Umweltbewusstsein in Deutschland, Quelle: Plainpicture/ Ake Nyqvist

Umweltbewusstsein in Deutschland: Bereit zum Wandel?

Wie umweltbewusst sind die Deutschen? Und was bedeutet das für die Umweltpolitik? Corinna Fischer leitet politische Schlussfolgerungen aus der Umweltbewusstseinsstudie 2020 ab.

Wie umweltbewusst sind die Deutschen? Das beantwortet alle zwei Jahre die repräsentative Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland“ des Umweltbundesamtes. Die neueste Ausgabe ist im Februar 2022 erschienen. Ihre Schwerpunktthemen: Klimawandel, Klimaschutz und gesellschaftlicher Wandel. Dazu wurden Ende 2020 über 2.000 Bürger und Bürgerinnen online befragt.

Die weit gespannten Ergebnisse,

  • von Umwelt- und Klimabewusstsein, Umweltverhalten und Handlungsbereitschaften,
  • über die Meinungen zur Verantwortung der Politik und die Bewertung politischer Maßnahmen
  • bis zur Bestimmung von Umweltbewusstseinstypen und vieles mehr

sind in einem wissenschaftlichen Bericht und einer Ergebnisbroschüre gebündelt. Das infas-Institut für angewandte Sozialforschung und das ISOE-Institut für sozial-ökologische Forschung haben die Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt.

Policy Paper

Das Öko-Institut hatte eine besonders reizvolle Aufgabe: Wir sind in die Haut von Menschen geschlüpft, die politische Entscheidungen treffen. Diese Person mag vor dem ungeheuren Datenschatz der Studie stehen und sich fragen: Was fange ich nun damit an? Das Öko-Institut hat die Ergebnisse ausgewertet und dazu ein Policy-Paper verfasst. Dazu haben wir

  • Studienergebnisse in den Bereichen Klimaschutz, Ernährung und Mobilität ausgewählt,
  • mit Hintergrundwissen verknüpft,
  • mit dem Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition verglichen und
  • zentrale Botschaften destilliert.

Daraus haben wir fünf Thesen abgeleitet:

1. Es muss sich etwas ändern.

Es muss sich etwas ändern – da ist sich eine große Mehrheit der Bevölkerung einig.

  • Auf die Frage, in welchen Bereichen dringend Veränderungen nötig sind, um ein gutes Leben zu ermöglichen, nennen 61 Prozent Umwelt-, Natur- und Klimaschutz. Das ist nach Gesundheit und Pflege der zweitwichtigste von 12 Bereichen.
  • Die Befragten sehen auch, dass dafür Veränderungen in vielen Politikfeldern nötig sind. 70 Prozent finden, dass Umwelt- und Klimaschutz in der Energiepolitik eine übergeordnete Bedeutung haben sollten. 59 Prozent bejahen dies für die Landwirtschaft und 51 Prozent für die Verkehrspolitik.
  • Und schließlich ist ihnen klar: Klimaschutz kann Einschnitte erfordern. Jeweils 80 Prozent finden es „wichtig“ oder „eher wichtig“, klimaschädliche Produkte zu verteuern und besonders klimaschädliche Produkte zu verbieten.
  • Eine knappe Mehrheit von 51 Prozent hält den Klimaschutz gar für wichtiger als den Erhalt von Arbeitsplätzen.

2. Die Bevölkerung kann – oder will – es nicht allein.

Die Studie zeigt aber auch: Die Bürgerinnen und Bürger können – oder wollen – den Wandel nicht allein stemmen. Es reicht nicht, das Umweltbewusstsein zu fördern und zu erwarten, dass Menschen dann umweltfreundlich handeln.

