid-19 pandemic teach us about final storage?

That we must be prepared. Many experts have been saying for a long time that a global pandemic is possible. SARS and MERS have also brought that home to us. We should have had a plan for dealing with Covid-19, just as we should have had PPE, masks and sanitiser. We knew about those things. The same applies to radioactive waste. We have known for decades that nuclear power plants produce hazardous waste. And I think it is irresponsible to go on building new reactors without having a plan for dealing with the waste. It is not impossible to deal with radioactive waste – quite the opposite. But we have to get to grips with it. And we have to do it now.

Thank you for talking to eco@work.
The interviewer was Christiane Weihe.

Allison Macfarlane is Director of the School of Public Policy and Global Affairs (SPPGA) at the University of British Columbia in Vancouver, Canada. A geoscientist, she was previously Professor of Science Policy and International Affairs at the Elliott School of International Affairs at George Washington University (GWU) and Director of the Institute for International Science and Technology Policy at GWU. Between 2012 and 2014 Allison Macfarlane chaired the USA’s Nuclear Regulatory Commission (NRC) and from 2010 to 2012 she was a member of the Blue Ribbon Commission on America’s Nuclear Future, which was set up under President Barack Obama to produce recommendations for a national strategy on dealing with high-level radioactive waste.

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