Mehr Gesundheit für alle oder mehr Reichtum für wenige?

DTAG, Foto: Frank Bauer

Im letzten Blog-Beitrag von Andreas Kröhling ging es um die ökologischen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Nachhaltigkeit am Beispiel Klimaschutz. In diesem Blog soll es nun um die sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Digitalisierung anhand der Beispiele Gesundheit und Wohlstand gehen. Bei der Jahrestagung des Öko-Instituts am 24. Oktober 2019 in Berlin wird Andreas Kröhling Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Wer, was, wann – welche Rahmenbedingungen brauchen Digitalisierung und Nachhaltigkeit?“ sein.

Soziale Dimension: Mehr bezahlbare Gesundheitsdienste für alle oder macht die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) uns krank?

Die Telemedizin verfügt über immense Potenziale. Zu diesem Ergebnis kommt die von Accenture im Auftrag der IKT-Branchenvereinigung GeSI (Global Enabling Sustainability Initiative) durchgeführte SMARTer 2030 Studie. Demnach ist es möglich, dass bis 2030 über IKT weltweit 1,6 Milliarden Menschen einen Zugang zum Gesundheitswesen bekommen und zugleich Kosten in Höhe von 66 Milliarden US-Dollar gespart werden könnten. Die neue, im September 2019 veröffentlichte GeSI-Studie „Digital with Purpose“ berichtet, dass Informations- und Kommunikationstechnologien den Anteil der Geburten mit Anwesenheit von medizinischem Fachpersonal bis 2030 auf 92 Prozent steigern können. Ohne diese Technologien wären nur 89 Prozent realistisch. Eine Telenor Studie zeigt, dass die Kosten für die Pflege älterer Menschen um 25 Prozent gesenkt werden könnten, die Kosten aus Krankenhausaufenthalten sogar um 50 bis 60 Prozent. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der steigenden Lebenserwartung und dem damit verbundenen Anstieg der Gesundheitsausgaben am Brutto-Inlandsprodukt ist die Telemedizin von entscheidender Bedeutung, um eine gute medizinische Versorgung aller Menschen (in Ländern wie Deutschland) langfristig zu gewährleisten.

Mehr Lebensqualität und geringere Gesundheitskosten durch Prävention

Über Präventivmedizin lassen sich nicht nur Kosten senken, sondern auch die Lebensqualität für die Menschen kann steigen. Durch IKT-gestützte Überwachung und Übermittlung von Vitaldaten konnte die Zahl der notwendigen Arztbesuche und prophylaktischen Krankenhausaufenthalte erheblich vermindert werden. Auch in der Betreuung von Demenzkranken und zur Früherkennung von Depressionen wird Patienten mit Smartphone-Apps geholfen. Durch das Onlinespiel „Sea Hero Quest“ konnten aus der anonymisierten Analyse der Bewegungen der Spieler im dreidimensionalen Raum wesentliche Erkenntnisse zur Verbesserung der Frühdiagnostik von Demenzerkrankungen gewonnen werden. Schon zwei Wochen nach dem Launch gab es eine Million Downloads. Bereits jetzt existieren durch die Spieler Navigationsdaten, deren Erhebung unter Laborbedingungen mehr als 1.500 Jahre benötigt hätte.

Internetsucht – ein zunehmendes Problem

Verschiedene Studien und Untersuchungen zeigen allerdings auch, dass das Internet Menschen süchtig machen kann. Chatten oder Onlinespiele rücken derart in den Lebensmittelpunkt, dass es zu einer Vernachlässigung von Beruf, Familie und Freunden sowie zu Schlaf- und Bewegungsmangel mit erheblichen negativen Folgen für den Gesundheitszustand kommt. Auch wenn die eindeutige Diagnose von Internetsucht nicht einfach ist, sind die Zahlen durchaus alarmierend. So schätzt die 2011 veröffentlichte Studie zur Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums der Internetabhängigkeit unter den 14- bis 64-Jährigen auf mindestens ein Prozent (Männer 1,2%, Frauen 0,8%). Dies entspricht etwa der Einwohnerzahl von Hannover. Besonders alarmierend ist dabei, dass der Anteil bei den Jüngeren auf 2,4 Prozent in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen und sogar vier Prozent bei den 14- bis 16jährigen ansteigt, bei den Frauen gar auf 4,9 Prozent.

