Agbogbloshie: Kabelsammel recyclen die Kabel anstatt sie zu verbrennen.

Feuerlöschen durch Anreize/ Using incentives to put out fires [de/eng]

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Der Ort Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra hat wegen dem dortigen Recycling von Elektro-Schrott und den damit verbundenen Problemen weltweit Aufmerksamkeit erfahren. Andreas Manhart vom Öko-Institut war an einem Projekt beteiligt, das neue Wege für die Lösung des E-Schrott-Problems in Ghana gesucht und gefunden hat.

Seit vielen Jahren wird in den internationalen Medien prominent über den ghanaischen Schrottmarkt Agbogbloshie berichtet. Mal wird er als Europas größte E-Schrott-Deponie bezeichnet, mal als einer der am schlimmsten verschmutzten Orte der Welt, mal als Hölle auf Erden, in der sich schonungslos die Kehrseiten der Globalisierung zeigt.

Nichts davon ist wirklich falsch, aber dennoch beschreibt keines der Wortbilder die Vielschichtigkeit der Lage. Denn: Agbogbloshie ist weder eine reine Deponie, noch wird sie ausschließlich durch illegale E-Schrott-Lieferungen aus Europa befüllt. Agbogbloshie ist vielmehr ein Ort, den die informellen Schrottsammler, -Zerleger und -Händler im Großraum Accra für ihre Tätigkeit als zentralen Umschlagsplatz nutzen. Und ein Großteil der dort anzutreffenden Schrotte kommt aus der lokalen Nutzung, nicht direkt aus Europa. Dass Ghana durchaus beträchtliche Mengen an Alt- und Gebrauchtwaren aus Europa bezieht, ist zwar richtig, es gibt aber in der Regel keine direkten Lieferbeziehungen zwischen den Importeuren und den Akteuren am Schrottplatz. Diese sammeln ihre Schrotte mühsam per Handwagen im Großraum Accra ein und sind somit ein Kernbestandteil der derzeitigen Abfallwirtschaft.

In den letzten Jahren wurden viele Vorschläge und Konzepte entwickelt, wie die dortige Lage in den Griff zu bekommen sei. Auch wir als Öko-Institut waren und sind an dieser Diskussion beteiligt und arbeiten nun seit über zehn Jahren sehr vertrauensvoll mit vielen Partnern vor Ort zusammen. Und in dieser Zusammenarbeit hat sich folgendes Bild ergeben:

  1. Der internationale Handel mit Elektro-Schrott muss bekämpft werden. Allerdings wird dies alleine nicht ausreichen, um die Probleme zu lösen. Denn die Nachfrage nach elektrischen und elektronischen Geräten steigt: In Ghana und den meisten anderen Ländern der Welt.
  2. Die Sammlung und Verarbeitung von Schrotten schafft zahlreiche Arbeitsplätze, sodass Reformprozesse darauf abzielen sollten, die bestehenden Akteure zu integrieren.
  3. Nicht alle Tätigkeiten der informellen Akteure verursachen Probleme. Nur ein kleiner Teil der Materialien und Prozesse – beispielsweise das offene Abbrennen von Kabeln – ist für einen Großteil der Verschmutzungen verantwortlich.
  4. Zwar gibt es technische Verfahren, mit denen diese Verschmutzungen vermieden werden könnten, sie sind aber aufwändiger und kostspieliger, als die derzeit angewandten Prozesse. Für die informellen Recycler gibt es daher eine Art „Lock-in-Effekt“, der sie an ihrem Handeln festhalten lässt: Jede technische Verbesserung würde unmittelbar zu geringeren Nettoerlösen führen. Angesichts ihrer prekären sozioökonomischen Situation scheuen die Akteure verständlicherweise vor entsprechenden umwelttechnischen Verbesserungen zurück.
  5. Dennoch müssen diese besonders verschmutzenden Praktiken dringend in formale und sachgerechte Verfahrenswege überführt werden. Klassische regulatorische Ansätze wie Kontrollen und Verbote sind aber ebenfalls zum Scheitern verurteilt: Denn die informellen Akteure können ihre Prozesse jederzeit in andere Stadtviertel und Hinterhöfe verlagern und somit dem regulatorischen Druck ausweichen.
  6. Damit bedarf es einer Veränderung der Anreizsysteme: Sammler und Recycler müssen einen direkten ökonomischen Vorteil erhalten, wenn sie besonders problematische Schrotte an sachgerechte Strukturen übergeben. Dieser Aspekt der Anreize wurde bereits im Jahr 2016 in die ghanaische Gesetzgebung zu Giftmüll und Elektroschrott aufgenommen.

