Der CO2-Fußabdruck unseres digitalen Lebensstils

Jens Gröger vom Öko-Institut

Das Öko-Institut ist bekannt dafür, dass es zu wichtigen ökologischen Zukunftsfragen die richtigen Antworten kennt. Senior Researcher Jens Gröger beschäftigt sich mit dem aktuellen Thema „Nachhaltige Digitalisierung“ und hat nachgerechnet.

Wieviel CO2-Emissionen verursacht eine Google-Anfrage?

Diese beliebte Journalistinnen- und Journalisten-Frage möchte ich zum Anlass nehmen, ein paar Beispielrechnungen durchzuführen, die den CO2-Fußabdruck durch unseren digitalen Lebensstil beschreiben. Die Zahlen beruhen auf eigenen oder externen wissenschaftlichen Arbeiten zur Herstellung und Nutzung von Geräten der Informationstechnik. Die Zahlen sind teilweise mit großen Unsicherheiten behaftet, allein schon deshalb, weil sie sich durch den technologischen Fortschritt und die veränderten Konsumgewohnheiten rasant ändern und stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen (beispielsweise der Art der Stromerzeugung) abhängig sind. Trotzdem möchte ich hier ein paar Zahlenspiele und Dreisatz-Rechnungen durchführen, um die Größenordnung des Problems zu beschreiben. Bei den Zahlen habe ich großzügig gerundet, um keine Genauigkeit vorzutäuschen, die derzeit leider nicht gegeben ist.

Vorweg zur Einordnung: Eine Bundesbürgerin oder ein Bundesbürger verursacht durch Energieverbrauch, Transport und Konsum CO2-äquivalente Emissionen (CO2e) von rund zwölf Tonnen pro Jahr. Ein klimaverträgliches Maß wären zwei Tonnen pro Erdenmensch.

 

Der CO2-Fußabdruck unseres digitalen Lebensstils

Der CO2-Fußabdruck unseres digitalen Lebensstils – Infografik zum Herunterladen auf Flickr. Dafür bitte ins Bild klicken.

1. Herstellung digitaler Endgeräte

Die Herstellung digitaler Endgeräte, wie Smartphone, Laptop und Fernsehgerät, verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen. Die Emissionen entstehen insbesondere durch Prozesschemikalien zur Rohstoffgewinnung und Verarbeitung sowie durch den Energieaufwand zur Halbleiterfertigung. Die Herstellung eines großen Flachbildfernsehers ist mit CO2-Emissionen von 1.000 Kilogramm verbunden [1]. Für einen Laptop werden in der Herstellung 250 Kilogramm CO2 ausgestoßen [2]. Ein Smartphone oder ein digitaler Sprachassistent (Alexa und Co.) schlagen bei der Produktion schätzungsweise mit jeweils rund 100 Kilogramm zu Buche. Bezieht man diesen Herstellungsaufwand auf die jeweils typische Nutzungsdauer, so ergeben sich jährliche CO2-Emissionen wie folgt:

Treibhausgasemissionen bei der Herstellung, bezogen auf 1 Jahr Nutzungsdauer

  • Fernseher: 200 kg CO2e pro Jahr
  • Laptop: 63 kg CO2e pro Jahr
  • Smartphone: 50 kg CO2e pro Jahr
  • Sprachassistent: 33 kg CO2e pro Jahr
  • Summe Herstellung: 346 kg CO2e pro Jahr

2. Nutzung digitaler Endgeräte

Alle digitalen Geräte verursachen zusätzlich in der Nutzungsphase, also bei uns zuhause oder im Büro, CO2-Emissionen, indem sie elektrische Energie verbrauchen. Dieser Energieverbrauch ist stark vom jeweiligen Nutzerinnen- und Nutzer-Verhalten abhängig. Die Annahmen, die ich hier getroffen habe, sind daher Abschätzungen für eine typische Nutzung. Das Fernsehgerät hat im eingeschalteten Zustand eine Leistung von 200 Watt und wird entsprechend des durchschnittlichen Fernsehkonsums eines Menschen in Deutschland vier Stunden pro Tag genutzt. Der Laptop wird bei einer elektrischen Leistungsaufnahme von 32 Watt ebenfalls vier Stunden pro Tag genutzt. Das Smartphone hängt vier Stunden täglich am Ladegerät und nimmt während dieser Zeit fünf Watt auf. Die Treibhausgasemissionen, die durch den Energieverbrauch bei der Nutzung entstehen [3], stellen sich daher wie folgt dar:

Treibhausgasemissionen in der Nutzungsphase

  • Fernseher: 156 kg CO2e pro Jahr
  • Laptop: 25 kg CO2e pro Jahr
  • Smartphone: 4 kg CO2e pro Jahr
  • Sprachassistent: 4 kg CO2e pro Jahr
  • Summe Nutzung: 189 kg CO2e pro Jahr

3. Datenübertragung

Die Besonderheit digitaler Endgeräte besteht darin, dass sie ständig Daten über das Internet übertragen. Anders also als ein Toaster oder eine Glühlampe erzeugt die digitale Technik während der Nutzung zusätzlich einen ökologischen Fußabdruck, der nicht bei uns zuhause auftritt, sondern im Internet. Die Kosten für diesen Energieverbrauch tauchen nicht unserer Stromrechnung auf. Sie werden durch die Grundgebühren für den Internetanbieter oder Streaming-Dienstleister bezahlt, zusätzlich aber auch durch den Verkauf von Daten und Werbung. Der Zusammenhang zwischen der Höhe des Energieverbrauchs in Datennetzwerken und der übertragenen Datenmenge ist sehr komplex. Auch deshalb, weil die Datenmenge permanent schwankt und die Netze auf die jeweiligen Stoßzeiten mit maximaler Datenmenge ausgelegt sein müssen. Dennoch kann man den Zusammenhang wie folgt abschätzen [4]:

Energieverbrauch = Dauer der Übertragung * Zeitfaktor + Übertragene Datenmenge * Mengenfaktor

Aus dieser Abschätzung ergeben sich unter der Annahme unterschiedlicher Übertragungsgeschwindigkeiten und Datenmengen Treibhausgasemissionen im Datennetzwerk für folgende Aktivitäten:

Treibhausgasemissionen in Datennetzwerken

  • 4 Stunden Videostreaming pro Tag: 62 kg CO2e pro Jahr
  • 10 Fotos für soziale Netzwerke pro Tag: 1 kg CO2e pro Jahr
  • 2 Stunden Sprachassistent pro Tag: 2 kg CO2e pro Jahr
  • 1 Gigabyte Backup pro Tag: 11 kg CO2e pro Jahr
  • Summe Datennetzwerk: 76 kg CO2e pro Jahr

4. Rechenzentren

Die Voraussetzung für unseren digitalen Lebensstil ist neben den Endgeräten und einem gut ausgebauten Datennetzwerk zusätzlich noch eine Rechenzentrums-Infrastruktur. Rechenzentren kann man sich als Hallen vorstellen, gefüllt mit Hochleistungscomputern, sogenannten Servern, sowie Datenspeichern, Netzwerktechnik und Klimatisierungstechnik. In Deutschland wächst die von Rechenzentren beanspruchte Fläche jährlich und hat im Jahr 2017 2,2 Millionen Quadratmeter erreicht [5]. Der elektrische Energieverbrauch in deutschen Rechenzentren betrug im Jahr 2017 rund 13 Milliarden Kilowattstunden. Bezieht man diesen Energieverbrauch auf die 33 Millionen Internet-Nutzerinnen und -nutzer, die die Bundesnetzagentur für das Jahr 2017 nennt [6], so entfallen auf jeden Internet-Anschluss knapp 400 Kilowattstunden elektrische Energie beziehungsweise 213 Kilogramm CO2-Emissionen pro Jahr.

