Nachtwandel

Die Bundesregierung verschläft den europäischen Trend zum Ausbau von Nachtzugverbindungen, kritisiert Anke Herold in ihrem Kommentar in „Neues Deutschland“.

Nachtzüge sind eine klimafreundliche Alternative zum Fliegen für internationale Reisen. Das haben auch einige europäische Regierungen erkannt, die in diesem Jahr neue Verbindungen beschlossen oder eingerichtet haben. Die schwedische Regierung hat angekündigt, dass sie Finanzmittel für neue Routen zur Verfügung stellen wird, die ab 2022 Stockholm und Malmö mit Hamburg und Brüssel verbinden sollen. Auch der französische Verkehrsminister hat neue Nachtverbindungen zugesagt. Seit diesem Jahr verkehren neue Nachtzüge zwischen Brüssel und Wien. Auch die östlichen EU-Länder Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn, Slowenien und Kroatien verbindet seit Juni ein neuer Nachtzug. In der Schweiz gibt es ebenfalls Überlegungen für neue Routen.

Für Klimaschützer sind Nachtzüge eine perfekte Alternative zum Fliegen auf langen Strecken von 1000 bis 2000 Kilometern, da sie sechs bis zehn Mal weniger CO2 pro Passagierkilometer emittieren als ein Flug. Und wenn der Strom für die Bahnen aus erneuerbaren Energien kommt, dann fahren sie sogar praktisch CO2-frei.

Vor allem aber können Nachtzüge auf bestehenden Strecken fahren. Sie brauchen keine neue Infrastruktur und könnten daher schnell zur notwendigen Emissionsminderung im Verkehr bis 2030 beitragen. 10 bis 20 Prozent der Flüge könnten durch einen Ausbau der europäischen Nachtzüge auf diesen Strecken ersetzt werden.

Die Deutsche Bahn hat dennoch 2016 alle ihre Nachtzugverbindungen eingestellt. Glücklicherweise hat damals die österreichische ÖBB die Züge und viele der Strecken übernommen. Deutschland fehlt mal wieder in der Liste der ambitionierten Staaten, die klimafreundliche Mobilitätsalternativen schaffen. Lediglich die US-amerikanische Firma RDC betreibt seit diesem Jahr den neuen Alpen-Sylt Nachtexpress. Was aber nicht dem Verkehrsministerium, sondern einem engagierten privaten Investor zu verdanken ist, der umweltfreundliches Reisen fördern möchte.

Ohne staatliche Förderung und bei gleichzeitig überbordender Subventionierung des Flugverkehrs können grenzüberschreitende Nachtzüge allerdings kaum wirtschaftlich betrieben werden. Eines der größten Probleme sind die Trassenpreise, die im Bahnverkehr pro Kilometer gezahlt werden müssen. 9 bis 22 Euro müssen pro Zugkilometer gezahlt werden, was die Nachtzüge unwirtschaftlich macht – bei Flugzeugen gibt es diese Kosten nicht. Die Trassenpreise machen 60 Prozent der Kosten der Nachtverbindungen aus. Auch die Auslastung ist ungünstiger: In einen normalen Bahnwaggon passen ungefähr 70 Reisende, und der Zug kann mehrfach täglich die gleiche Strecke fahren. In einen Schlafwagen passen höchstens die Hälfte der Passagiere, und der Zug fährt nur einmal in 24 Stunden. Das erhöht ebenfalls die Kosten. In der Vergangenheit wurden Nachtzugverbindungen daher eingestellt, obwohl sie eine hohe Kundenauslastung hatten.

Anke Herold ist seit 2018 Geschäftsführerin am Öko-Institut. Zuvor war sie Forschungskoordinatorin für internationale Klimapolitik mit dem Arbeitsschwerpunkt Ausgestaltung des internationalen Klimaregimes. Sie hatte lange Jahre eine aktive Rolle bei den internationalen Klimaverhandlungen unter der Klimarahmenkonvention (UNFCCC) und fungiert unter anderem als Verhandlungsführerin für die Europäische Union.

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