Gendern mit Sternchen, Quelle: Rudi Sebastian/ Plainpicture

Warum das Öko-Institut mit Sternchen* gendert

Seit kurzem benutzen wir als Öko-Institut auf unserer Webseite, unseren Social-Media-Kanälen und hier auf unserem Blog das Gendersternchen. Für diese Methode haben wir uns entschieden, da sie alle Menschen in die Sprache einschließt und wir als Forschungsinstitut einen Beitrag zu einer gleichberechtigten Gesellschaft leisten möchten.

„Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) schützt die geschlechtliche Identität. Es schützt auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.“ Mit seinem Urteil zum Personenstand hat das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2017 der Debatte um eine geschlechtergerechte und faire Sprache noch einmal Aufschwung gegeben.

Binnen-I, Doppelpunkt oder Gendersternchen?

In den vergangenen Jahrzehnten haben die Menschen verschiedene Arten ausprobiert, um sprachlich gendergerecht zu kommunizieren: die Nennung beider Geschlechter (Bürgerinnen und Bürger), neutrale Formen (Mietende) oder verschiedene Genderzeichen, um mehr Geschlechter einzubeziehen: vom großen Binnen-I (BürgerInnen), über den Unterstrich (Mieter_innen) bis hin zum Doppelpunkt (Bürger:innen). Der Asterisk (*), oft Gendersternchen genannt, setzt sich immer mehr durch, beobachtet der Duden. Ein wichtiges Argument für das * ist auch, dass die LGBTQI*-Community sich für dieses Zeichen entschieden hat. „Das Gender-Sternchen (*) ist eine Möglichkeit, geschlechtliche Vielfalt sprachlich anzuzeigen“, schreibt der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) e.V.

Warum gendern gerecht ist

Sprache ermöglicht, die Welt zu verstehen und sich in ihr zu verorten. Sie formt unsere Vorstellung und damit auch unser Handlungsvermögen. Studien haben das aus verschiedenen Perspektiven gezeigt: Mädchen können sich eher vorstellen, einen bisher stereotyp-männlichen Beruf zu ergreifen, wenn dieser geschlechtergerecht kommuniziert wird. Auch bei Bewerbungen und Stellenanzeigen macht die Formulierung einen Unterschied: bei geschlechtergerechter Ausschreibung ist die Qualifikation der Bewerber*in ausschlaggebend und nicht ihr Geschlecht. Ebenso sorgt die Sichtbarkeit in der Sprache auch für mehr mentale Repräsentanz: Werden Frauen in Texten genannt, entstehen im Kopf Bilder, in denen sie als weibliche Personen vorkommen, während bei der rein männlichen Form auch nur männliche Personen vorgestellt werden (vgl. unser Beispiel unten). Ein Gutachten der Rechtsprofessorin Ulrike Lembke von der Humboldt-Universität Berlin „verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen erhebliche psychische Belastungen von Inter*-, Trans*- und non-binären Personen durch rein binäre Personenbezeichnungen vorliegen.“

Texte (re)produzieren Genderkonzepte, die eine ungleiche Gesellschaft fortführen. „Jedes Mal, wenn wir uns ausdrücken, übertragen und verstärken wir unbewusst Stereotype über den Platz von Frauen und Männern in der Gesellschaft“, sagt Pascal Gygax von der Universität Freiburg in der Schweiz in seinem Buch „Le cerveau pense-t-il au masculin“. Die Verwendung des „generischen Maskulinums“ ist kein geschlechtsneutraler Ausdruck: „Die Vorstellung, dass die männliche Form auch neutral sein könnte, ist einfach unvereinbar mit der Funktionsweise unseres Gehirns.“

Unlesbar oder eine Frage der Sprachökonomie?

Als Hauptargument gegen das Gendern und gegen das Sternchen wird oft angeführt, es verkompliziere und verunstalte die Sprache. Die Professorin für deutsche Sprachwissenschaft und Co-Autorin des Dudenratgebers „Richtig gendern“ Gabriele Diewald argumentiert, dass, „ästhetische Bewertungen“ hier nicht gelten, da sie „nicht zur Grundlage einer sprachkritischen Einschätzung verwendet werden dürfen“, wenn die Argumentation faktenorientiert und sachlich sein soll. Und ein Forschungsteam der TU Braunschweig hat gezeigt, dass Texte in geschlechterbewusster Sprache genauso verständlich sind wie Texte in nur einer Geschlechtsform.