Den Befragten ist klar, dass sie nicht allein den Wandel bewirken können. 44 Prozent der Befragten sagen, dass ihnen die Möglichkeiten fehlen, selbst etwas für den Klimaschutz zu tun. Die Studie gibt verschiedene Hinweise, was damit gemeint sein könnte:

  • Unsicherheit: Beispielsweise sind 66 Prozent unsicher, welche Produkte wirklich umweltfreundlich sind.
  • Alltagspraktische Schwierigkeiten: 80 Prozent beklagen, dass die Politik zu wenig tut, damit sie ohne Auto bequem und praktikabel unterwegs sein können. Das sind besonders häufig ältere Menschen. Oder: Wo Kinder im Haus sind, wird mehr Auto gefahren und mehr Fleisch gegessen. Wer selbst Kinder hat, kann sich gut vorstellen, warum: Der Nachwuchs muss zur Schule, zum Fußballtraining, zum Arzt gebracht werden. Es stehen Großeinkäufe an. Mit Auto alles deutlich einfacher. Und was die Ernährung betrifft: Viele Kinder sind bekanntlich von Gemüse wenig begeistert. Vielleicht fragen sich Eltern auch, ob sie ihr Kind mit weniger Fleisch gesund ernähren können.
  • Kosten: Bestimmte umweltfreundliche Handlungen sind teuer – zum Beispiel Bio-Lebensmittel zu kaufen. Zwar sagen rund 20 Prozent der Menschen mit niedrigem oder sehr niedrigem Einkommen, sie täten das immer oder häufig. Bei denen hohem oder sehr hohem Einkommen sind es allerdings 30 Prozent. Insgesamt finden Personen in Ausbildung und mit sehr niedrigem Einkommen besonders häufig, dass ihnen die Möglichkeiten fehlen, etwas für den Klimaschutz zu tun (in Ausbildung: 65%, mit sehr niedrigem Einkommen: 56%).
  • „Lock-In“: „Meist sind es allerdings die Menschen mit höherem Einkommen, die ressourcenintensiver leben. „Lock-In“ bedeutet: Sie haben oft Lebensentscheidungen getroffen, die für lange Zeit einen hohen Ressourcenbedarf nach sich ziehen. Die können und wollen sie nicht einfach rückgängig machen. Wer zum Beispiel ein Eigenheim gebaut hat, beheizt meist für die nächsten Jahrzehnte die große Fläche – selbst wenn die Kinder schon aus dem Haus sind. Liegt das Haus dann noch in einer schlecht mit Bus und Bahn erschlossenen Gegend, ist das automobile Pendeln ebenfalls gesetzt. Nicht selten hat man dafür zwei oder drei Autos. Die Folge: Die Menschen mit dem höchsten Einkommen stoßen für Wohnen, Mobilität und Ernährung etwa 8,2 Tonnen CO2 im Jahr aus. Bei denen mit dem niedrigsten Einkommen sind es nur 5,4 Tonnen.

Die Befragten sehen daher die Politik in der Pflicht: 87 Prozent finden, dass die Politik rascher und konsequenter handeln muss, um den Klimawandel zu bremsen.

3. Ein Transformationsrahmen ist vonnöten: Infrastrukturen, Kostenwahrheit, Standards, Nudging

Die Bedingungen müssen also stimmen. Es braucht einen Rahmen für den gesellschaftlichen Wandel. Einen Rahmen, der das umwelt- und klimafreundliche Handeln zur Normalität macht. Ressourcenleichte Lebensstile müssen einfach, günstig und selbstverständlich werden, ressourcenintensive beschwerlich. Dafür gibt es viele Hebel:

4. Es geht sozialverträglich – aber nicht konfliktfrei.

Viele Maßnahmen für den Umwelt- und Klimaschutz sind Win-Win-Maßnahmen. Alle Menschen, gerade die mit geringem Einkommen, profitieren davon. Das gilt für einen gut ausgebauten und preisgünstigen Nahverkehr, wohnortnahe Freizeitmöglichkeiten und Grünflächen, gut gedämmte Gebäude und eine gesunde und nachhaltige Schulverpflegung.

Andere lassen sich sozialverträglich ausgestalten – aber das bedeutet Umverteilung. Zum Beispiel, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, den CO2-Preis zwischen Mietenden und Vermietenden zu teilen. Schließlich haben die einen Einfluss auf das Heizverhalten, die anderen auf den Gebäudestandard. Oder die Steuererleichterungen für automobile Pendler, Dienstwagen oder Dieselfahrzeuge abzuschaffen: Sie kommen heute vor allem Besserverdienenden zugute. Die Einnahmen könnten für ein Mobilitätsgeld für alle oder für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der Fahrradinfrastruktur verwendet werden. Hier ist der Vertrag allerdings noch zurückhaltend.