Im Projekt „Umweltgerechte Entsorgung und Recycling von Elektroschrott in Ghana“ der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das Öko-Institut zusammen mit lokalen Organisationen solch ein Anreizsystem erstmals eingeführt und die Wirkungen ausgewertet. Von Oktober 2018 bis August 2019 konnten informelle Sammler und Recycler alte Kabel an ein vom Projekt betriebenes Übergabezentrum auf dem Schrottmarkt übergeben.

Bei jeder Übergabe erhielten die Lieferanten eine Kompensationszahlung, die über dem eigentlichen Materialwert der Kabel lag. Es wurde somit ein System geschaffen, in dem es plötzlich attraktiver wurde, Kabel mitsamt ihrer schadstoffhaltigen Isolierung abzugeben, als diese in offenen Feuern abzubrennen.

Zwar waren viele Schrottsammler und Recycler anfangs skeptisch, konnten aber überzeugt werden, dass dieses Modell sowohl wirtschaftliche, als auch gesundheitliche Vorteile bietet. Nach einer Anlaufphase bildete sich ein regelmäßiger Zulieferstrom und es konnten in fast 1.400 Einzellieferungen über 27 Tonnen Kabel gesammelt und einem sachgerechten Recycling zugeführt werden. Gleichzeitig gingen die Anzahl und die Intensität der hochgiftigen Kabelfeuer merklich zurück.

Das Projektteam hat den Ansatz und die Ergebnisse der ghanaischen Regierung zur Verfügung gestellt und wird derzeit mit Unterstützung der deutschen finanziellen Zusammenarbeit fortgesetzt und auf weitere Schrottarten ausgeweitet. Eine langfristige Finanzierung soll über das Verursacherprinzip sichergestellt werden. So hat Ghana eben damit begonnen, eine Umweltgebühr auf alle importierten Geräte zu erheben. Die Gelder sind zweckgebunden und sollen für die sachgerechte Sammlung und das Recycling – einschließlich entsprechender Anreizsysteme – verwendet werden.

Andreas Manhart ist Senior Researcher im Bereich Produkte & Stoffströme am Standort Freiburg. Seit 2005 beschäftigt er sich am Öko-Institut mit der Frage, wie Sozial- und Umweltstandards auch in sehr weit verzweigten und globalisierten Wertschöpfungsketten sichergestellt werden können.

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English version

Using incentives to put out fires

The area of Agbogbloshie in Accra, Ghana’s capital city, has come to the world’s attention on account of its role in the recycling of electronic waste (e-waste) and the problems that this gives rise to. Andreas Manhart of the Oeko-Institut took part in a project that looked for – and found – new ways of solving the e-waste problem in Ghana.

For many years the international media have carried prominent reports of the Agbogbloshie scrap market in Ghana. It is described variously as Europe’s largest e-waste dump, as one of the most polluted places in the world, or simply as hell on Earth – a place where the downsides of globalisation are ruthlessly revealed.

Nothing in these descriptions is actually wrong, but none of the metaphors captures the many different aspects of the place. The fact is that Agbogbloshie is not simply a dump, and the waste that accumulates there does not consist solely of illegal shipments of e-waste from Europe. It is more accurate to describe Agbogbloshie as a site that serves as a central marketplace for Accra’s informal scrap collectors, dismantlers and traders. Most of the arriving scrap comes from local usage, not directly from Europe. It is true that Ghana does receive considerable quantities of end-of-life and second-hand goods from Europe. In general, though, there are no direct supply links between the importers and the scrap-site workers; the inhabitants of Agbogbloshie collect their scrap laboriously by pushing hand carts around the neighbourhoods of Accra and thus play an important part in the city’s waste management system.