Daher ist es wichtig, frühzeitig den kompetenten Umgang mit elektronischen Medien zu vermitteln. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang unter anderem die verschiedenen Angebote der deutschen Telekom wie Kinderschutzsoftware, „1001 Wahrheit“, „teachtoday“ oder auch das Medienmagazin für Kinder „Scroller“.

Weniger Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit durch Smartphones

Auch „Digitaler Bournout“ durch übermäßige Smartphone-Nutzung ist eine Gefahr. Alexander Markowetz weist in einem Interview in der FAZ darauf hin, dass wir im Schnitt alle 18 Minuten unsere Tätigkeiten unterbrechen, um zum Handy zu greifen. Diese ständigen Unterbrechungen beeinträchtigen uns und können im Zusammenhang mit der Zunahme von Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen und der Verordnung von Psychopharmaka gesehen werden. Forschungen zeigen zudem, dass Likes in sozialen Netzwerken unser Gehirn stimulieren und süchtig machen können.

Ebenfalls alarmierend ist die Gefahr durch die Nutzung von Smartphones im Straßenverkehr. Jeder zehnte Fußgänger kann auch bei Straßenüberquerungen den Blick nicht vom Display lassen. Diese sogenannten „Smombies“ (zusammengesetzt aus Smartphone und Zombie) achten nur noch unzureichend auf den Verkehr und gefährden so sich und andere.

Ökonomische Dimension: Mehr Wohlstand für alle durch IKT oder Reichtum für wenige und Armut für viele?

Digitale Technologien haben ein hohes Potenzial für eine Steigerung des Wohlstands. So berechnet die schon oben zitierte Studie „Digital with Purpose“ für 2030 wirtschaftliche Mehrwerte von sechs bis zehn Billionen US-Dollar durch IKT. Das sind Zahlen, die im Großen und Ganzen die Erkenntnisse der „SMARTer2030 Studie“ aus dem Jahr 2015 bestätigen. Für Europa wird ein wirtschaftliches Potenzial erfolgreicher Digitalisierung bis 2025 von 1,25 Billionen Euro prognostiziert, davon alleine 425 Milliarden Euro in Deutschland, und ein wirtschaftlicher Nachteil von 0,6 Billionen Euro, wenn die Digitalisierung nicht erfolgreich gemeistert wird. Für die Industrie stehen dabei Effizienz und Produktivitätssteigerung im Vordergrund. So verspricht sich der Maschinenbauer Trumpf einen Vorteil von bis zu 30 Prozent.

Ein weiterer Aspekt der digitalen Ökonomie ist hier von besonderer Bedeutung: Digitale Güter, die mit Grenzkosten von null produziert werden, können beliebig oft vermehrt werden und so wohlstandssteigernd wirken. Die Nutzung digitaler Technologien zur massiven Steigerung der Produktivität bietet die Chance, den materiellen Wohlstand vieler Menschen global zu erhöhen.

Nachhaltiger Konsum und mehr Wohlstand durch Sharing

In diese Richtung geht auch die Ökonomie des Teilens. PWC erwartet, dass der Umsatz mit Geschäftsmodellen der „Sharing Economy“ von 15 Milliarden US-Dollar in 2015 auf 335 Milliarden US-Dollar in 2025 ansteigt. Die Sharing Economy ist auch im Zusammenhang mit dem Modell der Kreislaufwirtschaft bedeutsam, da das Teilen von Produkten (wie beispielsweise Car-Sharing) die Einsparung von begrenzten Rohstoffen ermöglicht und somit zur Entkopplung zwischen Ressourcenverbrauch und Wohlstandsniveau beiträgt.

Mehr Wohlstand – weniger Jobs?

Auf der anderen Seite stehen die möglichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Frey und Osborne kommen in der detaillierten Untersuchung „The Future of Employment“ 2013 bei der Analyse von 702 Jobs für die USA sogar zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent und damit fast jeder zweite Arbeitsplatz in den USA auf der Basis bekannter Technologien ersetzt werden kann, wobei die Autoren keinen konkreten Zeitraum für ihre Prognose angeben. Eine Adaption der angewandten Methodik auf den deutschen Arbeitsmarkt kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

