Länger nutzen und reparieren: Acht Empfehlungen für die Kreislaufwirtschaft in Mexiko

Bislang landen in Mexiko noch 90 Prozent der Abfälle auf offenen Deponien. Wie die Kreislaufwirtschaft in dem lateinamerikanischen Land in Gang kommen könnte, hat Isabella Sohns während ihrem Kombi-Praktikum beim Öko-Institut und dem mexikanischen Institut für Ökologie und Klimawandel (INECC) analysiert. Zwar werden Smartphones und Textilien in Mexiko oft Second Hand genutzt und viel repariert. Die Politik und die Gesetze geben aber noch wenige Anreize, Produkte länger zu nutzen. „In diesem Blogeintrag möchte ich einen kleinen Rückblick auf unser Projekt geben, in dem wir einen Leitfaden mit zehn Empfehlungen erstellt haben, die die längere Produktnutzung fördern können“, sagt Isabella Sohns.

Wir stecken mittendrin im menschengemachten Klimawandel. Wenn ich mich so umschaue und mir Tipps einhole, was ich denn tun kann, um klimafreundlicher zu leben, dann lese ich am häufigsten: Strom sparen, zum Ökostrom wechseln, auf Einweg-Plastik verzichten und umweltfreundliche Fortbewegungsmittel wählen. „Zehn Tipps für einen nachhaltigen Konsum“ haben wir bereits hier im Blog zusammengestellt.

Unser Wunsch, immer das Aktuellste und Modernste besitzen zu wollen, führt dazu, dass wir Produkte – ob elektronische Geräte oder Kleidung – immer kürzer nutzen. Bei deren Herstellung oder Entsorgung werden auch große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt. Daher möchte ich die wichtigsten Punkte zum Klimaschutz beim Konsum betonen:

  1. Produkte möglichst lang nutzen
  2. Reparieren, statt Neukaufen
  3. Ausleihen und Teilen

Warum Obsoleszenz, und warum in Mexiko?

Um die wachsenden Konsumbedürfnisse zu decken, werden im heute vorwiegend linearen Produktionssystem viele Ressourcen und Energie verbraucht. Gleichzeitig sind die Produkte weniger haltbar und werden schneller ausgetauscht. Diese frühzeitige natürliche oder künstliche Alterung eins Produkts nennt man Obsoleszenz. Siddharth Prakash erklärt das im Podcast „Wenden bitte!“.

So wächst der Abfallberg, wenn es keine Kreislaufwirtschaft gibt. Besonders drastisch ist dies in Mexiko: Dort landen noch rund 90 Prozent der Abfälle auf offenen Deponien. Abhilfe schaffen will das mexikanische Sekretariat für Umwelt (SEMARNAT) mit der „Null-Abfall Agenda“, mit der die Abfallhierarchie eingehalten werden soll: Zuerst Vermeiden, Verringern und Wiederverwenden. Danach erst Abfall und Recycling.

Vor diesem Hintergrund entstand die Projektidee für das Praktikum: Ich wollte Strategien zur Verlängerung der Nutzungsdauer von Produkten für die mexikanische Politik analysieren und zusammenstellen.

Methode und Projektdurchführung

Das Ziel war es, einen Policy Brief zu erstellen mit vier Themenblöcken. Anschließend sollten Empfehlungen für die mexikanische Politik und Gesetzgebung zur Verbesserung der Produktnutzungszeiten abgeleitet werden Unsere Arbeitsschritte:

  1. Internationale „Good-Practice“-Beispiele sammeln zu regulativen Instrumenten und Maßnahmen, mit denen längere Produktnutzungszeiten gefördert werden,
  2. geeignete Geschäftsmodelle aufzeigen,
  3. einen Überblick zu bestehenden politischen Instrumenten und etablierten Geschäftsmodellen in Mexiko geben,
  4. die Treibhausgas(THG)-Menge berechnen, die sich durch längere Produktnutzungszeiten in Mexiko einsparen ließen.

Im ersten Arbeitspaket fanden wir elf regulative Instrumente und Maßnahmen, die sich positiv auf die Nutzungsdauer und Haltbarkeit von Produkten auswirken. Zusammen mit INECC untersuchten wir für alle elf die aktuelle Anwendbarkeit in Mexiko. Im letzten Schritt sprachen wir für die Instrumente und Maßnahmen Empfehlungen zur Erweiterung des ordnungspolitischen Rahmens Mexikos aus, die in Mexiko nicht vorhanden oder verbesserungsfähig sind.

Unsere Empfehlungen für Politikinstrumente in Mexiko

Die Empfehlungen orientieren sich an internationalen Good-Practice-Beispielen. Für jedes der regulativen Instrumente gibt es einen Anpassungsvorschlag für Mexiko.

