Intelligent mobil im Wohnquartier

Mehr als 80 Prozent aller Wege in Deutschland starten und enden vor der eigenen Haustür. Täglich entscheiden sich dort Millionen Menschen, wie sie mobil unterwegs sein wollen. Der Zugang zu umweltfreundlichen Verkehrsmitteln am Wohnort ist deshalb ein zentraler Ansatz, um die Luftbelastung in den Städten und die Klimaschäden durch den Verkehr zu verringern. Alternativen zum eigenen Auto müssen her. Der Blick ruht hier besonders auf Wohnungsunternehmen. Wohnungsunternehmen? Ja, Wohnungsunternehmen! Denn sie können ihren Mieterinnen und Mietern direkt vor der Haustür optimale und niedrigschwellige Mobilitätsangebote machen.

Vergünstigte ÖPNV-Tickets, Car-Sharing und ein gutes Mobilitätsmanagement–intelligente Mobilität fängt in Wohnquartieren an. Doch was bedeutet „intelligent“ in diesem Zusammenhang, wer hat den Nutzen und wer initiiert die Maßnahmen? Dr. Manuela Schönau berichtet im Gespräch mit Alexa Hännicke über die Hintergründe und stellt die Broschüre „Intelligent mobil im Wohnquartier“ vor.

Was bedeutet intelligente Mobilität am Wohnstandort und wen betrifft sie?

Wir sprechen bei intelligenter Mobilität von umwelt- und sozialverträglichen Mobilitätsangeboten am Wohnstandort. Ein Thema, das in Teilen noch Zukunftsmusik ist, bei kommunalen und politischen Adressaten aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern zunehmend an Bedeutung gewinnt. Auch immer mehr Wohnungsunternehmen und -initiativen entdecken hier neue Entwicklungsmöglichkeiten und arbeiten dabei mit Kommunen und Mobilitätsdienstleister zusammen, um ihren Bewohnern und Bewohnerinnen nachhaltige und vor allem attraktive Alternativen zum eigenen Pkw anbieten zu können. Ziel einer intelligenten Mobilität am Wohnstandort ist also, konkrete Alternativen zu schaffen. Für Wege, für die man zuvor auf seinen eigenen Pkw angewiesen war, stehen geteilte Lastenräder oder E-Bikes wohnungsnah zur Verfügung. Aber auch die Kombination aus Bus und Bahn mit Fuß- und Fahrradwegen sowie diversen Sharing-Angeboten – die sogenannte Multimodalität – trägt nicht nur zur Lärm- und Treibhausgasreduktion, sondern auch zu einer Steigerung der Lebensqualität im direkten Wohnumfeld bei.

Welche Maßnahmen braucht eine gelungene wohnortnahe Mobilität?

Die Palette an Maßnahmen für eine nachhaltige wohnstandortnahe Mobilität ist breit und reicht dabei von Strategien der Verkehrsvermeidung, wie etwa durch reduzierte Stellplatzschlüssel für Pkw und flächendeckende Parkraumbewirtschaftung, über eine vereinfachte Nutzung des klassischen Umweltverbunds, wie Apps und multimodale Buchungsplattformen bis hin zu diversen Formen des Teilens von Autos, (Lasten-)Rädern oder auch Fahrten („Ride-Sharing“).

Aber allein diese Angebote zu schaffen wird nicht ausreichen, um die Verkehrswende voranzubringen. Jede Mieterin, jede Mieter muss vielmehr seine eigenen Mobilitätsroutinen kritisch hinterfragen. Wir brauchen neben technologischen und organisatorischen Innovationen wie der Elektromobilität oder der Vernetzung von Verkehrsmitteln vor allem ein Umdenken und damit eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens. Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Partizipation sind dabei ganz wesentlich, um jeden Einzelnen auf den Handlungsdruck und die bestehenden Handlungsoptionen aufmerksam zu machen.

Eine gut konzipierte Kommunikationsstrategie informiert langfristig und auf verschiedenen Kanälen über neue Mobilitätsoptionen. Besonders wichtig ist eine zielgruppengerechte Ansprache, die unterschiedliche Mietergruppen berücksichtigt. Wir wissen, dass gerade Menschen in Umbruchsituationen besonders offen für Verhaltensänderungen sind. Ein Umzug ist ein solcher Einschnitt im Leben, in dem die Weichen für berufliche und private Mobilität neu gestellt werden können. Wohnungsunternehmen, aber auch Kommunen, sind hier die idealen Schnittstellen, um Personen genau in diesen Lebensphasen zu erreichen und anzusprechen. Sie können beispielsweise durch ein einfach und flexibel nutzbares Car-Sharing-Angebot dazu beitragen, einen eigenen Pkw überflüssig zu machen. Ein angenehmer Nebeneffekt dabei: die Anzahl privater Autos im Wohnquartier kann so reduziert werden und ehemals grau-betonierte Parkplätzen weichen grünen Aufenthalts- und Begegnungsorten direkt vor der Haustür.

