Neue Wege: Nachhaltige Mobilität am Wohnort

Die Verkehrswende ist in aller Munde. Dass sie bereits an der eigenen Haustür beginnen sollte, ist bei den zuständigen Akteuren aber oft noch nicht angekommen, die komplexen Planungen stehen vielerorts ganz am Anfang (siehe dazu auch den Blogbeitrag „Die Verkehrswende fängt an der Haustür an“). Und doch gibt es sie: Eine Handvoll Vorzeigequartiere, in denen Wohnungsunternehmen, Kommunen – aber auch Mieterinnen und Mieter – nachhaltige Mobilität am Wohnort gemeinsam gestalten.

Das zeigt das Gemeinschaftsprojekt „Wohnen leitet Mobilität“ vom Deutschen Mieterbund, dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie dem Öko-Institut. Zwei dieser beispielhaften Quartiere, die Gartenstadt Drewitz, eine Plattenbau-Siedlung in Potsdam, und die Lincoln-Siedlung in Darmstadt, eine ehemalige US-Siedlung, standen im Fokus der Untersuchung. Das Öko-Institut hat die verantwortlichen Akteure dieser unterschiedlichen Wohnquartiere interviewt und die Antworten für zukünftige Handlungsempfehlungen ausgewertet.

Klare Aufgabenverteilung und langer Atem nötig

Demnach kann die Verkehrswende ab der Haustür nur gelingen, wenn alle Beteiligten – von der öffentlichen Hand über private Investoren bis hin zu den Bewohnerinnen und Bewohnern – an einem Strang ziehen. Der oft mehrjährige Prozess der Quartiersumgestaltung und dessen Umsetzung eines umfassenden Mobilitätskonzepts braucht einen langen Atem sowie persönliches Engagement und Flexibilität. Und sie braucht eine klare Aufgabenverteilung. Aber die ist nicht selten an organisatorische und finanzielle Pflichten der Beteiligten gebunden.

So sollten sich Wohnungsunternehmen nicht nur maßgeblich bei der Umsetzung möglicher Mobilitätsangebote einbringen, sondern ihrer Mieterschaft wie auch der Presse und der Politik den Nutzen für Mensch und Umwelt aufzeigen. Zudem müssen sie die Tragfähigkeit der Projekte von Anfang an sicherstellen.

Beispiel Drewitz: Die ProPotsdam hat die Quartiersumgestaltung nicht nur durch die Teilnahme am Wettbewerb des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 2009 zur „Energetischen Sanierung von Großwohnsiedlungen“ initiiert, sondern war auch maßgeblich an deren Entwicklung beteiligt, sie hat sich finanziell und personell eingebracht und damit wichtige Weichen für eine Verstetigung gestellt.

Politische Rahmenbedingungen schaffen

Frühzeitig einschalten sollten sich auch die Kommunen. Neben den Verkehrsbetrieben vor Ort müssen sie die Lokalpolitik rechtzeitig ins Boot holen. Nur so können vorab rechtliche und politische Rahmenbedingungen geschaffen und klare Leitlinien definiert werden. Eine weitere wesentliche Aufgabe für die zuständigen Städte und Gemeinden ist es, Bauträger und private Investoren über landes- und bundesweite Fördermöglichkeiten zu informieren, diese zu koordinieren sowie selbst in nachhaltige Mobilität zu investieren.

Beispiel Darmstadt: Das Stadtplanungsamt der Stadt Darmstadt war von Anfang an sehr eng an der Konzeption des Mobilitätskonzepts in der Lincoln-Siedlung beteiligt. Es vermittelte und koordinierte zwischen allen Beteiligten im Quartier und trug zur kommunal-politischen Akzeptanz des Wohnprojekts mit Modellcharakter bei. Über landes- und bundesweite Förderprogramme konnte so u.a. auch ein freier Lastenrad-Verleih im Quartier („Heiner-Bike“) aufgebaut werden.

Die eigene Mobilität hinterfragen

Ohne die aktive Beteiligung aller Bewohnerinnen und Bewohner geht es aber nicht. Sie müssen ihre Wünsche an die Gestaltung des Wohnquartiers früh genug einbringen. Erst dann können Mobilitätsangebote bedarfs- und bedürfnisgerecht geplant und umgesetzt werden. Auch das eigene Mobilitätsverhalten und die damit verbundenen Kosten sollten von jedem Einzelnen unter die Lupe genommen werden. Denn nachhaltige Mobilität kann sich durchaus auch finanziell lohnen.

Beispiel Drewitz und Darmstadt: Was haben beide Best-Practice-Quartieren gemeinsam? Das Interesse und die Begeisterung der Bewohnerinnen und Bewohner sich für ihr Quartier stark zu machen. Durch die Teilnahme an Planungswerkstätten wie  auch durch die aktive Beteiligung im Rahmen einer Bürgervertretung (Drewitz) bzw. einer Bürgerinitiative („Wir auf Lincoln“, Darmstadt) wurden zwei lebenswerte Quartiere nach den Wünschen der Bewohnerinnen und Bewohnern geschaffen.  Darüber hinaus können Mobilitätszentralen mit Beratungsangeboten dabei unterstützen, die eigene Mobilität noch nachhaltiger zu gestalten.

Aufwertung durch Nachhaltigkeit

Die Auswertungen haben zudem gezeigt, dass nachhaltige Mobilitätsprojekte nicht nur umweltpolitische Gründe haben. Auch die Aufwertung eines Quartiers oder infrastrukturelle Herausforderungen können der Auslöser dafür sein, über neue – nachhaltigere – Wege der Mobilität am Wohnort nachzudenken.

Zu den Autorinnen:
Dr. Manuela Schönau ist Expertin für nachhaltige Individualmobilität und
arbeitet im Bereich „Ressourcen & Mobilität“ am Standort Berlin.
Annemarie Rost ist studentische Mitarbeiterin im Bereich „Ressourcen & Mobilität“ und
arbeitet unter anderem zu den Themen klimafreundlicher Verkehr und Verkehrswende.

 

Weitere Informationen

Das Projekt „Wohnen leitet Mobilität“ berät noch bis Ende 2019 interessierte Wohnungsunternehmen, wie sich eine nachhaltige Mobilität am Wohnort verwirklichen lässt.

Zum Forschungsprojekt „Wohnen leitet Mobilität“ vom Deutschen Mieterbund, Verkehrsclub Deutschland (VCD) und Öko-Institut sowie weiteren Best-Practise-Quartieren

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