  1. Das Gewährleistungsrecht: Während der gesetzlichen Gewährleistungsfrist können Verkäufer*innen für Mängel an einem Produkt haftbar gemacht werden. Innerhalb dieser sind sie verpflichtet, ein defektes oder mangelhaftes Produkt zu reparieren, zu ersetzten oder zu erstatten. Je länger diese Frist ist, desto stärker ist der Anreiz für Hersteller, langlebigere und leichter zu reparierende Produkte zu designen.
    Derzeit schreibt das Verbraucherschutzgesetz in Mexiko nur eine 60-tägige Garantie nach dem Kauf vor. Für große und potenziell langlebige große Haushaltsgeräte wie Herde, Kühlschränke, Tiefkühlschränke, Waschmaschinen oder Geschirrspüler hat diese kurze Frist keinen positiven Einfluss auf langlebiges Design. Daher empfehlen wir, die Frist nach den zu erwartenden Lebensdauern auszurichten, wie es etwa Finnland und die Niederlande tun.
  2. Ökodesignkriterien: Im EU-Recht schreibt die Ökodesignrichtlinie Kriterien vor, mit denen Hersteller von energieintensiven Produkten den Verbrauch und andere Umweltwirkungen durch das Produktdesign reduzieren müssen. Ökodesign kann aber noch viel mehr: zum Beispiel die Wiederverwendbarkeit erleichtern und die Reparierbarkeit fördern.
    In Mexiko existiert zwar eine Norm für die Integration von Ökodesign in der Entwicklung von Produkten, allerdings ist diese freiwillig. Daher empfehlen wir, dass Ökodesignkriterien verpflichtend werden.
  3. Recht auf Reparatur und Bereitstellung von Ersatzteilen: Das Recht auf Reparatur bedeutet, dass autorisierte und unabhängige Werkstätten die Produkte gleichgestellt reparieren können durch freien Zugang zu Ersatzteilen, Reparaturanleitungen, Reparaturwerkzeugen und Diagnosesoftware. Somit haben Verbraucher*innen die Wahl und der Reparaturmarkt wird gestärkt. Vorreiter bei der Durchsetzung eines solchen Rechtes sind die USA. Dort wurde erstmals in der Automobilbranche das Recht auf Reparatur („Right to Repair“) erkämpft.
    In Mexiko besteht ein Recht auf Reparatur innerhalb der 60-tägigen Gewährleistungsfrist, was allerdings nicht mit dem US-amerikanischen „Right to Repair“ (Pflicht für Hersteller, über mehrere Jahre Sicherheitsupdates anzubieten) vergleichbar ist. Das bestehende Recht sollte sowohl zeitlich ausgedehnt werden als auch unabhängige Werkstätten bei der Reparatur gleichstellen.
  4. Bereitstellung von Software-Updates: Wer sein Smartphone auch nach vier oder fünf Jahren noch nutzen möchte, kann oft keine Sicherheitsupdates mehr installieren. Dann wird die Nutzung unsicher und ein Neukauf wahrscheinlich. In Mexiko besteht keine Pflicht für die mehrjährige Bereitstellung von Sicherheitsupdates und daher empfehlen wir die Einführung. Orientieren kann man sich dabei an der EU-Richtlinie zur Bereitstellung digitaler Inhalte und Dienstleistungen. Diese verpflichtet Hersteller, ihre Produkte regelmäßig zu aktualisieren und so die Funktionalität und IT-Sicherheit langfristig zu erhalten.
  5. Informationen zu Reparierbarkeit und Haltbarkeit: In Frankreich existiert ein Reparaturindex, der für Elektroprodukte verpflichtend anzugeben ist. Dieser zeigt auf einer 10-stufigen Skala, wie gut der Artikel repariert werden kann. Solche Kennzeichnungen können Anreize für ein reparaturfreundliches Produktdesign setzen und Konsument*innen in ihrer Kaufentscheidung beeinflussen.
    In Mexiko existiert eine solche Verpflichtung zur Deklaration der Reparierbarkeit und Haltbarkeit nicht. Daher empfehlen wir die Einführung.
  6. Konsument*innenbildung: Verbraucher*innen werden über Alternativen zum Neukauf und Möglichkeiten für eine längere Nutzung aufgeklärt. In Mexiko bestehen verschiedene Programme und Aktionen für verschiedene Bevölkerungsgruppen.
    Wir empfehlen jedoch, alternative Konsumpraktiken wie Suffizienz und die damit verbundenen Geschäftsmodelle in der Bevölkerung bekannter zu machen: zum Beispiel Produkt-Service-Systeme (PaaS) wie Leasing, Second-Hand, Repair & Remanufacture und Suffizienz & Design (beispielsweise modulares Produktdesign, das den Konsument*innen Reparaturen und die Aktualisierung der Hardware ermöglicht).
  7. Ökonomische Anreize: Reparaturkosten bei der Einkommenssteuererklärung absetzen, Kommunen finanzieren Personal-, Arbeits- oder Standortskosten für Reparatur- und ReUse-Betriebe, Reparaturen werden durch Reparatur-Schecks oder Mehrwertsteuersenkungen gefördert – das alles sind Möglichkeiten, eine Reparatur attraktiver und günstiger als einen Neukauf zu machen. Ideen, wie so etwas umgesetzt werden kann, bieten Österreich und Schweden: In Schweden gilt ein geringerer Mehrwertsteuersatz auf Reparaturdienstleistungen. Und die Hälfte der Arbeitskosten (bis maximal 25.000 Kronen) für die Reparatur von Haushaltsgroßgeräten kann steuerlich abgesetzt werden. Für Personen über 65 liegt der Betrag sogar bei 50.000 Kronen. Auch in Österreich gab es bereits mehrmals Aktionen, bei denen Haushalte einen Reparaturbonus für Elektro-Haushaltgeräte beantragten konnten. In Mexiko existieren solche Anreize zurzeit noch nicht. Deshalb empfehlen wir deren Einführung.
  8. Grüne öffentliche Beschaffung: Der öffentliche Sektor verfügt über eine enorme Kaufkraft und kann dadurch nachhaltige Produkte am Markt stärken. Dazu sind die Definition und die Einhaltung nachhaltiger Beschaffungskriterien notwendig. Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit sind Kriterien, die die Nutzungsdauer von Produkten fördern.
    In Mexiko gibt es ein Gesetz, dass die öffentliche Beschaffung regelt und die Einrichtung von Ausschüssen vorsieht, die Nachhaltigkeitskriterien für Beschaffung, Leasing und Dienstleistungen festlegen. Die Reduzierung von Treibhausgasen wird als ein Kriterium erwähnt. Wir empfehlen zusätzlich die Aufnahme weitere Kriterien wie Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Langlebigkeit.

