Digitalisierung: Chance oder Risiko für unsere Umwelt?

DTAG CR Team, Bonn. FOTO: Frank Bauer

Wie die zunehmende Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit beitragen kann, erörtert unser Gast-Autor Andreas Kröhling in seinem Blog-Beitrag. Bei der Jahrestagung des Öko-Instituts am 24. Oktober 2019 in Berlin wird er Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Wer, was, wann – welche Rahmenbedingungen brauchen Digitalisierung und Nachhaltigkeit?“ sein.

Unbestreitbar verändert die Digitalisierung schon heute unser Leben und unseren Alltag. Fahrerlose Verkehrsmittel, wie der Skytrain am Frankfurter Flughafen, Selbstscan-Kassen in Supermärkten oder öffentlichen Bibliotheken, Mitfahrportale wie „Uber“ oder Sharing-Plattformen wie „AirBnB“ sind Belege für eine tiefgreifende technologiegetriebene Veränderung unseres gesellschaftlichen Lebens. Das Smartphone ist für viele (insbesondere jüngere) Menschen unverzichtbarer Begleiter.

Unter Digitalisierung versteht man im engeren Sinne die Umwandlung von analogen Daten, wie beispielsweise Texten, Bildern oder Tönen, in digitale Daten. Durch Digitalisierung sind Informationen

  • zu vernachlässigbaren Kosten beliebig oft reproduzierbar,
  • in Sekundenschnelle an jeden Ort der Wert verteilbar und
  • durch mathematische Algorithmen maschinell auswertbar und verarbeitbar.

Diese Charakteristika haben tiefgreifende Auswirkungen auf Wertschöpfungsmodelle, Organisationen und Prozesse in der Wirtschaft, aber auch auf die Arbeitswelt, die Bildung, die Gesellschaft und auf die Umwelt.

Das Internet: Die Infrastruktur für das digital vernetzte Zeitalter

Die Infrastruktur des neuen digitalen Zeitalters ist das Internet. Es hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten zur zentralen, weltweiten Informations- und Kommunikationsinfrastruktur weiterentwickelt. Immerhin hatten 2018 schon ca. 3,9 Milliarden Menschen und damit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet.

Damit einher geht der ungebrochene Trend zur Vernetzung von Computern, Telefonen, Haushaltsgeräten, Autos und Sensoren. Aus diesem Grund wird im Zusammenhang mit dem Begriff der Digitalisierung auch oft vom „Internet der Dinge“ gesprochen. Durch diese Vernetzung ergeben sich ganz neue technologische Möglichkeiten zur Erfassung und Auswertung von Daten. Sie können dabei helfen, Störungen zu prognostizieren und so zu vermeiden. Sie können aber auch wertvolle Informationen für die Produktentwicklung liefern, beispielsweise zur Programmierung von selbstfahrenden Fahrzeugen.

Nachhaltigkeit: Megatrend und Notwendigkeit

Ein zweiter wichtiger Trend ist das Thema Nachhaltigkeit: Streikende Schülerinnen und Schüler, Klimaschutz als Topthema für die Europawahl, boomende Bio-Segmente, das alles zeigt, Nachhaltigkeit wird zunehmend bedeutsamer.

Dennoch nimmt der weltweite Ressourcenverbrauch immer weiter zu: Der Erdüberlastungstag, an dem die für das Jahr nachhaltig zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen aufgebraucht sind, lag 2019 zum ersten Mal im Juli. Das heißt, wir leben mehr als die Hälfte des Jahres aus der Substanz! Ebenso wurde dieses Jahr mit 42,6 Grad Celsius ein trauriger neuer deutscher Temperaturrekord erzielt, mehr als zwei Grad Celsius über der alten „Bestmarke“.

