Wenn Emissionsdaten politisch werden

Anke Herold

Das 49. IPCC Plenum, das vom 8. bis 12. Mai 2019 in Kyoto in Japan tagte, hatte als wichtigste Aufgabe, neue Methodenrichtlinien für Treibhausgasinventare zu beschließen. Die Inventarrichtlinien des IPCC sind die methodische Grundlage für die Treibhausgasinventare aller Länder. Sie sollen dafür sorgen, dass die Emissionsdaten aller Länder transparent, vergleichbar, akkurat, konsistent und vollständig sind.

In regelmäßigen Abständen werden diese Richtlinien von Wissenschaftler*innen überarbeitet, um neue Emissionsquellen, neue Technologien und die neuesten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung in den Inventarmethoden einzuarbeiten. Anke Herold, Geschäftsführerin des Öko-Instituts, hat an den Beratungen zum sogenannten „2019 Refinement to the 2006 IPCC Guidelines for national Greenhouse Gas Inventories“ teilgenommen und gibt einen Überblick über den Prozess und seine Ergebnisse.

Fracking, Seltene Erden, Stauseen: neue Methoden zur Emissionserfassung

Die wohl wichtigste Verbesserung dieses Berichts sind neue Methoden zur Berechnung von Treibhausgasemissionen durch das Fracking bei der Öl- und Gasförderung. Beim Fracking entweichen erhebliche Mengen an Methan in die Atmosphäre. Diese Emissionsquelle fehlte bisher in den Emissionsübersichten der Staaten. Gleichzeitig haben mehr Staaten Öl und Gas mittels Fracking gefördert, was dazu führte, dass die mit dem Fracking verbundenen Emissionen angestiegen sind. Diese Lücke wurde nun geschlossen.

Weitere Neuerungen sind Methoden für Emissionen, die mit der Förderung seltener Erden verbunden sind oder Methoden für die Berechnung der Emissionen aus Stauseen. Die Flutung von Landflächen für Stauseen für Wasserkraftwerke sorgt international ebenfalls für erhebliche Treibhausgasemissionen. Auch hier gab es bisher eine bedeutende Lücke in den Treibhausgasinventaren, die nun gefüllt wurde.

Der Review-Prozess im Überblick

Für die Weiterentwicklung und Verbesserung der Methoden des IPCC werten Hunderte von Expert*innen aus der ganzen Welt die aktuelle wissenschaftlich-technische Literatur aus. Dafür konnten alle Länder Wissenschaftler*innen nominieren. Die neuen Inventar-Richtlinien wurden anschließend drei Review-Runden unterzogen, in denen Fachleute und Regierungen den Bericht kommentieren konnten. Sogenannte Review Editors – zu denen ich ebenfalls zählte – wachen dann darüber, dass die Autoren und Autorinnen die Kommentare angemessen berücksichtigen und in den Bericht einarbeiten. Das IPCC Plenum in der vergangenen Woche sollte den fertigen Bericht nun annehmen.

Protest aus Saudi-Arabien gegen die Arbeit der Wissenschaft

Doch das Ende dieses wissenschaftlichen Prozesses bekam am Ende eine ungewöhnlich politische Dimension. Nachdem bereits alle Kapitel des Berichts abgestimmt und angenommen waren, wollte Saudi-Arabien plötzlich den Energieteil wieder öffnen und die gesamte Methodik zur Bestimmung der flüchtigen Methanemissionen aus der Öl- und Gaserkundung aus dem Bericht entfernen.

Der Vorwurf der Saudis: mangelnde Ausgewogenheit. Die Wissenschaftler*innen hätten keine vergleichbare Methode für Methanemissionen bei der Erkundung von Kohle ausgearbeitet. Dies hatten die Wissenschaftler*innen geprüft, allerdings entstehen bei der Kohleerkundung nur winzig kleine Mengen an Methan, und es hat bisher kaum jemand versucht, diese winzigen Mengen zu messen. Bei der Erkundung neuer Gasfelder entweichen beim Bohren dagegen erhebliche Mengen des Gases in die Atmosphäre. Dies wird auch regelmäßig gemessen, so dass es seit fast 20 Jahren entsprechende Methoden gibt,  die auf  Tausenden von Messdaten beruhen, die nun nur entsprechend dem Stand der Technik upgedatet worden waren.

Vorwürfe statt Mitwirkung

Saudi-Arabien warf der Wissenschaft vor, einseitig und voreingenommen zu sein und nur Daten einiger Länder aus der Öl-und Gasförderung zu verwenden. Allerdings hatte Saudi-Arabien in der letzten Überprüfungsrunde weder entsprechende Kommentare geschickt, noch Daten aus der Öl-und Gaserkundung aus den eigenen Bohrungen zur Verfügung gestellt, noch eigene Expert*innen nominiert, um am Bericht mitzuwirken. Die flüchtigen Emissionen aus der Öl-und Gasförderung sind zudem vor allem abhängig von den Fördertechnologien und der Geologie und weniger vom Land, in welchem gemessen wird. Dennoch bestand Saudi-Arabien darauf, entweder die Methoden zur Öl- und Gaserkundung zu entfernen oder entsprechende Methoden für Kohle einzufügen, die nach Ansicht der Wissenschaftler*innen sowohl quantitativ vernachlässigbar als auch zu wenig wissenschaftlich fundiert sind.

Ein einmaliger Beschluss und eine Einschätzung

Nachdem sich die Wissenschaftler*innen und die anderen Staaten weigerten, ein so wichtiges Kapitel aus den Inventarmethoden zu entfernen, wurde nach stundenlangen Diskussionen bis in die Nacht zum ersten Mal IPCC-Methoden zu Inventarrichtlinien gegen die Stimmen der ölfördernden Länder Saudi-Arabien, Iran, Ägypten, Syrien und Algerien verabschiedet.

Dieser Disput wird die Verwendung einheitlicher Methoden unter dem Pariser Abkommen in Zukunft schwieriger machen. Denn auch unter der Klimarahmenkonvention müssen verbesserte IPCC-Inventarmethoden angenommen werden. Im Gegensatz zur Geschäftsordnung des IPCC, herrscht unter der Klimarahmenkonvention jedoch das Konsensprinzip. Daher kann es nun passieren, dass die wichtigen methodischen Verbesserungen, die durch den neuen IPCC-Bericht erreicht wurden, nie zu obligatorischen Richtlinien für alle Staaten unter dem Pariser Abkommen werden.

Ein transparentes Treibhausgasinventar mit Berechnungsmethoden und Hintergrunddaten seiner Emissionen hat Saudi-Arabien bisher noch nie vorgelegt. Aber es reicht den ölfördernden Staaten anscheinend nicht mehr, selbst nichts zu tun. Ihre unheilvolle neue Strategie besteht darin, neue Methoden für wichtige Emissionsquellen und neue Daten auch allen anderen Staaten vorzuenthalten. Der neue Methodenbericht wurde trotz aller Widerstände verabschiedet. Aber diese Politisierung der Wissenschaft wird die Arbeit des IPCC in Zukunft nicht leichter machen.

Anke Herold ist seit April 2018 Geschäftsführerin am Öko-Institut. Von 2009 bis 2018 war sie Forschungskoordinatorin für internationale Klimapolitik und in diesem Rahmen unter anderem Verhandlungsführerin für die EU bei den Klimaverhandlungen des UNFCCC. Darüber hinaus war die Diplom-Geoökologin an mehreren Berichten des Weltklimarats als Leitautorin beteiligt. 

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