Wärmebild einer alten Heizung. Neue braucht die Wärmewende. Quelle: Plainpicture

Kommunale Wärmepläne für die Wärmewende

Dr. Max Peters, Quelle: privat

Dr. Max Peters, Quelle: privat

Baden-Württemberg hat als erstes deutsches Bundesland verpflichtend eingeführt, dass Kommunen ihre Wärmepläne erstellen und weiter schreiben müssen. Große Kreisstädte und Stadtkreise ab 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern müssen ihren Wärmeplan bis Ende 2023 erstellen. Kleinere Kommunen können freiwillig eine kommunale Wärmeplanung umsetzen und hierfür Fördermittel beantragen. Der Leiter des Kompetenzzentrums Wärmewende bei der Landesenergieagentur Baden-Württemberg, Dr. Max Peters, unterstützt die Kommunen mit seinem Team bei der Wärmeplanung. Im Interview erklärt er, welche Potenziale die Wärmeplanung bietet und vor welchen Herausforderungen die Kommunen jetzt stehen.

Dr. Peters, wie steht es um die Wärmewende in Baden-Württemberg?

Bislang findet die notwendige Wärmewende hier vollkommen unzureichend statt. Der Sanierungsstand ist viel zu niedrig, ebenso die Sanierungsrate. Sie liegt bei unter einem Prozent, müsste aber mindestens bei zwei bis drei Prozent liegen. Der Anteil erneuerbarer Energien liegt im Wärmebereich zudem bei circa 18 Prozent. Der Anteil erneuerbarer Energien in Wärmenetzen liegt in etwa bei 15 Prozent, viel zu niedrig. In großen Städten wie Stuttgart, Mannheim, aber auch vielen kleineren Kommunen, sind die Wärmenetze aufgrund der falschen Anreize auf fossile Energien ausgerichtet.

Wie kann die kommunale Wärmeplanung die Wärmewende unterstützen?

Der Klimaschutz ist für die Kommunen eine der größten Herausforderungen. Uns zeigen Umfragen unter den Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, dass das Thema als die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre angesehen wird. Leider spiegelt sich das kaum in den Investitionen in die klimaneutrale Energieversorgung wider. Grundsätzlich haben Kommunen einige erprobte Instrumente und Möglichkeiten im Bau- oder Kommunalrecht, die Wärmewende voran zu treiben. Doch es fehlt an einem strategischen Plan, der die kommunalen Handlungsmöglichkeiten ans Licht und in die richtige Richtung bringt. Den bringt nun die kommunale Wärmeplanung: Hierfür werden unter anderem der Wärmebedarf und die vorhandene Infrastruktur ermittelt, die Potenziale aller erneuerbaren Energien, für die Nutzung von Abwärme und der Kraft-Wärme-Kopplung erhoben und eine lokale Wärmewendestrategie entworfen, die das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 hat. Dazu muss ein umfänglicher Maßnahmenkatalog ausgearbeitet werden, der die kommunale Wärmewendestrategie beschreibt.

Dies hat viele Vorteile, weil alle Themen der weiteren Stadtplanung mit der Wärmeplanung zusammen gedacht werden. Daraus entsteht ein enormer Mehrwert, denn obwohl beides eng zusammenhängt, bleibt die Energiewende oft allein in den Abteilungen hängen, die sich mit Klimaschutz befassen. Die Wärmewende erfordert aber die Anstrengung aller Fachabteilungen, von der Stadtplanung über den Tiefbau bis zur Kämmerei. Und natürlich die Akzeptanz in der Bürgerschaft.

Wie haben Sie die kommunale Wärmeplanung vorbereitet?

Nach mehreren Jahren der inhaltlichen Vorbereitung fehlte es uns zugebenermaßen zu Beginn an Praxiserfahrung. Daher haben wir in einer Pilotphase zunächst gemeinsam mit drei Kommunen – Bruchsal, Baden-Baden und Freiburg – und deren Planungsbüros Wärmeplanung als gemeinschaftliches Experiment erprobt. Finanziert wurde diese halbjährige intensive Pilotphase vom Umweltministerium. Hier haben wir mit vielen unterschiedlichen Stellen zusammengearbeitet. Etwa mit den Fachabteilungen in den Verwaltungen und Ingenieurbüros. Außerdem hat uns die Dänische Energieagentur unter anderem mit ihrem Fachwissen unterstützt – in Dänemark gibt es ja schon seit den 1970er Jahren eine kommunale Wärmeplanung.

Wie unterstützen Sie die Kommunen bei der Umsetzung?

Wir bieten allen interessierten Kommunen Initialberatungen an, unterstützen sie also kostenlos und neutral beim Auftakt der Wärmeplanung. Anfang Januar haben wir zudem einen Handlungsleitfaden zur kommunalen Wärmeplanung erstellt, der die Kommunen bei der Umsetzung unterstützt.

