Eine gemeinsame Vision für eine nachhaltigere Welt

Die ghanaische Hauptstadt Accra steht vor einem gewaltigen Müllproblem. Das Müllaufkommen wächst gemeinsam mit der Bevölkerung rapide an. Deponien stoßen an ihre Grenzen. Von Abfällen verstopfte Abwasserkanäle verursachen schwerwiegende Überschwemmungen. In Agbogbloshie am Rande von Accra wird Elektroschrott unsachgemäß verwertet – mit schwerwiegenden Folgen für Menschen und Umwelt. Desmond Appiah will diesen Problemen begegnen: Im Auftrag des Bürgermeisters Mohammed Adjei Sowah ist er dafür verantwortlich, das Abfallmanagement der Stadt neu zu strukturieren. Im Interview mit eco@work spricht Appiah über vielversprechende Ansätze ebenso wie über die Zusammenarbeit mit europäischen Expertinnen und Experten.

Desmond Appiah

Herr Appiah, wie ist das Abfallsystem in Accra organisiert?

Seit 2016 müssen die Verursacher für den Abfall bezahlen, dies soll die finanzielle Belastung des öffentlichen Sektors minimieren. Dadurch haben sich die Abfallsammelraten und Abdeckungsquoten erhöht, doch die privaten Abfallunternehmen erreichen trotzdem keine hundertprozentige Abdeckung. Etwa 25 bis 30 Prozent des Abfallaufkommens werden daher derzeit von informellen Akteuren eingesammelt. Wir brauchen ihren Einsatz, um die Lücken zu schließen, müssen ihre Arbeit aber auch anständig regeln. Deswegen registriert die Stadtverwaltung alle informellen Sammler, bietet ihnen Gesundheits- und Sicherheitstrainings an und hilft ihnen, aus ihrer Tätigkeit ein offizielles oder halb-offizielles Gewerbe zu entwickeln. Die Registrierung ist kostenlos, alle registrierten Sammler erhalten eine Kennzeichnung. All jene, die nach dem 1. August 2018 nicht registriert sind, dürfen nicht mehr in Accra tätig werden.

Welche Pläne haben sie außerdem für das Abfallmanagement?

Gemeinsam mit einem Team, das der Bürgermeister eingesetzt hat, analysiere ich die gesamte Wertschöpfungskette des Abfallmanagements – von der Entstehung über die Sammlung und den Transport bis hin zur Vorbehandlung und zum Recycling oder zur Beseitigung. Zu meinen Aufgaben gehört auch, die Leistungen der privaten Abfallunternehmen zu überprüfen. Es ist für mich persönlich sehr interessant, die verschiedenen Akteure des Abfallmanagements besser zu verstehen, ihre Schwerpunkte und Herausforderungen. Gleichzeitig müssen alle Akteure und die Stadtverwaltung zusammenarbeiten, um eine sichere Umgebung für die Bevölkerung sowie Besucherinnen und Besucher zu gewährleisten.

Welche Rolle spielt Recycling?

Bislang lief das eher im Hintergrund. Es gibt einige kleinere Recyclinginitiativen, vor allem im Bereich Plastik, sowie eine sehr dynamische Verwertung von E-Schrott. Bislang wurde Recycling aber nicht konsequent angegangen. Hier steckt natürlich ein großes Potenzial, daher hat der Bürgermeister Abfalltrennung und -verwertung zu einem Schwerpunktthema gemacht und mehrere Pilotprogramme dazu in Schulen initiiert.

Wie lassen sich die Abfallprobleme am wirksamsten bekämpfen?

Zum einen durch strengere Strafmaßnahmen, die Unternehmen, aber auch Bürgerinnen und Bürger davon abhalten sollen, gegen die Abfallgesetze zu verstoßen. Am effektivsten werden aus meiner Sicht die Durchsetzung dieser Regelungen sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung sein. Zudem braucht es natürlich Investitionen in die Infrastruktur.

Was sind die größten Herausforderungen Ihres Jobs?

Zufällig ist die größte Herausforderung gleichzeitig die größte Chance: das Fehlen einer gut strukturierten, ineinandergreifenden und finanziell gut ausgestatteten Verwaltung mit dem gemeinsam Ziel, die Mission der Stadt zu erreichen. Unser Ziel ist es, die verschiedenen Fachbereiche stärker zu vernetzen, belastbare Beziehungen zu etablieren und ein gemeinsames Verständnis für unsere Mission zu entwickeln – und die Frage zu beantworten, wie wir sie erreichen können.

Sie haben lange in den USA zu Nachhaltigkeitsthemen gearbeitet. Lassen sich Ihre Erfahrungen daraus auf ihre aktuelle Arbeit in Ghana übertragen?

