Lithium ist eine wichtige Ressource für Smartphoneakkus, Quelle: Malte Müller/ Öko-Institut

#VerkehrswendeMythen4: Die Elektromobilität wird an knappen Batterie-Rohstoffen wie Kobalt oder Lithium scheitern

Immer wieder werden Bedenken geäußert, es gäbe nicht genügend Rohstoffe, um die Lithium-Ionen-Batterien in ausreichend großen Mengen produzieren zu können. Hierbei wird besonders die Knappheit von Kobalt und Lithium angeführt. Doch ist das wirklich so? Das beantworten Dr. Matthias Buchert und Peter Dolega in ihrem Blogbeitrag aus unserer Serie #VerkehrswendeMythen.

Eine wesentliche Quelle, aus der sich diese Befürchtungen speisen, ist, dass statische Reichweiten von Rohstoffen genutzt werden. Das bedeutet: Basierend auf der heutigen Produktion und den heute wirtschaftlich förderbaren Rohstoffvorkommen wird berechnet, wie viele Jahre die Rohstoffreserven noch reichen, wenn konstant weiter abgebaut würde wie bisher. Mit dieser Rechnung wird bei den meisten Rohstoffen noch keine Knappheit sichtbar. Wenn man nun aber die künftige Nachfrage nach Rohstoffen einkalkuliert, sieht es anders aus: Die Elektromobilität steht erst ganz am Anfang. Wenn man ein schnelles Wachstum annimmt, steigt der Bedarf an Lithium und Kobalt gegenüber heute rapide an – ebenso wie der von anderen Rohstoffen wie Nickel, Kupfer oder Graphit.

Der Mythos im Detail

Stellt man also den Bedarf im Jahr 2030 den heutigen Reserven gegenüber, können diese ohne Kontextinformationen knapp erscheinen. Das Öko-Institut hat kalkuliert, dass global etwa 240.000 Tonnen Lithium im Jahr 2030 und 1,1 Millionen Tonnen im Jahr 2050 für die Elektromobilität benötigt werden. Die heutigen Reserven belaufen sich auf ca. 15 Millionen Tonnen Lithium. Das heißt, die Reichweite der Rohstoffe läge bei einem Bedarf von 240.000 t bei etwa 60 Jahren. Berechnet man die statische Reichweite mit dem Bedarf für 2050, landen wir bei etwa 13 Jahren. Damit erscheint die Situation auf den ersten Blick sehr knapp.

Der Fehler, dem diese Betrachtung zugrunde liegt, ist die falsche Interpretation der Reserven. Denn Reserven sind keine statische Größe.

Reserven werden häufig fälschlicherweise als statische, nicht veränderbare Größe gesehen. Diese Sichtweise entspricht allerdings nicht der Realität. Denn die Reserven umschreiben lediglich die Rohstoffmengen aller zur Zeit der Erhebung bekannten Lagerstätten. Und die zu dem Zeitpunkt mit der Technik wirtschaftlich effizient abgebaut werden können. Ändern kann sich die Reservengröße zum Beispiel durch

  • neue Lagerstätten, die durch Erkundungen (Explorationen) entdeckt werden
  • neue Techniken, die bestimmte Lagerstätten rentabel machen.
  • Gleiches gilt für höhere Rohstoffpreise oder Steuersenkungen und nicht zuletzt bestimmt
  • die Nachfrage die Entwicklung der Reserven.

Damit wird deutlich, dass Reserven alles andere als statisch sind und dass viele Einflussgrößen auf die Reservemengen einwirken.
Veranschaulichung der aktuell bekannten Lithiumvorkommen

Reserven wachsen trotz steigendem Abbau

Bei den allermeisten Rohstoffen steigen die Reserven trotz größerer Abbaumengen an. Dies veranschaulicht das Beispiel Kupfer: Im Jahr 1970 beliefen sich die Reserven auf 280 Millionen Tonnen. Seit damals sind mehr als 560 Millionen Kupfer abgebaut worden und trotzdem werden die Reserven heute mit 870 Millionen Tonnen ausgewiesen. Auch die Reserven für Lithium sind trotz steigender Abbaumengen stetig angewachsen von etwa 4 Millionen Tonnen im Jahr 2006 auf 17 Millionen Tonnen im Jahr 2018.

Durch die steigende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und damit nach Batterierohstoffen lässt sich beobachten, dass Explorationsausgaben für Lithium und Kobalt gegenüber den Vorjahren ansteigen. Auch die Preise für Lithium und Kobalt sind im Mittel der letzten Jahre bereits angestiegen, sodass der Abbau attraktiver wird.

Reserven vs. Ressourcen

Von den Reserven ist zudem die Größe der Ressourcen zu unterscheiden. Ressourcen bilden die Rohstoffmengen ab, deren Abbau gegenwärtig oder potenziell wirtschaftlich möglich ist. Die Reserven umfassen Lagerstätten, die entdeckt, bewertet und als wirtschaftlich rentabel eingeschätzt wurden. Die Ressourcen sind weitaus größer und beinhalten die Reserven sowie entdeckte Lagerstätten und unentdeckte Lagerstätten, deren Existenz auf der Grundlage geologischer Voruntersuchungen wahrscheinlich ist.

Im Falle von Lithium liegen die Ressourcen bei 80 Millionen Tonnen und sind damit nochmal deutlich größer als die Reserven. Auch diese Größe kann sich verändern. Eine physische Verknappung der Rohstoffe im absoluten Sinn ist also sehr unwahrscheinlich.

