#plastikfrei leben ohne Lebensmittelverpackungen. Quelle: Öko-Institut

#plastikfrei leben: Suppentopf statt Tütensuppe

David hat sich viel mit dem plastikfreien Leben beschäftigt. Hat sich in Blogs, Zeitschriften und im Bekanntenkreis informiert. Wenn möglich, kauft er Nudeln, Reis und Mehl nur noch im Unverpackt-Laden. Allerdings muss er eine halbe Stunde mit dem Rad hinfahren und an sehr viele Behälter denken. So ein Einkauf muss geplant sein. Deshalb kauft David auch oft im normalen Supermarkt; alles in Plastik verpackte immer mit schlechtem Gewissen.

Vor kurzem hat er sich einen Wassersprudler gekauft, in dem er das Leitungswasser in Sprudel verwandelt. Er hat nämlich gelesen, dass Leitungswasser gesünder ist, als so manches Tafel- oder Mineralwasser. Coffee-To-Go-Becher und Plastikverpackungen für sein Mittagessen benutzt er schon ewig nicht mehr. Ihm schmeckt es viel besser aus seinem Edelstahlbecher und der Mehrwegbrotdose.

Seine Freunde haben ziemlich gestaunt, als sie von ihm erfahren haben, dass es sogar eine plastikfreie Alternative zur Zahnpasta gibt: David füllt sich im Unverpacktladen Zahnputzpulver in ein Glas. Dort taucht er seine befeuchtete Holzzahnbürste ein und kann seine Zähne putzen.

David informiert sich weiter und ist erstaunt, dass er fast jeden Tag einen weiteren Lebensbereich findet, in dem er seinen Plastikgebrauch reduzieren oder vermeiden kann. Zuletzt hat er Frischhaltefolie durch selbst mit Bienenwachs getränkte und durchbügelte Stofftücher ersetzt.

1. Das Problem: Plastik ist bequem

Während die Nutzung von Einweg-Verpackungen ursprünglich für Ausnahmesituationen, wie den Außer-Haus-Verzehr gedacht war, ist die so erzielte Bequemlichkeit inzwischen alltäglich geworden. Der dadurch erzielte „Zeitgewinn“ wird allerdings oft vollständig durch andere stressige oder umweltschädliche Aktivitäten ausgeschöpft. Convenience verdichtet und beschleunigt zeitaufwändige Beschäftigungen des Alltags zugunsten von Erwerbsarbeit, Mobilitätszeiten oder alternativen Freizeitbeschäftigungen. Der Erfolg von Convenience-Lebensmitteln ist demnach ein Symptom einer aus Effizienzgesichtspunkten optimierten Lebensweise. Dazu gehört sogar die Nahrungsaufnahme.

#plastikfrei leben anstatt Obst in Plastikverpackung, Quelle: Öko-Institut

Auf diese Weise haben sich portionierte, in Einweg-Kunststoffen verpackte Lebensmittel in den letzten Jahren zu einem gesellschaftlichen Massenphänomen entwickelt. 80 bis 90 Prozent aller Lebensmittel gelangen inzwischen in einer vorbereiteten Form zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Fertiggerichte, Käse- und Wurstaufschnitte sowie Fruchtjoghurts sind typische Vertreter. Convenience-Lebensmittel sind gleichzeitig Wegbereiter und Folge moderner Lebensstile: Ein Grundmuster unserer Gesellschaft lautet Beschleunigung, welche die Basis für die Effizienz von Produktions- und Konsumprozessen ist.

Keine Zubereitung, kein Abwasch

Ein wesentliches Merkmal ist das so genannte „Ready-to-eat“-Prinzip, welches Esser und Esserinnen von nahezu allen Zubereitungsprozessen entlastet. Diese Mahlzeiten sind auch deshalb beliebt, weil sie ohne große Küchenausrüstung zubereitet werden können und dank der Wegwerfverpackung der Abwasch wegfällt. Kaum ein anderes Material kann so viele zeitsparende und entlastende Eigenschaften aufweisen und ist dazu auch noch billig.