Bleibt als große Unbekannte nur noch der Energieverbrauch und die damit verbundenen CO2-Emissionen einer Google Anfrage. Die Rechenzentren von Alphabet, der Firma hinter Google, stehen über die ganze Welt verteilt, nicht aber in Deutschland. Es ist daher zulässig, deren Emissionen zu den Emissionen deutscher Rechenzentren hinzuzuzählen. Schätzungen gehen davon aus, dass eine einzelne Google-Anfrage mit CO2-Emissionen von einem bis zehn Gramm CO2-Äquivalenten verbunden ist. Google selbst beziffert in seinem Umweltbericht 2017 seinen CO2-Fußabdruck für das Jahr 2016 mit 2,9 Millionen Tonnen CO2e und seinen elektrischen Energieverbrauch mit 6,2 Terawattstunden (TWh) [7]. Bezieht man den CO2-Fußabdruck von Google auf eine weitere unsichere Größe, die Anzahl der Suchanfragen pro Jahr [8] in Höhe von zwei Billionen (1012), so erhält man eine Zahl von 1,45 Gramm pro Suchanfrage. Kurzer Plausibilitätscheck: dies sind jährlich 260 Suchanfragen pro Bewohnerin und Bewohner der Erde. Zurück zu unserer CO2-Bilanz: Nutzen wir die Suchmaschine mit 50 Suchanfragen pro Tag, so verursacht dies CO2-Emissionen in Höhe von 26 Kilogramm pro Jahr.

Treibhausgasemissionen in Rechenzentren

  • Deutsche Rechenzentren pro Internet-Nutzer: 213 kg CO2e pro Jahr
  • 50 Google-Anfragen pro Tag: 26 kg CO2e pro Jahr
  • Summe Rechenzentren: 239 kg CO2e pro Jahr

5. Ökologischer Fußabdruck aller digitalen Aktivitäten zusammen

Zieht man nun Bilanz aus den geschätzten CO2-Emissionen unserer digitalen Aktivitäten, so wird schnell klar, warum die Anzahl der Google-Anfragen nur ein kleiner Teil des Problems ist:

Treibhausgasemissionen durch digitale Aktivitäten

  • Herstellung Endgeräte 346 kg CO2e pro Jahr
  • Nutzung Endgeräte 189 kg CO2e pro Jahr
  • Datennetzwerke 76 kg CO2e pro Jahr
  • Rechenzentren 239 kg CO2e pro Jahr
  • Summe total 850 kg CO2e pro Jahr

Die Herstellung und Nutzung von Endgeräten, die Übertragung von Daten über das Internet sowie die Nutzung von Rechenzentren verursachen pro Jahr einen CO2-Fußabdruck pro Person von insgesamt 850 Kilogramm. Dies ist bereits knapp die Hälfte des uns pro Person zur Verfügung stehenden CO2-Budgets, wenn der Klimawandel in noch erträglichen Grenzen gehalten werden soll. Nimmt man noch weitere Treibhausgasemissionen hinzu, die durch die Nutzung von weltweit verteilten Webseiten, Musik- und Videostreaming-Diensten, sozialen Netzwerken, vernetzten Haushaltsgeräten, Videoüberwachung, Big-Data-Analysen und so weiter entstehen, so summiert sich der individuelle CO2-Fußabdruck durch Informationstechnik leicht auf 1 Tonne pro Jahr oder mehr. Unser digitaler Lebensstil ist in der vorliegenden Form nicht zukunftsfähig. Selbst wenn die vorgerechneten Zahlen nur eine grobe Schätzung darstellen, so zeigen sie jedoch allein auf Grund ihrer Größenordnung, dass sowohl bei den Endgeräten als auch in den Datennetzwerken und den Rechenzentren noch erhebliche Anstrengungen unternommen werden müssen, Treibhausgasemissionen zu senken. Nur so kann die Digitalisierung nachhaltig gestaltet werden.

Jens Gröger ist Senior Researcher im Institutsbereich Produkte & Stoffströme und Experte für nachhaltigen Konsum und Produkte. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnik, Umweltfreundliche Beschaffung sowie Umweltzeichen.

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Quellen

[1] Fraunhofer IZM, PE Europe (2007): EuP Preparatory Studies “Televisions” (Lot 5), Final Report on Task 5 “Definition of Base Cases”.

[2] Öko-Institut (2016): Ökologische und ökonomische Aspekte beim Vergleich von Arbeitsplatzcomputern.

[3] Umweltbundesamt (2019): Energiebedingte Treibhausgas-Emissionen.

[4] Daniel Schien, Vlad C. Coroama, Lorenz M. Hilty and Chris Preist (2014): The Energy Intensity of the Internet: Edge and Core Networks.

