Drama um den letzten Apfel

Bildung sei wunderbar, bemerkte Oscar Wilde einmal, monierte jedoch zugleich, dass wirklich Wissenswertes nicht gelehrt werden könne. Das würde immerhin erklären, warum offenbar jede Generation ihre eigenen teuren Fehler machen muss, um mal mehr und mal weniger aus ihnen zu lernen. Womöglich verhindern bisweilen aber auch unzureichende didaktische Methoden bessere Ergebnisse …

Eine Grundschule in Nordrhein-Westfalen vor rund vier Jahrzehnten: Es ist der Tag der Schulfeier, ein Theaterprojekt gibt sich die Ehre. Die improvisierte Bühne in einem der Klassenzimmer ist mit Alufolie dekoriert, was futuristisch wirken soll; dazu später mehr. Auf dem Boden sitzen seltsam gekleidete Gestalten bei einer Art dystopischem Picknick. Ein Kind spielt den Großvater, der den Ahnungslosen etwas Unerhörtes präsentiert: einen Apfel. Gebannt lauschen sie seinen Ausführungen; er kannte noch Apfelbäume, hat grüne Wiesen gesehen, selbst Vögel!

Alles ist verloren

Schön sieht der Apfel nicht aus. Ganz verschrumpelt ist er. Noch dazu wurmstichig, quasi ein lebendes Fossil, mit dem es zu Ende geht. In einem Supermarkt hätte er nichts zu suchen. Hier kommt es auf Top-Aussehen an. Wie bei Germany´s Next Top-Model; das Auge kauft halt mit! Dieser Apfel bekommt kein Foto, doch das ist eine andere Geschichte.

Zurück zur Schulaufführung: Einzig der Großvater weiß, wie frische Äpfel ausgesehen haben. Er gibt sein Wissen gern weiter, obgleich es keinen Unterschied mehr macht, jetzt wo die Welt sich in eine lebensfeindliche Wüste verwandelt hat. Dafür steht symbolisch die Alufolie – wir erinnern uns. Für Warnungen vor dem Artensterben, dem Verlust der Biodiversität, der Versteppung oder dem Umkippen der Meere ist es viel zu spät. Alles ist verloren und die Lehre daraus völlig witzlos. Oscar Wilde behält recht!

Echter Fortschritt

Schließen wir den Vorhang und kehren wir in die Gegenwart zurück. So oder so ähnlich war das damals, als ein Teil der Erwachsenen zu verstehen begann, dass die Erde eine verletzliche kleine Murmel ist, ein winziges Raumschiff mit begrenztem Proviant, das pfleglich behandelt werden will. Uns Kindern versuchte man all das mitunter auf spielerische Weise zu vermitteln. Indem sich so viele Jahre danach jemand daran erinnert, war es nicht umsonst.

Zeitgleich mit der geschilderten Aufführung war andernorts eine Gruppe engagierter, ja leidenschaftlicher Menschen damit beschäftigt, das eigene Ungenügen am fahrlässigen Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen zu kanalisieren. Beseelt von demselben Zeitgeist, der Lehrer veranlasste, mit Alufolie und verschrumpelten Äpfeln nachhaltige Denkprozesse anzustoßen, trugen die Gründer des Öko-Instituts mit ihren Initiativen und ihrer häufig unbequemen Art zu einem vollkommen neuen Verständnis von Fortschritt bei: Nur wenn er den Menschen dient, ohne sie ihrer Ressourcen zu berauben, ist er echt, ließe sich das auf den Punkt bringen.

Ab ins Museum

Reisen wir ein weiteres Mal in der Zeit, diesmal allerdings statt in die „Zukunft von gestern“ in die andere Richtung: Stellen wir uns vor, die Menschheit hätte es – sagen wir gegen Ende des Jahrhunderts – geschafft, ihren Energiebedarf vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken. Nehmen wir außerdem an, es sei gelungen, ein an biologische Kreisläufe angelehntes System der Rohstoffverwertung zu etablieren, welches das alte Schema der Industrieproduktion als Müllproduktion ins Museum verbannt und Auswüchsen wie dem Missbrauch der Weltmeere als Mülldeponie ein Ende bereitet.

Spricht nicht schon der gesunde Menschenverstand dafür, dass es so kommen muss, nicht zuletzt weil ein großer Teil der notwendigen Technologien bereits erfunden wurde? Existieren andererseits nicht massenhaft Anzeichen für eine drohende Katastrophe, so dass es als alles andere als ausgemacht erscheint, dass die Menschheit die Kurve kriegt? Wie sagte Willy Brandt so treffend: „Nichts kommt von allein und nur wenig ist von Dauer.“

Wie Wassertropfen in einem Fluss

Als durchaus dauerhaft erwiesen hat sich inzwischen das Öko-Institut. Unlängst feierte man das 40. Gründungsjubiläum. Die teilweise erschreckenden Prognosen für den weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts verdeutlichen: es wird weiterhin auf den unnachgiebigen Einsatz aller ankommen, die guten Willens sind. Gefragt sind große und großartige Beiträge – wie die der Menschen vom Öko-Institut – genauso wie die vielen kleinen, die jeder von uns Tag für Tag leisten kann, und die sich wie Wassertropfen in einem Fluss zu einer Macht addieren. Möglicherweise bleibt der Menschheit so das Drama um den letzten Apfel erspart. Und vielleicht sorgt eines schönen Tages das Modell eines Kohlekraftwerks oder eines Autos mit Verbrennungsmotor für vergleichbar großes Erstaunen. Dinge, die dann hoffentlich niemand mehr aus eigener Anschauung kennt. Oscar Wildes Bonmot wäre widerlegt.

Michael Graef ist Mitbegründer einer Agentur für strategische Unternehmens- und Kommunikationsberatung und schreibt regelmäßig für das von ihm gegründete Online-Magazin RGBMAG sowie als Gastautor für unterschiedliche Projekte.


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