Suffizient = auskommen mit dem, was da ist, Quelle: Plainpicture/ Toni Anzenberger

Eine Datenbank voller politischer Suffizienz-Maßnahmen

Carina Zell-Ziegler Quelle: Öko-Institut

Energieverbrauch und Energiesparen rücken durch den Krieg in der Ukraine in den Fokus. Er wird zunehmend klar, dass wir unabhängig werden wollen von russischem Gas und Öl. Auch um die Klima- und Energieziele zu erreichen, ist eine absolute Reduktion des Energieverbrauchs (Energie-Suffizienz) unabdingbar. Politikmaßnahmen, die dorthin führen können, sind nun in einer Datenbank gesammelt. Denn „Suffizienz muss als politische Strategie gedacht werden“, sagt Carina Zell-Ziegler vom Öko-Institut.

Suffizienz wird oft nicht als politische Strategie gesehen, sondern auf der individuellen Ebene verortet. „Suffizienz“ oder „absolute Reduktion“ steht im Unterschied zu reinen Effizienzmaßnahmen. Diese reduzieren immer den Energieverbrauch je Einheit, also zum Beispiel je gefahrenem Kilometer oder je Volumeneinheit des Kühlschranks – also eine „relative Reduktion“. Das Problem ist aber, dass wir immer größere Autos, Kühlschränke usw. haben, so dass diese zwar an sich effizienter sind und – relativ gesehen – weniger verbrauchen, absolut jedoch steigt der Energieverbrauch, da es eben größere Fahrzeuge und Geräte sind mit mehr Zusatzfunktionen.

Suffizienz ist ein Politikfeld!

Dass Suffizienz mehr ist als der Trend zu vegetarisch-veganer Ernährung oder Flugscham und dass Suffizienz ein Politikfeld ist wie andere auch, zeigt die Politikdatenbank (energysufficiency.de/policy-database/), die die vom Bundesbildungsministerium  geförderte Nachwuchsgruppe EnSu – Die Rolle von Energiesuffizienz in Energiewende und Gesellschaft – erstellt hat.

Die darin enthaltenen fast 300 Einträge für alle Sektoren machen deutlich, dass auch Suffizienz eine breite Palette an politischen Instrumenten braucht, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Beispielsweise sind das passende Rahmenbedingungen, die Erweiterung oder Umnutzung der bestehenden Infrastruktur, Anreizmechanismen sowie Regulierungen. Im Folgenden ein paar Beispiele aus den unterschiedlichen Sektoren:

Suffizienzpolitik-Beispiele aus der Datenbank

  • Kommunale Beratungsstellen für Umzug, Untervermietung und Wohnungstausch einrichten, Hauptzielgruppe dabei sind ältere Menschen, die auf mehr als 80 Quadratmetern leben.
  • Erleichterung der Umnutzung zum Beispiel von Büro- zu Wohnräumen
  • Finanzielle und soziale Aufwertung von Berufen im Baugewerbe, zum Beispiel durch eine monatliche Prämie für Auszubildende
  • Steuerbefreiung auslaufen lassen für die stoffliche Nutzung von fossilen Brennstoffen in der Industrie
  • Mindest-Garantiezeit von Geräten verlängern
  • Inlands-/ Kurzstreckenflüge verbieten
  • Einrichtung eines 350-Millionen-Euro-Radverkehrsfonds, um Radwegunterbrechungen zu beseitigen, Fahrradparkhäuser zu bauen, usw.
  • (Freiwillige) Klimavereinbarung mit Arbeitgebern, um den Autoverkehr zu verringern und Radverkehr attraktiver zu machen, inklusive staatlicher Kofinanzierung und Unterstützung im Home-Office
  • Steuer auf mineralischen Dünger (die Herstellung ist sehr energieintensiv)
  • Aktionsplan für die Gemeinschaftsverpflegung, um das Angebot an vegetarischen und veganen Gerichten auszuweiten, zum Beispiel in Kantinen.
  • Unnötige Beleuchtung, zum Beispiel von Gebäuden, Werbung und Schaufenstern, stark einschränken.
  • Subventionen für fossile Brennstoffe reduzieren und umweltschädliche Subventionen abbauen
  • gezielte Informationskampagnen, Energieaudits und Beratung zum Energiesparen

Zielgruppe und Struktur der Datenbank

Die Datenbank richtet sich an Gestalter*innen aus Politik, Verwaltungen und der Zivilgesellschaft, die Suffizienzpolitik planen und umsetzen, sowie an Wissenschaftler*innen, die Klimaschutzpfade modellieren. Die Indikatoren unterstützen die Integration von Suffizienz in quantitative Modelle und Szenarien, die wichtige Werkzeuge der Politikberatung sind.

Die Datenbank kann auf der Projektwebseite energysufficiency.de/policy-database/ durchsucht, gefiltert und heruntergeladen werden. Die Politikinstrumente hat ein vierköpfiges Team aus diversen Quellen und Maßnahmenvorschlägen aus der (Fach-)Literatur zusammengetragen. Alle Einträge sind strukturiert und kategorisiert. So kann neben den Sektoren und Politikinstrumenten auch nach den Zielen der Vorschläge oder ihrem Suffizienztyp selektiert werden.

Unter dem Titel „Building a Database for Energy Sufficiency Policies“ ist eine Analyse der ersten 281 Einträge der Datenbank in einer Fachzeitschrift erschienen.

Ausblick

Die Datenbank soll in den kommenden Monaten kontinuierlich erweitert werden: zum einen mit weiteren Vorschlägen (Ergänzungen können per Mail an info@energysufficiency.de gesendet werden). Zum anderen sollen weitere Informationen zu den Politikinstrumenten hinzugefügt werden wie deren Minderungspotenzial oder die Umsetzungsgeschwindigkeit.

Beteiligte am BMBF-Projekt

Die Forschung im Rahmen der Nachwuchsgruppe EnSu wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderschwerpunkt „Sozial-ökologische Forschung“ (SöF) gefördert.

Das Forschungsteam für die Politikdatenbank besteht aus Dr. Benjamin Best und Johannes Thema, beide Senior Researcher am Wuppertal Institut, Frauke Wiese, Junior-Professorin an der Europa Universität Flensburg und Carina Zell-Ziegler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Öko-Institut.

Carina Zell-Ziegler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institutsbereich Energie & Klimaschutz in Berlin. Zu ihrer Expertise gehören die Evaluierung und Wirkungsabschätzung von Klimaschutzmaßnahmen, insbesondere von Suffizienzmaßnahmen sowie die Modellierung und Analyse von Emissionsentwicklungen.

Weitere Informationen

Kommentare
  1. Pingback: Energiekrise: Energiesparen als Schlüssel zur Energieunabhängigkeit - Öko-Institut e.V.: Blog

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