Many proposals for tackling the situation in Agbogbloshie have been put forward in recent years. The Oeko-Institut remains involved in these discussions; we have now had close working relationships with many local partners for more than ten years. The following picture has emerged from this collaboration:

  1. The international trade in electronic waste must be tackled. However, this will not of itself solve the problems – partly because the demand for electric and electronic devices is rising, in Ghana and most other countries worldwide.
  2. The collection and processing of scrap creates large numbers of jobs: reforms should aim to integrate existing workers.
  3. Not all the activities performed by the informal workers cause problems. Most of the pollution is created by a small proportion of the materials and processes, such as the open burning of cables.
  4. Technical means of preventing this pollution are available, but they are more laborious and expensive than the processes currently used. There is therefore a lock-in effect that encourages the informal recyclers to continue using their current practices: any technical improvements would directly reduce their net profits. On account of their precarious socioeconomic situation, the recyclers are understandably wary of such technical improvements, even though they would be good for the environment.
  5. Nevertheless, these particularly polluting practices must be urgently replaced by proper formal processes. However, traditional regulatory methods such as inspections and bans are doomed to fail, because the informal workers can always move their activities to other neighbourhoods and backyards and thus evade regulatory pressure.
  6. The incentive system therefore needs to be changed: collectors and recyclers must incur a direct economic benefit if they pass particularly problematic waste on to processors who can handle it properly. This aspect of incentives was incorporated into Ghana’s Act on hazardous waste and e-waste in 2016.

Working with local organisations, the Oeko-Institut introduced an incentive system of this sort and evaluated the results in the Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) project “Environmentally sound disposal and recycling of e-waste in Ghana”. Between October 2018 and August 2019, informal collectors and recyclers were able to hand in old cables at a collection point operated by the project in the scrap market.

For all items handed in the collectors received a compensation payment that was more than the actual material value of the cables. This created a system in which it was suddenly more attractive to hand in cables and their potentially polluting insulation rather than burn the coverings in open fires.

Many scrap collectors and recyclers were initially sceptical but came to realise that this model brought both economic and health-related benefits. After a gradual start, cables started to come in in a regular flow. Almost 1,400 individual deliveries were made, resulting in the collection of more than 27 tonnes of cable that were sent to sound recycling. At the same time there was a noticeable decline in the number and intensity of highly toxic cable fires.

The project team has submitted information on the scheme and the results to the Ghanaian Government. The project is currently being continued with the support of German financial cooperation and is being extended to additional types of scrap. Long-term financing is to be secured via the ‘polluter pays principle’. In consequence, Ghana has just started to raise an environmental levy on all imported devices. The money is earmarked and is to be used for proper collection and recycling – including appropriate incentive systems.

Andreas Manhart is a Senior Researcher in the Sustainable Products & Material Flows Division in Freiburg. Since 2005 his research at the Oeko-Institut has been concerned with the question of how social and environmental standards can be ensured even in highly ramified and globalised value chains.

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Kommentare
  1. Georg Mehlhart

    Herzlichen Glückwunsch zu dem Projektfortschritt und der hoffentlich erfolgenden Verstetigung. Das sind schon dicke Bretter die Ihr da bohrt und auch wenn es in der Vergangenheit Rückschläge gab habt Ihr offensichtlich die Kraft sowas über so lange Zeit weiterzuverfolgen und voranzubringen.
    Es zeigt einmal mehr, dass es ordnungsgemäßes Recycling, also ein Recycling, dass auf die Gesundheit der dort Tätigen achtet und Umweltbelastungen minimiert nicht zum Nulltarif zu haben ist. In fast allen Recycling-Prozessen gibt es gefährliche Verfahrensschritte oder gefährliche Reststoffe oder zumindest Reststoffe die keinen wirtschaftlichen Wert mehr haben.
    Es braucht daher ein Minimum an staatlichen Strukturen um das ordnungsgemäße Verhalten durchzusetzen und die Mittel für finanzielle Anreize zur Verfügung zu stellen. Diese Mittel aus Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen ist sicher für eine Anfangs- und Testphase von großer Bedeutung um die Funktionsfähigkeit nachzuweisen, auf Dauer müssen aber die Hersteller (überwacht durch staatliche Stellen) für dies Kosten geradestehen.

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