Ein weiteres Problem ist das sogenannte „Littering“, also das Wegwerfen von Verpackungen in die Umwelt. Für den Einzelhandel ist die Einwegverpackung bequem und profitabel. Käuferinnen und Käufer empfinden gebrauchte Verpackung hingegen als Last, deren man sich möglichst bequem entledigen möchte. In diesem Sinne kann Littering auch als eine besonders prägnante Form der Bequemlichkeit und Unachtsamkeit interpretiert werden.

In der Falle

Heute gibt es sogar eine gewisse Abhängigkeit von Convenience-Essen: Der Konsum von fertigen Lebensmitteln hat dazu geführt, dass das Wissen über Essen und dessen Zubereitung bei manchen Menschen verloren geht oder nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben wird. Zudem sinkt oft auch die Wertschätzung für frisch gekochtes Essen.

Entstanden ist ein sogenannter Lock-in Effekt: Die Verbraucherinnen und Verbraucher sind durch den Konsum von Convenience-Lebensmitteln und die dadurch erfolgte Anpassungen im Lebensstil buchstäblich in der Bequemlichkeitsfalle gefangen. Von vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern wird in Kauf genommen, dass abgepackte Lebensmittel oft weniger gesund als frisch zubereitete Speisen sind: Zum einen werden Zusatzstoffe, wie Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker und Farbstoffe eingearbeitet, zum anderen können die Aufbereitungsmethoden wichtige Vitalstoffe zerstören.

Zu viele verschiedene Kunststoffe

Neben dem Lebensstil bestehen noch weitere Ursachen für den Einsatz von Einweg-Verpackungen. Das Marketing und die Logistik der Lebensmittelhersteller und des Einzelhandels fördern die Material-, Form- und Farbenvielfalt für komplexe Verpackungen aus unterschiedlichen Materialien. Diese lassen sich nur schwer voneinander trennen und erschweren damit ein hochwertiges Recycling erheblich.

2. Lösungen für eine plastikfreie Zukunft

Um die Umwelt zu entlasten, sollten sich die Verbrauchenden bei jedem Stück Einwegplastik, das sie in der Hand haben, fragen: Wie könnte ich diesen Abfall nächstes Mal vermeiden?

Unverpacktläden

Erfreulicherweise sind Auswege aus diesem „verzwickten Problem“ zumindest ansatzweise bereits vorhanden: In zahlreichen Städten gibt es bereits so genannte Unverpacktläden bzw. Supermärkte mit Unverpackt-Angeboten. Diese Geschäfte bieten ihr komplettes Sortiment oder zumindest eine Reihe von Produkten lose und unverpackt an. Die Kundinnen und Kunden bringen eigene Behälter von zu Hause mit und füllen sich ihre Menge selbst ab oder lassen diese an den Frischetheken vom Verkaufspersonal befüllen. Besonders gut eignet sich dieses Konzept beispielsweise für trockene Produkte wie Obst, Gemüse, Nudeln, Reis, Hülsenfrüchte, Cerealien, Kaffee, Tee und Süßwaren.

Konsumentinnen und Konsumenten, die ihre Verpackungen selbst mitbringen, haben derzeit allerdings noch einen Mehraufwand durch die Vorausplanung und den Transport der Behälter. In absehbarer Zeit wird sich der Aufwand aber verringern, weil es immer mehr Unverpacktläden geben wird, die professionelle Logistik-Strukturen entwickeln und somit leichter erreichbar sein werden. Das unverpackte Warenangebot wird sich ebenfalls ausweiten. Kundinnen und Kunden wird das Einkaufen dann leichter gemacht, wenn es genormte Mehrwegbehälter gibt und Unverpackt-Geschäftsmodelle mit Lieferdiensten kooperieren: Die Waren werden in Mehrwegbehältern mit dem Lastenrad geliefert, wobei leere Behälter wieder mitgenommen werden.

