Es wird anstrengend, die Klimaziele zu erreichen. Quelle: Plainpicture

Was das neue US-Klimaziel im Vergleich zum EU-Ziel bedeutet/ What the new US climate target means compared to the EU’s target [deu/eng]

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Am 22. April 2021, dem internationalen Tag der Erde, empfing Joe Biden die Staatsoberhäupter zu einem Klimagipfel und verkündete ein neues Klimaziel der Vereinigten Staaten im Rahmen des Pariser Abkommens. In Europa einigten sich in den frühen Morgenstunden desselben Tages Unterhändler von Regierungen, der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments auf einen Kompromiss für das EU-Klimaziel für 2030. Was bedeuten diese Ziele in Bezug auf tatsächliche Emissionsminderungen? Und stellen sie vergleichbare Anstrengungen dar?

Die Rückkehr der USA zum Pariser Abkommen und die Zusage eines neuen Klimaziels sind unglaublich wichtige Meilensteine sowohl für das Klima als auch für die internationale Klimadiplomatie. In ihrem neuen „national festgelegten Beitrag“ (Nationally Determined Contribution (NDC)) unter dem Pariser Abkommen haben sich die USA verpflichtet, die Emissionen bis 2030 um 50 bis 52 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken. Die USA mit ins Boot zu holen, war entscheidend: Die USA sind immer noch der zweitgrößte Emittent nach China, und ihre Pro-Kopf-Emissionen sind mehr als doppelt so hoch wie in Europa. Das neue Engagement der Biden-Administration und die Klimadiplomatie rund um den Gipfel haben bereits andere wichtige Länder ermutigt, ihre Anstrengungen zu verstärken: Großbritannien, Kanada und Japan und sogar Brasilien sind einige der Länder, die ihre Klimaambitionen rund um die Veranstaltung deutlich erhöht haben.

Auf der anderen Seite des Atlantiks einigte sich die EU auf das Ziel, die Emissionen bis 2030 um 55 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Dieses Zielniveau wurde von den Staats- und Regierungschefs im Dezember 2020 vereinbart, während das Europäische Parlament eine Reduktion von 60 Prozent anstrebte. Das beschlossene Ziel ist jedoch eine deutliche Steigerung des bisherigen EU-Ziels, die Emissionen im gleichen Zeitraum um 40 Prozent zu reduzieren.

Aber was bedeuten diese Ziele und sind sie vergleichbar?

Erstens erfordern beide Ziele, dass die derzeitige jährliche Reduktionsrate erheblich gesteigert wird. In der EU sanken die Emissionen im Zeitraum 2005 bis 2018 um durchschnittlich 1,6 Prozentpunkte pro Jahr. Mit dem neuen Ziel muss dieses Reduktionstempo in den nächsten zehn Jahren auf etwa 2,5 Prozentpunkte pro Jahr erhöht werden. In den USA sanken die Emissionen im Zeitraum 2005 bis 2018 um 0,8 Prozentpunkte pro Jahr. Um ihr neues Ziel für 2030 zu erreichen, müssen die USA ihre Emissionen um etwa 3,3 Prozentpunkte pro Jahr reduzieren – eine deutlich größere jährliche Reduktion als die EU.

Die beiden Ziele verwenden unterschiedliche Ausgangsjahre, sogenannte „Basisjahre“, von denen aus die Reduktionen gezählt werden. Die EU verwendet 1990 als Basisjahr, und die europäischen Emissionen sind seit 1990 mehr oder weniger kontinuierlich zurückgegangen. Die USA verwenden 2005 als Basisjahr. Die US-Emissionen stiegen zwischen 1990 und 2007 an und gingen danach zurück. Was bedeuten also die Ziele der EU und der USA, wenn das gleiche Basisjahr verwendet wurde? Das EU-Ziel entspricht einer Reduktion von etwa 51 Prozent gegenüber dem Stand von 2005 – das gleiche Niveau wie das US-Ziel einer Reduktion von 50 bis 52 Prozent. Und das US-Ziel entspricht einer Reduktion von 43 bis 45 Prozent im Vergleich zu den Werten von 1990. Dies ist eine niedrigere Zahl als das neue EU-Ziel einer 55 prozentigen Reduktion, aber ein Teil der EU-Reduktionen in den 1990er Jahren erfolgte aufgrund der wirtschaftlichen Umstrukturierung in Osteuropa.

Ein bemerkenswerter Teil der US Bemühungen ist das Ziel, bis zum Jahr 2035 die Emissionen aus der Stromerzeugung auf Null zu reduzieren. Wenn dieses Ziel erreicht wird, wären die USA bei der Dekarbonisierung des Stromsektors deutlich schneller als Europa.