Hier gibt es keine klaren Empfehlungen, die Sachlage zu ambivalent ist:

Regulationen gegen geplante Obsoleszenz: Wenn Hersteller die Lebensdauer eines Produkts absichtlich verkürzen, um die Wiederbeschaffungsquote zu erhöhen, spricht man von „geplanter Obsoleszenz“. Es gibt in Mexiko keine gesetzliche Regelung, wie damit umzugehen ist, jedoch ist ein Gesetzentwurf in Arbeit. Allerdings sehen viele Expert*innen die Regulierung der geplanten Obsoleszenz mit strafrechtlichen Sanktionen kritisch. Denn diese ist schwierig nachzuweisen. Dementsprechend hat ein solches Gesetz eher eine symbolische Wirkung. Hier gibt es keine klare Empfehlung.

Businessmodelle: Wir haben vier Businessmodelle identifiziert, die die Lebensdauer und Nutzungszeit von Produkten verlängern können: Erstens Second-Hand-Märkte, zweitens Reparatur- und Wiederaufarbeitungswerkstätten, drittens Modelle, die Produkte zum Ausleihen anbieten (Sharing und Leasing) und viertens Geschäftsmodelle mit Suffizienz- und Designstrategien. Stark verbreitet in Mexiko sind vor allem die ersten beiden Geschäftsmodelle, während die beiden letzteren noch Entwicklungspotenzial haben.

Jeans länger tragen, Smartphone länger nutzen: Treibhausgase einsparen

Um die Größenordnung zu zeigen, berechneten wir für die Produktgruppen Smartphones und Textilien die Menge an Treibhausgasen (THG), die sich einsparen ließe, wenn die mexikanischen Nutzer*innen Kleidung und Smartphones doppelt so lange im Einsatz hätten wie bisher im Durchschnitt. Dafür nutzten wir die bisherigen Emissionswerte aus Ökobilanzstudien und ermittelten die momentanen Nutzungszeiten per Online-Umfrage unter 50 Mexikaner*innen.

Das Ergebnis: 4,9 Millionen Tonnen Treibhausgase könnten mit der längeren Nutzung von Jeanshosen (die wir exemplarisch für die Produktgruppe „Textilien“ wählten) eingespart werden und 1,3 Millionen Tonnen mit Smartphones. Insgesamt entspricht diese Menge dem pro Kopf THG-Ausstoß von 1,6 Millionen Mexikaner*innen. Die Hochrechnung basierte auf einer Ökobilanz, die keinen Zeitraum für den THG-Verbrauch angegeben hat, sondern sich auf eine Nutzung von 200-Mal Tragen bezog. Nutzt man Textilien beispielweise second- oder third-hand, dann spart man dabei die THG, die bei der Herstellung einer neuen Jeans angefallen wären.  (siehe Policy Brief S. 47-48)

Policy Brief „Implementing circular economy in Mexico: Recommendations for strategies against obsolescence of smartphones & textiles“

Isabella Sohns studiert im Master Technischen Umweltschutz an der TU Berlin mit den Schwerpunkten Management of Sustainable Development, Recycling Technologies und Ökobilanzen. Sie hat ihr Praktikum im entwicklungspolitischen Bildungsprogramm ASA am Öko-Institut und am mexikanischen Institut für Ökologie und Klimawandel (INECC) absolviert.

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