Frisch und selbst zubereitetes Essen ist wertvoll

#plastikfrei essen, Obst selbst zubereiten, Quelle: Öko-Institut

Der wesentliche Impuls, der Einweg-Kunststoffverpackungen in Zukunft reduzieren wird, ist die neue Wertschätzung für frisch zubereitete Lebensmittel. Ein Auslöser ist die zunehmende Sensibilisierung, dass hochverarbeitete Lebensmittel nicht nur viel zu viel Plastikmüll verursachen, sondern auch gesundheitsschädlich sein können. Viele Menschen empfinden mittlerweile ein Gefühl persönlicher Verantwortung, weil der Konsum von Einweg-verpackten Lebensmitteln als eine der wesentlichen Ursachen für die Umweltverschmutzung durch Plastikabfälle gilt. Schon jetzt zeigt der deutsche Ernährungsreport, dass eine schnelle und einfache Zubereitung der Lebensmittel zwar für jeden zweiten Menschen wichtig ist. Trotzdem sind sich mehr als 90 Prozent der Befragten einig, dass guter Geschmack und die Qualität der Lebensmittel unverzichtbar sind. Fast drei Viertel der Menschen bereiten sich Mahlzeiten – nach eigener Aussage – gern selbst zu.

Medien und Bildung

Es gibt einen großen Bedarf an praktikablen Ideen, wie man auf Einweg-Verpackungen im Alltag verzichten kann. Frisch zubereitete Lebensmittel gelten vielen inzwischen als Ausdruck für einen attraktiven und nachahmenswerten Lebensstil. Dieser wird auch von immer mehr Influencerinnen und Influencern in sozialen Netzwerken propagiert, beispielsweise aufzufinden unter #gesundeernährung, #healthyfood.

Kochsendungen im Fernsehen geben den Zuschauenden Tipps, wie frische Lebensmittel zeitsparend organisiert und zubereitet werden und wie aus übriggeblieben Resten neue Gerichte entstehen. In Schulen und Erwachsenenbildung lernen Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Vorzüge frisch zubereiteter Lebensmittel kennen oder entdecken diese wieder neu.

Unverpackt muss alltagstauglich werden

Immer mehr Menschen empfinden beim Kochen und Backen ein Gefühl von Entschleunigung und schätzen an der Ess- und Genusskultur das Gesellschaftsverbindende. Trotzdem bleiben die kräftezehrenden Anforderungen des modernen Alltags oft das zentrale Hemmnis für die Realisierung der skizzierten Zukunftsbilder. Damit die Nutzung unverpackter Lebensmittel in der Lebenswirklichkeit alltagstauglich werden, müssen Konsumentinnen und Konsumenten bei Koordination, Beschaffung und Zubereitung entlastet werden. Hersteller und Handel bieten immer mehr hochwertige Lebensmittel, bei denen die Prädikate „verpackungsarm“ oder „verpackungsfrei“ mit den bislang positiv besetzten „bio“, „regional“, „gesundheitsfördernd“ verbunden werden.

Neue Kooperationen und Angebote gefragt

Um das zu erreichen, sind neue Akteurskooperationen gefragt. Ein mögliches Beispiel ist die beschriebene Kooperation von Unverpackt-Konzepten und umweltfreundlichen Lieferdiensten. Ein anderer Ansatz wäre eine Integration einfacher Restaurants oder Bistros in Unverpackt-Läden und verpackungsarmen Supermärkten. In diesen gastronomischen Angeboten können Kundinnen und Kunden schnell, frisch, gesund und mit unverpackten Lebensmitteln hergestellte Mahlzeiten essen. Nebenbei könnten sie interessante Rezeptempfehlungen erhalten fürs Nachkochen zu Hause.

Energiearm und vorrausschauend Kochen spart sogar Zeit

Für ein alltagstaugliches und umweltfreundliches Kochen ist noch ein weiterer Aspekt wichtig: Die energiesparende Zubereitung frischer Gerichte. Um den Energiebedarf bei Zubereitung von kleineren Mengen zu reduzieren, können größere Mengen einer bestimmten Zutat, zum Beispiel Nudeln, Kartoffeln oder Saucen, gekocht werden. Diese werden anschließend portioniert und in Mehrwegbehältern im Kühl- oder Gefrierschrank aufbewahrt. Das spart nicht nur Energie, sondern auch Zeit. Ferner sollten die Köche und Köchinnen darauf achten, dass die für die Zubereitung benötigten Geräte wie Herd, Backofen, Küchenmaschine, so energieeffizient wie möglich sind. Die Zusatzkosten für die Geräte amortisieren sich bei einem häufigen Einsatz relativ schnell.