Nachhaltigkeit ist mehr als Ökologie

Doch Nachhaltigkeit ist mehr als Ökologie: Bei der Deutschen Telekom verstehen wir unter Nachhaltigkeit die gleichrangige Berücksichtigung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Kriterien in unserem unternehmerischen Handeln. Wird die ökologische Dimension vernachlässigt, zerstören wir unsere Lebensgrundlagen. Wird die soziale Dimension vernachlässigt und nimmt die gesellschaftliche Ungleichheit sowie die Konzentration der Vermögen weiter zu, geht der Zusammenhalt der Gesellschaft und die Akzeptanz der Demokratie verloren. Aber auch die ökonomische Dimension ist wichtig: Nur Unternehmen, die langfristig Gewinne erwirtschaften, können gute Einkommen und sichere Arbeitsplätze bieten.

Im Folgenden geht es um die ökologischen Auswirkungen der Digitalisierung auf das Thema Nachhaltigkeit am Beispiel Klimaschutz. Hat die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) das Zeug zum Klimahelden oder wird ihr Stromverbrauch zum Totengräber für unseren Planeten?

Steigender Stromverbrauch durch IKT

Es ist unbestreitbar, dass IKT einen hohen Energieverbrauch haben und somit für hohe Mengen an CO2-Emissionen verantwortlich sind.

Die frisch veröffentlichte Studie „Digital with Purpose: Delivering a Smarter 2030“ schätzt den CO2-Ausstoss der IKT für 2030 auf 900 Millionen Tonnen, was etwa 1,7 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen entspricht. Alleine Fernseher hatten in Deutschland 2015 einen Anteil von rund 20 Prozent am IKT bedingten Strombedarf. Erfreulich ist immerhin, dass in Deutschland bei steigender Bedeutung der IKT seit 2010 ein Rückgang des Stromverbrauchs von 56 auf 47,8 Terrawattstunden (TWh) stattgefunden hat.

Innovative IKT Lösungen für weniger Treibhausgase

Auf der anderen Seite ist es offensichtlich, dass IKT auch zu Energie und CO2-Einsparungen beitragen können. So können Web- und Videokonferenzen Präsenzmeetings ersetzen, was zur Reduzierung von Geschäftsreisen beiträgt. Weitere Beispiele sind die Dematerialisierung von Medieninhalten durch e-Books und elektronische Zeitungen sowie der Download von Musik oder Filmen statt des Kaufs von CDs und DVDs.

Die Möglichkeiten zur IKT-gestützten Minderung von Treibhausgasen gehen jedoch weit darüber hinaus. So kam die im Juni 2015 veröffentlichte Studie des Branchenverbandes GeSI (Global e-Sustainability Initiative) anhand der Analyse der fünf Sektoren Mobilität, Industrie, Landwirtschaft, Gebäude und Energie auf mögliche globale CO2-Einsparungen von 12,1 Milliarden Tonnen in 2030.

Die Berechnungen basieren dabei auf realen Anwendungsszenarien und geschätzten Entwicklungen zur Adaption der betrachteten Technologien. Geht man davon aus, dass neben den bereits bekannten Technologien und Anwendungen bis 2030 neue IKT-gestützte Technologien zur Senkung von Energieverbräuchen und Treibhausgasemissionen entwickelt werden, so ist das Minderungspotenzial vermutlich noch höher. Spielten IKT-Lösungen für die Landwirtschaft in der SMART 2020 Studie aus dem Jahr 2008 noch keine Rolle, so wurde diesen Anwendungen schon in der SMARTer 2020 Studie von 2012 ein Potenzial von 1,6 Milliarden Tonnen CO2e-Minderung (Kohlendioxidäquivalent) bis 2020 zugeschrieben. Die SMARTer 2030 Studie aus dem Jahr 2015 schätzt das globale Einsparpotenzial für 2030 sogar auf zwei Milliarden Tonnen.