Jede in mathematische Algorithmen überführbare Tätigkeit kann schon mit den heute bekannten Technologien ersetzt werden. Selbstfahrende Autos, deren Anteil an den neu zugelassenen Fahrzeugen nach einer McKinsey Studie zum Automobilsektor im Jahr 2030 bei 15 Prozent liegen könnte, machen langfristig Kraft- und Taxifahrer überflüssig. Selbst-Scan-Kassen, wie sie schon jetzt zunehmend in Supermärkten zu finden sind, führen zu einer erheblichen Reduzierung des Bedarfs an Verkaufspersonal. Im Hotelbereich können Servicecomputer zahlreiche Tätigkeiten ersetzen, die heute noch von Menschen übernommen werden, angefangen vom Check-In über die Küche bis zur Reinigung der Zimmer. Auch bei Banken und Versicherungen hat der Abbau von Beschäftigten durch die Automatisierung von Tätigkeiten schon längst angefangen. So ist die Zahl der Bankfilialen in Deutschland von 2007 bis 2017 um fast ein Viertel zurückgegangen. Für die Versicherungsbranche errechnet eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey den Wegfall von 30 Prozent der Arbeitsplätze im operativen Geschäft bis 2025. Selbst klassische Bereiche menschlicher Dienstleistungen sind vor der Digitalisierungswelle nicht sicher, wie die zunehmende Erprobung von Pflegerobotern in Japan zeigt.

Auf der anderen Seite entstehen aber auch neue Arbeitsplätze, beispielsweise in der Analyse automatisierter Massendaten oder auch in Kreativberufen. Es ist allerdings mehr als fraglich, ob die Zahl der neuen Jobgelegenheiten ausreicht, die Zahl der wegfallenden Arbeitsplätze zu ersetzen. Die Prognose des Weltwirtschaftsforums in Davos ging Anfang 2016 von netto fünf Millionen weniger Arbeitsplätzen in den nächsten fünf Jahren aus.

Selbst wenn das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mit der in seinem Kurzbericht 9/2018 dargestellten Einschätzung recht hat, dass die Jobverluste durch Digitalisierung in Deutschland bis 2035 durch neue entstehende Jobs nahezu ausgeglichen werden, stellt sich die Frage, inwieweit die Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmer, die durch die Digitalisierung ihren Arbeitsplatz verlieren, die neu entstehenden Aufgaben und Jobs übernehmen können und auch wollen. Können Sie sich vorstellen, dass sich wegrationalisierte Supermarktverkäufer, Fahrerinnen und Angestellte an Bankenschaltern in großem Maßstab als Programmiererinnen, im Data Mining oder in kreativen Tätigkeiten wiederfinden können? Zudem müssten die Unternehmen dann auch bereit sein, diese „umqualifizierten“ Beschäftigten einzustellen.

Fraglich ist auch, ob durch diese Entwicklung nicht eine neue Schicht von „Selbststständigen“ ohne sozialen Schutz mit unsicheren und geringen Einkommen entsteht, wie beispielsweise Uber-Fahrer, die sich nicht gewerkschaftlich organisieren können, die ihre Kollegen gar nicht kennen und deren Einnahmen pro Stunde von den aktuell gültigen Geschäftsbedingungen eines internationalen Digitalkonzerns abhängen.

Fazit:  Mehr Nachhaltigkeit durch Digitalisierung ist möglich – wir sind am Zug.

Digitalisierung bietet nicht nur im Klimathema, sondern auch in den Bereichen Gesundheit und Wohlstand zahlreiche Chancen für eine bessere, nachhaltigere Welt, unter anderem auch durch einen positiven Beitrag zu den meisten Entwicklungszielen der UNO, den sogenannten SDGs. Telekommunikation ermöglicht eine bessere und kostengünstigere Gesundheitsversorgung sowie immense wirtschaftlichen Mehrwerte. Auf der anderen Seite stehen das Risiko negativer Folgen für die Gesundheit durch übermäßigen Internetkonsum sowie die Ablenkung durch Smartphones und soziale Medien und eine Verstärkung der globalen Ungleichverteilung durch eine Verschärfung des globalen Wettbewerbs.

Schwarz-Weiß-Denken hilft hier nicht weiter. Es kommt auf uns an: Auf uns Menschen, wie wir digitale Technologien nutzen, und auf uns als Gesellschaft, welche Rahmenbedingungen wir für die Digitalisierung schaffen.

Andreas Kröhling ist bei der Deutschen Telekom AG verantwortlich für Corporate Social Responsibility.


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