Unsere Zeit und Ressourcen sind hier beschränkt, das macht es schwierig. Zumal wir in Strukturen arbeiten, die sich gerade erst entwickeln. Aber ja, aus meiner Sicht ist mit der richtigen Mentalität, Einstellung und Führung und einem angemessenen Einsatz alles möglich.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit europäischen Nachhaltigkeitsexpertinnen und -experten gemacht?

Die gemeinsamen Projekte waren durch eine sehr effektive und konzentrierte Zusammenarbeit gekennzeichnet und haben mich in vielerlei Hinsicht auch auf meine aktuelle Rolle vorbereitet, Accra zu einer nachhaltigeren Stadt zu machen. Durch die Kooperationen kann ich zudem mein Wissen erweitern und über aktuelle Trends und Innovationen auf dem Laufenden bleiben. Ich mag es außerdem, mich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, die vielleicht auch eine andere Perspektive haben als ich, Erkenntnisse zu teilen. Auch nach dem offiziellen Projektabschluss interessiert mich ihre professionelle Meinung. Uns verbindet der Austausch von Wissen und eine gemeinsame Vision für eine nachhaltigere Welt – egal, woher wir kommen.

Welchen Themen würden Sie sich im Rahmen solcher Kooperationen zukünftig gerne widmen?

Der Urbanisierung und damit zusammenhängenden Problemen etwa mit Blick auf Abfallmanagement, Transport, Zersiedelung oder Luftqualität. Es wäre sehr spannend, gemeinsam nachhaltige Lösungen für diese Probleme zu finden, auszuprobieren und langfristig einzusetzen und so eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.

Was sollten die europäischen Expertinnen und Experten wissen, bevor sie in Ghana arbeiten?

Ich glaube am wichtigsten ist es, sich den riesigen kulturellen Unterschied bewusst zu machen, wenn es um die Wahrnehmung von und das Verständnis für Nachhaltigkeit geht. Die Expertinnen und Experten, mit denen ich bislang zusammengearbeitet habe, hatten hier aber alle ein sehr gutes Verständnis. Es gibt heutzutage aus meiner Sicht aber auch ein sehr viel geringeres Wissen über die individuelle Verantwortung für unsere Taten – oder eben unsere Untätigkeit – und deren Auswirkungen auf die Allgemeinheit als das früher der Fall war. Hier gibt es eine Chance, dieses Verantwortungsbewusstsein aufzubauen.

Und was können die Europäer in Ghana lernen?

Lassen Sie es mich so sagen: Wir lernen alle gemeinsam, dass es unterschiedliche Wege gibt, das gemeinsame Ziele einer gerechten und nachhaltigen Welt zu erreichen. Hier und da mögen ein paar Nachjustierungen unserer Sichtweisen nötig sein, aber schlussendlich stecken wir da alle zusammen drin.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Christiane Weihe.

 

Desmond Apiah hat einen Bachelor of Arts Honours in Geographie und Ressourcenentwicklung der University of Ghana, einen Master in Energie und Nachhaltiger Entwicklung der DeMontfort University (Leicester, GB) sowie einen Master in Umweltschutz und Sicherheitsmanagement der St. Josephs Universität (Philadelphia, USA). Er blickt auf eine langjährige Erfahrung in der Arbeit für Umwelt und Nachhaltigkeit zurück, so als Berater für ein Umweltschutzprojekt für Turning Bird Consulting in New York (Pennsylvania) sowie als Auditor für Qualitätsmanagementsysteme für Coca-Cola Großbritannien. Er wurde zudem zum nationalen Experten für Qualitätsmanagementsysteme der Organisation der Vereinten Nationen für Industrielle Entwicklung (UNIDO, United Nations Industrial Development Organization) ernannt.
Im Auftrag des Bürgermeisters von Accra, Mohammed Adjei Sowah, ist er als Berater der Stadt zudem dafür verantwortlich, das Abfallmanagement der Stadt neu zu strukturieren. Darüber hinaus ist Desmond Appiah Chief als Berater im Städtenetzwerk C40 tätig und war Resilience Officer (CRO) für Accra.
Er wird Maßnahmen koordinieren, die sich der Widerstandsfähigkeit der Stadt etwa gegen soziale und ökonomische Herausforderungen widmen. Ziel ist es auch, Accra widerstandsfähiger gegen schwerwiegende Ereignisse wie Feuer, Überflutungen oder Erdbeben zu machen. Finanziert wird diese Arbeit vom Programm „100 Resilient Cities“ der Rockefeller Foundation. Darüber hinaus leitet er, gefördert von der C40 Climate Leadership Group, die Bemühungen der Stadt, einen Klimaaktionsplan zu entwickeln, der konform ist zum Pariser Klimaabkommen.

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