Sowohl das US- als auch das EU-Ziel beinhalten die Aufnahme von CO2 aus dem Landnutzungssektor. Die Netto-CO2-Senke aus Wäldern und Böden in den USA blieb in den letzten Jahren im Vergleich zum Basisjahr 2005 ziemlich konstant. Die Einbeziehung von Senken in das Klimaziel setzt daher Anreize für zusätzliche Anstrengungen zur Erhöhung der CO2-Aufnahme in Böden und Wäldern. Die EU hat die Anrechnung aus natürlichen Senken auf 225 Millionen Tonnen im Jahr 2030 begrenzt. Dies entspricht dem aktuellen Ziel der LULUCF-Verordnung, die sicherstellen soll, dass in der EU der Landnutzungssektor nicht von einer CO2-Senke zu einer CO2-Quelle wird. Verglichen mit der aktuellen EU-Senke von 263 Millionen Tonnen bedeutet dies ein Rückgang der CO2-Speicherung in Böden und Wäldern in der EU.

Die Ziele der USA und der EU erfordern eine erhebliche Steigerung der Minderungsbemühungen. Der diesjährige Earth Day war ein echter Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel. Jetzt kommt es auf eine ehrgeizige und effektive Politik zur Umsetzung dieser Ziele an. Wie wir auf Deutsch sagen: Papier ist geduldig, aber das Klima ist es nicht.

Der Podcast „Lage der Nation“ hat diesen Blogbeitrag in Episode LdN238 zitiert.

Dr. Lambert Schneider, Sabine Gores, Jakob Graichen, Anke Herold sind Expertinnen und Experten für internationale, europäische und nationale Klimapolitik beim Öko-Institut.

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english version

On 22 April 2021, international Earth Day, Joe Biden hosted heads of States at a climate summit, announcing a new climate goal of the United States under the Paris Agreement. In Europe, in the early morning hours of the same day, negotiators from governments, the European Commission and the European Parliament agreed on a compromise for the EU’s climate goal for 2030. What do these targets mean in terms of actual emission reductions? And do they represent comparable efforts? 

The return of the US to the Paris Agreement and the pledge of a new climate target are incredibly important milestones for both the climate and international climate diplomacy. In its new “national determined contribution (NDC)” under the Paris Agreement, the US committed to reducing emissions in 2030 by 50 to 52 percent below 2005 levels. Getting the US on board was crucial: the US is still the second largest emitter after China, and its per-capita emissions are more than twice as large as in Europe. The new commitment of the Biden administration and the climate diplomacy around the summit has already encouraged other countries to step up their efforts: the United Kingdom, Canada and Japan and even Brazil are some of the countries that have considerably increased their climate ambition around the event. 

On the other side of the Atlantic Ocean, the EU agreed on a target of reducing emissions in 2030 by 55 percent below 1990 level. This target level was agreed by heads of States in December 2020, while the European Parliament targeted a reduction of 60 percent. The adopted target, however, is a considerable enhancement of the EU’s existing target of reducing emissions by 40 percent over the same period. 

But what do these targets mean and are they comparable? 

First, both targets require the current annual rate of reductions to be scaled up considerably. In the EU, emissions decreased by 1.6 percentage points per year in the period 2005 to 2018. With the new target, this pace of reductions needs to increase to about 2.5 percentage points per year over the next ten years. In the US, emissions declined by 0.8 percentage points per year in the period 2005 to 2018. To achieve its new 2030 target, the US will have to reduce emissions by about 3.3 percentage points per year – a considerably larger annual cut compared to the EU. 

The two targets use different starting years, referred to as ‘base’ years, from which the reductions are counted. The EU uses 1990 as base year, and the European emissions declined more or less continuously from 1990. The US uses 2005 as base year. The US emissions increased between 1990 and 2007 and declined thereafter. So, what do the EU and US targets mean if the same base year was used? The EU target corresponds to a reduction of about 51 percent compared to 2005 levels – the same level as the US pledge of a 50-52 percent reduction. And the US target corresponds to a reduction of 43-45 percent compared to 1990 levels. This is a lower number than the new EU target of a 55 percent reduction but some of the EU reductions in the 1990s occurred due to the economic restructuring in eastern Europe. 

A remarkable part of the US efforts is the goal of reducing emissions from electricity generation to zero by 2035. If this goal is achieved, the US would be considerably faster than the Europe in decarbonizing the power sector. 

Both the US and the EU target include the uptake of CO2 from the land-use sector. The net CO2 sink from forests and soils in the US in recent years stayed rather constant compared to the 2005 base year. The inclusion of sinks in the climate target therefore provides an incentive for additional efforts to increase the uptake of CO2 in soils and forests. The EU has limited the accounting of removals from natural sinks to 225 million tons in the 2030 target. This is equivalent to the current target under the LULUCF Regulation which shall ensure that in the EU the land use sector does not turn from a CO2 sink to a CO2 source. Compared to the actual EU sink of 263 million tons, this means a reduction of the EU’s CO2 sequestration in soils and forests.    

The US and EU targets will require considerable upscaling mitigation efforts. This year, Earth Day was a true milestone towards addressing climate change. What matters now is ambitious and effective policies to implement these targets. As we say in German: paper is patient, but the climate is not.  

Dr. Lambert Schneider, Sabine Gores, Jakob Graichen, Anke Herold are experts in international, european and national climate policy at the Oeko-Institut.

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Kommentare
  1. Pingback: Trotz der Fortschritte: Mehr ist noch immer zu wenig

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