Was sind aus Ihrer Sicht für die Kommunen die größten Herausforderungen bei der Wärmeplanung?

An alle erforderlichen Daten zur Wärmeversorgung zu kommen, so zu Verbrauch und Infrastrukturen. Diese Informationen sind grundlegend für die kommunale Wärmeplanung. Dies ist gesetzlich durch das neue Klimaschutzgesetz BW geregelt. Außerdem ist es wichtig, dass die Raumplanung neu gedacht wird, da muss ein echtes Umdenken stattfinden. Bislang werden Stadtquartiere ja städtebaulich gedacht, sie müssen aber auf Grundlage ihrer Energieversorgung, also als Energieräume gedacht werden. Dennoch bin ich zuversichtlich: Uns stehen heute schon die nötigen Wärmeerzeugungs, -verteilungs- und -speichertechnologien zur Verfügung.

Darüber hinaus ist nur die Erstellung und Weiterschreibung eines Wärmeplans verpflichtend, nicht aber die Umsetzung. Das macht ihn zu einem unverbindlichen Planungsinstrument. Es ist wichtig, dass seine Ergebnisse in die weitere Stadtentwicklung integriert werden, damit sie nicht verpuffen. Unser Leitfaden zeigt da einige kommunale Handlungsspielräume auf.

Rechnen Sie damit, dass kleinere Kommunen, die nicht zur Wärmeplanung verpflichtet sind, diese trotzdem umsetzen? Dies wird vom Land Baden-Württemberg ja gefördert.

Das ist auf jeden Fall sinnvoll. Denn die Wärmeplanung hat viele Vorteile – auch, was die Effekte regionaler Wertschöpfung bei der Wärmewende betrifft. In Kommunen, die nicht so einen großen Flächendruck haben, kann es sich zum Beispiel wirtschaftlich lohnen, Flächen etwa für die Wärmeerzeugung über Solarthermie zu nutzen. Und oftmals ist es auch sinnvoll, wenn eine Kommune nicht isoliert handelt, sondern zum Beispiel Nachbarkommunen integriert, auch wenn diese nicht zur Wärmeplanung verpflichtet sind.

Geben Sie Ihre Erfahrung auch an andere Bundesländer weiter?

Ja, natürlich. Es gibt schon die ersten Anfragen und wir stehen in engem Austausch mit anderen Landesenergieagenturen. Es wird jetzt schon sehr deutlich wahrgenommen, welch große Kraft ein Wärmeplan entfalten kann. Ich bin sicher, dass sich die kommunale Wärmeplanung jetzt Stück für Stück auch in anderen Bundesländern verbreiten wird.

Wie kann die Zukunft der Wärmeversorgung in Baden-Württemberg aussehen?

Sehr vielfältig. Der Wärmeplan zeigt einer Kommune ihre individuellen Wärmewendestrategie. Auf Freiflächen können große Solarthermie-Anlagen entstehen. Es gibt die Option der tiefen Geothermie. Auch jede Art von Umweltwärme, etwa Wärme aus dem kommunalen Abwasser, lässt sich über Wärmepumpen nutzen. Darüber hinaus ist auch ein gewisser Anteil von Biomasse denkbar. Dazu gilt es im zukünftigen Energiesystem überschüssigen Strom aus erneuerbaren Quellen zu speichern und zu verteilen.

Dr. Max Peters leitet bei der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg GmbH (KEA-BW) das Kompetenzzentrum Wärmewende. Dieses unterstützt Kommunen dabei, ihre Wärmeplanung umzusetzen. Zuvor war der promovierte Geowissenschaftler als Projekt- und Netzwerkmanager für die KEA-BW und als beratender Ingenieur tätig. Dr. Max Peters mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an einem Forschungsprojekt beteiligt, das sich ebenfalls mit kommunalen Wärmewendestrategien befasst. Darin widmet er sich der Frage, wie Wärmeplanungen standardisiert ausgearbeitet und vergleichbar gemacht werden können. 

Website der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg

Leitfaden „Kommunale Wärmeplanung“ der KEA-BW

Weitere Informationen

Online- und Mitgliedermagazin eco@work „50 Millionen bis 2030 – Wie gelingt die Wärmewende?“, Ausgabe März 2021

Blogbeitrag: „Deutschland braucht einen konkreten Ausstiegsplan für das Heizen mit Öl und Gas“

Themenseite „Wärmewende: Was den Klimaschutz im Gebäudesektor voran bringt“ des Öko-Instituts

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Kommentare
  1. Pingback: Ein kleines Land mit viel Erfahrung: Kommunale Wärmeplanung in Dänemark - Öko-Institut e.V.: Blog

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