Insgesamt finden sich in allen Bereichen zahlreiche Potenziale zur Emissionsminderung durch Informations- und Kommunikationstechnologien:

Alleine in Deutschland ist eine Reduktion der CO2e-Emisionen durch IKT von 288 Millionen Tonnen bis 2030 möglich. Das entspricht ganzen 83 Prozent der bis 2030 nach dem nationalen Klimaschutzplan erforderlichen Emissionsreduktionen. Damit könnten IKT einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten, der deutlich über die eigenen Emissionen hinausgeht. Insbesondere in den klimapolitischen Problemsektoren Mobilität, Gebäude und Landwirtschaft könnten IKT-Lösungen eine Schlüsselrolle spielen.

Auch wenn die neu veröffentlichte Studie „Digital with Purpose: Delivering a Smarter 2030“ die Potenziale der Emissionsreduktion mit etablierten Technologien skeptischer beurteilt und „nur“ auf ein Einsparpotenzial von insgesamt 3,6 Milliarden Tonnen in 2030 kommt, bleiben unterm Strich Einsparungen, die den CO2-Fußabdruck des Sektors um den Faktor 4 übersteigen.

Rebound Effekte: Wie viel Einsparungen bleiben unterm Strich?

Doch was ist mit dem Rebound-Effekt? Dieser beschreibt Rückkopplungseffekte, die sich durch die Veränderung des menschlichen Verhaltens ergeben, und das Potenzial haben, einen Großteil der errechneten Einsparungen wieder zunichte zu machen. Im schlimmsten Fall übersteigt der Rebound-Effekt sogar den gewünschten Effekt und der vermeintliche ökologische Vorteil verkehrt sich ins Gegenteil. So kommt eine Studie der Universität Newcastle zum ernüchternden Ergebnis, dass Teleheimarbeit zu 30 Prozent mehr Energieverbrauch führt und Anreize schafft, einen weiter von Arbeitsplatz entfernten Wohnort zu wählen. Effizientere Fahrzeuge können dazu führen, dass mehr gefahren wird. Deshalb empfiehlt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) in einer Broschüre zu den Folgen des Klimawandels für den Verkehrssektor, der Gefahr einer stärkeren Nutzung von Fahrzeugen, wenn diese effizienter sind, durch „Straßennutzungsgebühren oder andere Systeme, die zusätzliche Fahrten unattraktiver machen“ zu begegnen.

Politische Rahmenbedingen entscheiden über die Klimabeiträge der IKT

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen spielen eine zentrale Rolle für die Ausschöpfung der theoretischen Einsparpotenziale durch IKT. So fehlen in Deutschland derzeit die Voraussetzungen, die Potenziale der Telemedizin im gleichen Umfang zu nutzen wie in Großbritannien. Italien hat aufgrund von erheblichen Problemen mit Stromdiebstählen im Gegensatz zu Deutschland schon über 30 Millionen Smart Meter im Einsatz, die Transparenz über Energieverbräuche schaffen und so zur Verbrauchsminderung beitragen. Ein weiteres Beispiel für den starken Einfluss staatlicher Regulierung findet sich im Bereich Elektromobilität: Während in Norwegen aufgrund großzügiger staatlicher Förderung im ersten Halbjahr 2019 56 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge E-Fahrzeuge oder Plugin-Hybride waren, lag der Anteil in Deutschland lediglich bei 2,6 Prozent.

Diese Beispiele zeigen, dass es notwendig ist, geeignete politische Maßnahmen zur Vermeidung oder zumindest Begrenzung von Rebound-Effekten zu treffen. Selbst die eher konservative Unternehmensberatung McKinsey kommt im ihrer Studie „Bayern 2025“ zu dem Schluss, dass der Gestaltung staatlicher Rahmenbedingungen und Regelungen vor dem Hintergrund einer zunehmend volatilen und komplexen Welt eine wichtige Bedeutung zukommt. Sie spricht in diesem Zusammenhang von einer „Renaissance des Staates“.

Andreas Kröhling ist bei der Deutschen Telekom AG verantwortlich für Corporate Social Responsibility.

Kommentare
  1. Pingback: Mehr Gesundheit für alle oder mehr Reichtum für wenige? – Öko-Institut e.V.: Blog

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