„Es kann zu einem zeitlichen Engpass kommen – aber es ist keine tatsächliche Verknappung zu erwarten“ meinen Peter Dolega und Matthias Buchert.

Das Rohstoffangebot wird aber nicht nur von primären Quellen, also dem Bergbau, sondern auch von sekundären, also vom Recycling gedeckt. Auch hier gibt es einen Mythos, dem Dr. Matthias Buchert und Peter Dolega auf den Grund gegangen sind.

Alle Texte der Reihe #VerkehrswendeMythen lesen.

Dr. Matthias Buchert ist Experte für Nachhaltige Ressourcenwirtschaft und leitet den Institutsbereich Ressourcen & Mobilität am Standort Darmstadt. Peter Dolega ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Ressourcen & Mobilität in Darmstadt und arbeitet zu Themen wie Umweltauswirkungen primärer Rohstoffgewinnung, Rohstoffpolitik und Szenarien der Elektromobilität.

Kommentare
  1. Peter Fuchs

    Danke für die guten, informativen Blogbeiträge zur Verkehrswende – und zu all dem Unsinn, der leider verbreitet wird.

    Ich erlaube mir dennoch 2 Anmerkungen bzw. Fragen:

    1.) Widerlegung von Mythen ohne Wiederholung der Mythen – wie macht mensch das?
    Frage: Haben Sie sich beim Öko-Institut mit dem Problem auseinandergesetzt, dass ja durch die Wiederholung einer Falschaussage bzw. eines Mythos diese/r ja grade gestärkt werden kann, auch wenn die Absicht eigentlich Richtigstellung und Widerlegung des Mythos ist?
    Darauf wird ja u.a. in der Diskussion um wirksame Klima-Kommunikation schon länger hingewiesen (Beispiel: Joe Romm, Autor von Language Intelligence). „Don’t repeat the false claim.“
    https://archive.thinkprogress.org/the-difficulty-of-debunking-a-myth-e2d2a0ad8919/
    Es ist nicht so, dass ich hier eine kluge Antwort habe; die Überwindung von Mythen bleibt in allen möglichen Themenfelder wichtig – gerade auch für uns NGOs. Mich interessiert einfach nur, wie Sie das beim Öko-Institut sehen, da sie ja diesen Anti-Mythen-Blog gestartet haben… 😉

    2.) Absolute Knappheiten der Rohstoffe sind eh nicht das Problem. Ökosoziale Probleme der Rohstoffwirtschaft aber sehr wohl.
    Ihr Blogbeitrag macht an ausgewählten Rohstoffen deutlich, dass die Emobilität wohl nicht an vermeintlichen absoluten Knappheiten von Rohstoffen scheitern wird. Das ist sicher richtig.
    Aber wäre nicht doch ein Hinweis auf die eigentlichen Probleme der Rohstoffbeschaffung für fossilen und elektrischen Fahrzeugbau wichtig? Die eigentlichen Probleme sind doch die ökologischen, sozialen und menschenrechtlichen Probleme des Bergbaus.
    Ihr Institut arbeitet ja selbst z.T. auch dazu und hat entsprechende Kompetenzen. Und diese Diskussion sollte m.E. auch intensiv grade zu Beginn der Emobilität (bevor alles festgeruckelt und machtpolitisch konsolidiert ist) geführt werden.
    Bei Batterien etwa heisst das im Ergebnis, wir brauchen klarr, verbindliche, anspruchsvolle Regulierung im Sinne ‚fairer‘, ökologischer, langlebiger ‚Kreislauf-‚Batterien (auf Basis erneuerbarer Energien und so zukunftsfähigem Bergbau wie möglich) und entsprechende Fahrzeug- u. Batteriekonzepte in den Unternehmen.
    Ich weiss, das muss/kann nicht alles in einen Mythen-Widerlegungs-Blogbeitrag. Worum es mir nur geht ist die Frage, ob Sie (und wir NGOs) bei Mythenwiderlegung falscher Vorwürfe gegen Emobilität nicht immer gleich auch auf das ‚eigentliche‘ Problem oder Thema hinweisen können.
    Anyway, vielen Dank u. alles Gute für Ihre Weiterarbeit (auch mit diesem Blog)! 😉

    • Öko-Institut e.V.

      Lieber Herr Fuchs,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Wir kennen durchaus das Dilemma, der Wiederholung falscher Aussagen, um eine Antworten/Richtigstellungen zu geben. Wie Sie schreiben, ist die Antwort darauf nicht einfach – zum einen kursieren eben diese problematischen Thesen und Menschen (auch unvoreingenommene) versuchen, darauf Antwort zu finden. Da wollen wir andocken. Zum anderen, versuchen wir schon, der falschen Aussage nur sehr wenig Raum zu geben und den wissenschaftlichen, faktenbasierten Ausführungen mehr Platz und damit Gewicht zu verleihen.

      Auch Ihr zweiter Punkt trifft absolut zu. Die Zusammenhänge darzustellen versuchen wir auf diesem Blog und auf unserer Website, wo wir u.a. hier https://www.oeko.de/forschung-beratung/themen/rohstoffe-und-recycling auf die von Ihnen genannten Punkte Rohstoffbeschaffung, Recycling, sparsame Nutzung etc. hinweisen. All das in einem Beitrag abzuhandeln, ist sehr viel, aber Sie haben recht, dass doch immer wieder darauf hingewiesen werden muss!

      Herzliche Grüße aus dem Öko-Institut!

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