[5] Borderstep (2017): Rechenzentren in Deutschland: Eine Studie zur Darstellung der wirtschaftlichen Bedeutung und der Wettbewerbssituation. Update 2017. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) (Hrsg.).

[6] Bundesnetzagentur (2019): Jahresbericht 2018.

[7] Google (2017): Environmental Report 2017 – progress update.

[8] Online Marketing (2017): Google verwaltet mindestens 2 Billionen Suchanfragen pro Jahr.

Kommentare
  1. Pingback: Nachhaltigkeit & Digitalisierung. – h_da | Forschungszentrum nachhaltige Prozesse und Verfahren.
  2. Pingback: HerrHase Blog & Magazin | Digitaler Lebensstil & Nachhaltigkeit: wie geht das ?
  3. Benjamin

    Hallo und vielen Dank für die Zusammenstellung dieser Informationen,

    im Prinzip ist es ja klar: Je kleiner das Gerät und je länger/ weniger es verwendet werden kann, desto niedriger ist der ökologische Fußabdruck, den es hinterlässt. Kann denn aktuell eine Empfehlung in Bezug auf die zu verwendende Geräteart gemacht werden? Mir fällt es schwer, da den richtigen Weg zu gehen. Zumal ja auch Aspekte wie der softwareseitig sichere Betrieb des Gerätes eine Rolle spielen.

    Smartphone und Tablet fallen da sicher schonmal raus. Geplanter Obsoleszenz sei Dank.
    Bleiben nur noch Desktop-PC oder Laptop.
    Der Laptop fällt im Zweifelsfall aufgrund der schlechten Aufrüstbarkeit als ideales Gerät raus.
    Bliebe nur noch der Desktop-PC. Doch der belastet dann durch seinen höheren Stromverbrauch.

    Gibt es da eine Art Richtlinie, an der ich mich orientieren kann?

    Beste Grüße

    • Jens Gröger

      Hallo Benjamin,
      in der oben zitierten Studie „Ökologische und ökonomische Aspekte beim Vergleich von Arbeitsplatzcomputern für den Einsatz in Behörden“ (https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/oekologische-oekonomische-aspekte-beim-vergleich) sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass „Kompakte Desktop-Computer“ den geringsten ökologischen Fußabdruck haben. In ihnen sind Laptop-Komponenten verbaut aber trotzdem sind sie erweiterbar.
      Für den privaten Anwender gibt es auch die Möglichkeit, Gebrauchtgeräte zu beschaffen. Es gibt professionelle Wiederverkäufer, die Leasing-Rückläufer oder turnusmäßig ausgetauschte Geräte aus Unternehmen reinigen, löschen, prüfen und mit neuer Betriebssystem-Lizenz und Garantie wieder verkaufen. Da es sich bei den Computern in der Regel um professionelle Geräte handelt, sind diese gut ausgestattet und noch weitere 6-10 Jahre nutzbar. Dadurch kann der Herstellungsaufwand also weiter reduziert werden.
      Für Smartphones und Laptops gibt es übrigens das schlanke Betriebssystem LineageOS (https://lineageos.org). Damit bekommt man auch alte Android-Geräte wieder flott. Diese Geräteklasse scheidet also auch nicht grundsätzlich aus.

  4. Mathias Renner

    Vielen Dank Herr Gröger für den tollen Beitrag. Ich habe Ihren Beitrag im Forum der Bits & Bäume Bewegung mit andiskutiert. Schauen Sie gerne vorbei, wenn sie dort mitdiskutieren möchten zum Schnittstellen-Thema „Ökologie & Digitalisierung“: https://discourse.bits-und-baeume.org/t/zahlen-fakten-ueber-it-nachhaltigkeit/168/3

    Es entsteht in diesem Kontext auch gerade eine Präsentation. Ihre tolle Übersicht ist jetzt auch in der Präsentation 🙂 Wenn Sie noch mehr spannende und leicht veständliche Fakten haben, würde ich mich über einen Austausch freuen! Gern direkt oder auch im Forum. Wir von Bits & Bäume möchten diese Themen unter die breite Bevölkerung bringen.

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