Welche Empfehlungen greift die neue Broschüre „Intelligent mobil im Wohnquartier“ auf?

Der Themenkompass „Intelligent mobil im Wohnquartier“ gibt Wohnungsunternehmen und -initiativen, Mobilitätsanbietern und Kommunen Handlungsempfehlungen für ein fußgänger- und fahrradfreundliches Wohnumfeld, den leichten Zugang zum öffentlichen Nahverkehr, für Sharing-Angebote und weiteren Mobilitäts-Services für Bewohnerinnen und Bewohner.

Eine Möglichkeit, den ÖPNV für Mieterinnen und Mieter attraktiver zu machen, sind beispielsweise sogenannte Mietertickets. Das sind vergünstigte ÖPNV-Tickets, bei denen die Wohnungsunternehmen als Vermittler auftreten, die Tickets mit Großkundenrabatt von der Verkehrsgesellschaft erwerben und diese an ihre Mieter und Mieterinnen weitergeben. Auch können Wohnungsunternehmen mit Mobilitätsanbietern kooperieren und sogenannte Mobilitätsstationen am Wohnstandort einrichten. Neben diesen und weiteren Bausteinen einer intelligenten Mobilität am Wohnort wird anhand von Leuchtturmprojekten im Themenkompass illustriert, dass intelligente, nachhaltige Mobilität im Wohnquartier schon heute möglich ist und von Wohnungsunternehmen bereits erfolgreich umgesetzt wird.

Im Domagkpark in München, einem autoreduzierten Neubauquartier, stehen bereits heute in einer solchen Mobilitätsstation vergünstigte E-Autos, E-Fahrräder, Lastenräder und E-Roller zur geteilten Nutzung zur Verfügung. Die Bewohnerinnen und Bewohner können dann aus einem breiten Mobilitätsangebot das je nach Bedarf passende Verkehrsmittel auswählen.

Was war in diesem Zusammenhang die Aufgabe des Öko-Instituts?

Für die Wohnungsunternehmen ist wichtig, welche rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Förderung einer nachhaltigen Mobilität am Wohnstandort zu berücksichtigen sind. Wir vom Öko-Institut haben zu rechtlichen Fragestellungen beraten, die sich bei der Entwicklung eines Katalogs innovativer Maßnahmen über klimaverträgliche Mobilität am Wohnstandort ergeben. Es besteht in vielen Bundesländern und Kommunen immer noch die Pflicht zum Bau einer bestimmten Anzahl von Kfz- und Fahrradstellplätzen bei Bauprojekten. Teilweise – wie in Schleswig-Holstein, Hessen oder Sachsen – können Kommunen jedoch eigene, an die Verhältnisse vor Ort angepasste Stellplatzsatzungen erlassen. Grundsätzlich ist auch eine Reduzierung des Stellplatzschlüssels, etwa bei Vorlage eines nachhaltigen Mobilitätskonzeptes, möglich. In der Broschüre „Intelligent mobil im Wohnquartier“ sprechen wir diese rechtlichen Fragen an.

Auch haben wir im Vorfeld den Dialog und die Beratung von Wohnungsunternehmen und weiteren Akteuren aus Politik, Verwaltung sowie Mobilitätsdienstleistern wissenschaftlich begleitet. Dabei haben wir unter anderem mit Experten und Expertinnen aus den beiden Leuchtturmprojekten der Lincoln-Siedlung in Darmstadt und der Gartenstadt Drewitz in Potsdam Fachinterviews zur Bewertung der Entstehungsprozesse von Mobilitätskonzepten am Wohnstandort geführt. Diese werten wir im Moment aus und sind schon sehr gespannt auf die Evaluationsergebnisse, über die wir im Herbst 2018 bei einem Transfer-Workshop mit den beteiligten Akteuren diskutieren werden. Diese und weitere Ergebnisse fließen dann auch in den gemeinsamen Projekt-Leitfaden ein. Daneben werden wir zu Projektabschluss in Abstimmung mit den Verbundpartnern die Klimaschutzwirkung des Gesamtprojekts „Wohnen leitet Mobilität“ bewerten.

Dr. Manuela Schönau ist Expertin für nachhaltige Individualmobilität und
arbeitet im Bereich „Ressourcen & Mobilität“ am Standort Berlin.

Weitere Informationen:

Zur Broschüre „Intelligent mobil im Wohnquartier“ von VCD Verkehrsclub Deutschland e.V., Öko-Institut und dem Deutschen Mieterschutzbund

Zum Projekt „Wohnen leitet Mobilität“ von VCD Verkehrsclub Deutschland e.V., Öko-Institut und dem Deutschen Mieterschutzbund

Kommentare
  1. Pingback: Joker „Elektromobilität“: Kann er alleine alle verkehrsbedingten Umweltprobleme lösen? – Öko-Institut e.V.: Blog

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