Politische Möglichkeiten

Rechtliche Initiativen des Staates können flankierend für eine Veränderung der Konsumgewohnheiten eingesetzt werden. So wäre eine Ausweitung des EU-Verbots von Einweg-Kunststoffen auf Verpackungsmaterialien sinnvoll. Besonders hilfreich wäre ein Verbot von Einweg-Getränkeflaschen für Mineral- und Tafelwasser. Ein solches Verbot sollte jedoch mit einer Informations- und Aufklärungskampagne für den Verzehr von Leitungswasser gekoppelt werden, das gesünder ist als sein Ruf und qualitativ besser als so manches Tafel- oder Mineralwasser. Unterstützt werden sollte diese Kampagne durch ein kostenfreies Angebot von Leitungswasser in Schulen, Universitäten und anderen öffentlichen Institutionen!

Weiterhin wären gesetzliche Vorgaben hilfreich, die die Recyclingfähigkeit von Verpackungen steigern. Mehrwegsysteme und ein hochwertiges Recycling von Verpackungen sollten konsequent gefördert werden. Ein weiterer Ansatzpunkt für steuernde Eingriffe des Staates wäre eine Besteuerung von Verpackungen anhand ihrer Kosten, die sie durch Littering in Böden und Gewässern, insbesondere im Meer verursachen. Auf diese Weise könnte schließlich erreicht werden, dass in Mehrweggebinden angebotene Produkte im Vergleich zu entsprechenden Produkten in Einweg-Kunststoffverpackungen preiswerter werden.

Sechs bis acht Mehrwegbehältertypen könnten den größten Teil der Plastikverpackungen ersetzen

Ein Ausbau von Mehrweggebinden ließe sich auch durch gesetzliche Vorgaben für Systemgebinde fördern: Es ist zum Beispiel möglich, die gegenwärtige, beinahe unüberschaubare Vielfalt von Einweg-Verpackungen und -Behältern durch ein System aus sechs bis acht unterschiedlich genormten Mehrweg-Behältertypen zu ersetzen. Auf diese Weise wäre es möglich, nicht nur den Verbrauch von Einweg-Kunststoffverpackungen zu reduzieren, sondern auch von Glas-Einwegverpackungen, die aus ökobilanzieller Sicht ebenfalls nicht gut dastehen. Bei der Etablierung dieser Mehrweg-Systeme sollte dann durch Logistiksysteme sichergestellt werden, dass die Transportdistanzen zwischen Herstellern und Handel so kurz wie möglich sind. Die Mehrwegbehälter sollten einen hohen Umlauf haben sowie geringe Einweganteile, wie Verschlüsse und Etikette, enthalten.

Dr. Andreas Köhler, Moritz Mottschall, Martin Möller sind Wissenschaftler an den Institutsstandorten Freiburg und Berlin. Im Spendenprojekt „Ohne Plastik leben – aber wie!?“ haben sie sich mit den Möglichkeiten und Auswirkungen eines Plastikverzichts auseinandergesetzt: mit den Gründen für die Kunststoffnutzung, mit den Erfahrungen von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei der Plastikvermeidung, mit alternativen Materialien. Die Ergebnisse des Projektes werden unter #plastikfrei leben im Blog des Öko-Instituts veröffentlicht. Die komplette #plastikfrei leben-Serie in einem pdf-Dokument.

Kommentare
  1. Dr. Zellerhoff

    Inzwischen gibt es schon extrem dünne Plastikverpackungen, die mit einer Papierbanderole versteift sind. Natürlich muss man die beiden
    Materialien vor dem Recyklen trennen. Bei meinem Skyr geht das sehr leicht mit Hilfe einer Perforation. Sobald Skyr auch in Gläsern angeboten wird, werde ich mich dafür entschließen.
    Ein Vorteil der Plastikverpackung stellt für mich die geringe Tara da. Für alte Leute ist das Glas doch ziemlich schwer.

  2. Günter Dehoust

    Liebe Frau Zellerhoff,

    um Mehrwegsysteme aus Glas auch für ältere Menschen komfortabel anbieten zu können, sollten im Falle einer Umstellung deshalb ökologisch und ökonomisch optimierte Lieferdienste angeboten werden.

    Herzliche Grüße aus dem Öko-Institut.

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