Umverteilung provoziert Konflikte. Niemand wird gerne schlechter gestellt. Ein interessantes Detail aus der Umweltbewusstseinsstudie: Nicht die Menschen mit dem niedrigsten Einkommen lehnen einen CO2-Preis besonders häufig ab, sondern die mit dem höchsten. Hier sind es 28 Prozent gegenüber 18 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Durchaus rational: Der Preis macht sich bei hohem Energie- und Treibstoffverbrauch empfindlich bemerkbar. (Podcast des Öko-Instituts zum Thema Soziale Energiewende)

Menschen mit hohem Einkommen verfügen meist auch über höhere Bildungsabschlüsse, bessere Netzwerke und einen größeren Einfluss, um ihre Interessen zu vertreten. Ein zweiter Blick ist daher durchaus angebracht, wenn Medien die Sozialverträglichkeit bemühen: Geht es wirklich um Menschen mit niedrigem Einkommen? Oder doch eher um den gewohnten Lebensstandard der Gutgestellten?

5. Die Politik muss die Maßnahmen überzeugend vertreten.

Die Gesellschaft kann den Wandel also nicht ohne die Politik herbeiführen. Aber die Politik kann es auch nicht ohne die Gesellschaft. Es braucht Unternehmen, zivilgesellschaftliche Organisationen und eine Bevölkerung, die Umwelt- und Klimaschutz auf die Agenda setzen, ein positives Meinungsklima schaffen, Lösungen entwickeln und vermarkten oder vorleben und nicht zuletzt Parteien wählen, die für Umwelt- und Klimaschutz stehen. Die Zweifelnden müssen gewonnen werden. Die Wohlhabenden, von denen viele den Umwelt- und Klimaschutz unterstützen, müssen beim Wort genommen werden und überzeugt werden, sich solidarisch zu zeigen.

Politik muss die geplanten Maßnahmen deshalb überzeugend vertreten. Die Umweltbewusstseinsstudie zeigt dafür verschiedene Ansatzpunkte:

  • Sich auf das gemeinsame Ziel beziehen. Politische Entscheidende können zeigen: „Wir antworten auf einen Bedarf, wir handeln für ein gemeinsames Ziel. Die hohe Zustimmung zum Umwelt- und Klimaschutz, die hohen Erwartungen an die Politik sind uns Auftrag und Legitimation.“ Zudem müssen sie stets vermitteln, was eine bestimmte Maßnahme wirklich zum Ziel beiträgt.
  • Emotionen und Werte ansprechen. Die Studie zeigt, was vielen Menschen wichtig ist. Zum Beispiel finden 85 Prozent, dass (eher) zu wenig getan wird, um das Wohlergehen von Nutztieren zu gewährleisten. Das Tierwohl bewegt und lässt mitfühlen. Politikerinnen und Politiker können sich darauf beziehen und zeigen: Standards in der Landwirtschaft sind wichtig, auch wenn sie vielleicht die Kosten von Tierprodukten steigern.
  • Positive soziale Effekte hervorheben. Den Befragten sind soziale Themen wie Pflege, Gesundheit, bezahlbarer Wohnraum oder Armutsbekämpfung sehr wichtig. Sie rangieren vor oder kurz nach dem Umwelt-, Natur- und Klimaschutz. Eine sehr große Mehrheit möchte, dass umweltpolitische Maßnahmen sozialverträglich gestaltet werden. Die Befragten wollen zum Beispiel, dass der CO2-Preis zwischen Mietenden und Vermietenden geteilt wird, oder dass Haushalte mit niedrigem Einkommen Zuschüsse bekommen, um effiziente Geräte anzuschaffen. Für die Kommunikation ist deshalb wichtig: Die Politik muss deutlich machen, wie die Maßnahmen zur sozialen Gerechtigkeit beitragen – oder wenigstens, was getan wurde, um Härten abzufedern.

Dr. Corinna Fischer leitet die Gruppe „Nachhaltige Produkte und Konsum“ im Institutsbereich Produkte & Stoffströme am Öko-Institut in Darmstadt.

Mehr zur Umweltbewusstseinsstudie: Wissenschaftlicher Bericht und Ergebnisbroschüre

Mehr zu den Politikempfehlungen: Policy Paper

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