Kostet gendern trotzdem zu viel Zeit? Dazu Diewald: „Das sogenannte generische Maskulinum ermöglicht zwar eine Ökonomie auf der Produktionsseite, aber eine höhere Last auf der Rezeptionsseite.“ Möchte man alle Personen ansprechen und eine geistige Haltung ausdrücken „dann ist Gendern ökonomisch, insofern, als es präzise ist. Die Rezipientinnen müssen dann nicht entscheiden, ob sie mit gemeint sind oder nicht.“

Die Barrierefreiheit nicht vergessen

Eine wichtige Frage, die sich bei der Auswahl der Genderform stellt, ist die Barrierefreiheit. Denn das Genderzeichen soll auch von den Bildschirmhilfen sehbeeinträchtigter Menschen „übersetzt“ werden. Der Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband schreibt dazu: „Um dem Urteil zum Personenstandsgesetz vom Oktober 2017 gerecht zu werden und alle Menschen in ihrer geschlechtlichen Vielfalt anzusprechen, werden in deutschsprachigen Texten neben genderneutralen Formen […] auch Gender-Kurzformen (Leser*in, Leser_in, Leser:in) genutzt. Diese sind für viele blinde und sehbehinderte Menschen problematisch […]. Falls jedoch mit Kurzformen gegendert werden soll, empfiehlt der DBSV, das Sternchen zu verwenden.“ Auch der Bundesverband der Kommunikatoren hat einen Leitfaden zu gendersensibler Sprache veröffentlicht, an dem auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband mitgewirkt hat.

Unser Fazit

Das Öko-Institut legt Wert darauf, alle Menschen gleich zu behandeln und dies auch sprachlich auszudrücken. Im Institut gibt es deswegen für alle Mitarbeiter*innen eine Leitlinie für gendergerechte Sprache. Neben vielen Arbeitgeberangeboten wie flexible Arbeitszeitmodelle oder Sozialleistungen werden außerdem Weiterbildungen zu Diversität und Antidiskriminierung angeboten.

Sprache ist immer im Wandel und passt sich schon seit Anbeginn der Menschheit an die Bedürfnisse ihrer Nutzer*innen und gesellschaftliche Änderungen an und nicht umgekehrt. Gendergerechte Sprache ist sicher nicht die Lösung für alle immer noch bestehenden Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft. Aber sie ist ein wichtiger und notwendiger Schritt.

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Ein Beispiel, wie gendergerechte Sprache wirkt

Ausgangstext:

Die Software wurde für Manager und Geschäftsführer von großen Institutionen (mehr als 300 Mitarbeiter) erstellt und ist besonders für Anfänger sehr benutzerfreundlich. Jeder, der die Software zum ersten Mal verwendet, wird erstaunt sein, wie leicht sie zu bedienen ist. Durch die beiliegende CD können Anwender die Software unkompliziert installieren. Bei Problemen stehen den Firmen außerdem unsere Techniker rund um die Uhr zur Verfügung: der jeweils zuständige IT-Experte schaltet sich sofort online zu. Außerdem ist innerhalb von 24 Stunden ein Vertreter unserer Firma vor Ort. (Verfasser: Firma SoftManagement)

Gendergerechte Sprache mit Gendersternchen:

Die Software wurde für Manager*innen und Geschäftsführer*innen von großen Institutionen (mehr als 300 Mitarbeiter*innen) erstellt und ist besonders für Anfänger*innen sehr benutzer*innenfreundlich. Jede*r, der/die die Software zum ersten Mal verwendet, wird erstaunt sein, wie leicht sie zu bedienen ist. Durch die beiliegende CD können Anwender*innen die Software unkompliziert installieren. Bei Problemen stehen den Firmen außerdem unsere Techniker*innen rund um die Uhr zur Verfügung: der/die jeweils zuständige IT-Expert*in schaltet sich sofort online zu. Außerdem ist innerhalb von 24 Stunden ein*e Vertreter*in unserer Firma vor Ort. (Verfasserin: Firma SoftManagement) 

Gendergerechte Sprache mit neutralen Wörtern:

Die Software wurde für Management und Geschäftsführung von großen Institutionen (mehr als 300 Mitarbeitende) erstellt und ist besonders für Unerfahrene sehr bedienungsfreundlich. Alle, die die Software zum ersten Mal verwenden, werden erstaunt sein, wie leicht sie zu bedienen ist. Durch die beiliegende CD können Nutzende die Software unkompliziert installieren. Bei Problemen stehen den Firmen außerdem unsere technischen Fachkräfte rund um die Uhr zur Verfügung: die jeweils zuständige IT-Fachperson schaltet sich sofort online zu. Außerdem ist innerhalb von 24 Stunden eine Vertretung unserer Firma vor Ort. (verfasst von: Firma SoftManagement)

Und: Welche Bilder haben Sie jetzt im Kopf?

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Clara Wisotzky und Anette Nickels arbeiten im Referat „Öffentlichkeit & Kommunikation“ am Öko-Institut in Berlin und Darmstadt. Sie beschäftigen sich täglich mit Sprache und Wissenschaftskommunikation.

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