Wird Fliegen durch Kompensation klimaneutral?

Fliegen heizt das Klima auf. Schätzungen zufolge tragen die CO2-Emissionen aus dem Luftverkehr, der Ausstoß kurzlebiger Luftschadstoffe wie Stickstoffoxide sowie die Wolkenbildung durch Flugzeuge mehr als fünf Prozent zur globalen Erwärmung bei.

Immer mehr Fluggesellschaften und Konsumenten setzen darauf, die Klimawirkung des Fliegens durch Klimaschutzprojekte zu kompensieren. Im November 2019 hat die britische Fluggesellschaft EasyJet – auch in großformatigen Anzeigen in Tageszeitungen (siehe Foto) – als erste große Fluggesellschaft angekündigt, „die durch Treibstoffverbrennung verursachten CO₂-Emissionen aller nationalen und internationalen Flüge auszugleichen“. Die verwendeten Zertifikate seien durch den Gold Standard oder den Verified Carbon Standard zertifiziert, zwei weltweit anerkannte Standards.

Damit zeigt die Fluggesellschaft deutlich mehr Ambition zum Klimaschutz als die globale Vereinbarung CORSIA. Diese wurde von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) verhandelt und hat lediglich zum Ziel, den Anstieg der CO2-Emissionen über das Niveau von 2019/2020 hinaus zu kompensieren.

Gleichzeitig halten sich die Kosten für EasyJet in Grenzen. Im Gegensatz zu Benzin und Diesel wird Kerosin in der EU nicht besteuert. Setzt man die Kosten für die Kompensation ins Verhältnis zur nicht erhobenen Steuer auf das verbrauchte Kerosin, so würden solche Steuerabgaben etwa 34 Mal so hoch sein wie die Kosten, die für die Kompensation der CO2-Emissionen anfallen: EasyJet rechnet mit etwa 30 Millionen Euro für den Kauf von Kompensationszertifikaten im Jahr 2020. Die nicht erhobene Kerosinsteuer beläuft sich auf etwa 1 Milliarde Euro. Die EU-Energiesteuerrichtlinie gibt einen Mindestsatz von 33 Cent pro Liter Kerosin vor, der im Flugverkehr aber nicht erhoben wird.

Was Kompensationen wirklich wirksam macht

Aber wird das Fliegen durch Kompensieren automatisch klimaneutral? Damit die Kompensation von Treibhausgasemissionen klimaschädliche Effekte tatsächlich ausgleicht, sind folgende Punkte wichtig:

  • Berücksichtigung der „Nicht-CO2 Effekte“: Neben den direkten Emissionen muss auch die Wirkung von Wolkenbildung und anderen chemischen Prozessen berücksichtigt werden. Diese klimaschädlichen Wirkungen werden allerdings durch die Kompensationen allein der CO2-Emissionen nicht berücksichtigt. Als Daumenregel müsste deshalb die zwei- bis vierfache Menge an Zertifikaten gekauft werden.
  • Zusätzlichkeit: Um eine echte Kompensationswirkung zu erreichen, muss sichergestellt sein, dass die Klimaschutzprojekte nur durch die zusätzlichen Einnahmen aus dem Verkauf von Kompensationszertifikaten ermöglicht werden, und nicht ohnehin umgesetzt werden. In der Praxis ist es nicht einfach, diese „Zusätzlichkeit“ zu gewährleisten. Mehrere Studien haben gezeigt, dass einige Projekte vermutlich sowieso umgesetzt worden wären. Das gilt zum Beispiel auch für einige Wind- und Solarprojekte. Die Kosten für solche Projekte sind stark gesunken und der Ausbau erneuerbarer Energien wird in vielen Ländern durch nationale Politiken vorgeschrieben oder gefördert. Deshalb sind viele Projekte auch ohne die Einnahmen aus Kompensationszertifikaten wirtschaftlich.
  • Vermeidung von Doppelzählung: Die Programme, die Kompensationszertifikate anbieten, müssen sicherstellen, dass die Emissionsreduktionen nicht einerseits vom Land selbst zum Erreichen seiner Klimaschutzziele verwendet und gleichzeitig an private oder staatliche Akteure zur Kompensation ihrer Emissionen verkauft werden.
  • Vorsicht bei Altprojekten: Der Kauf von Kompensationszertifikaten aus alten, bestehenden Projekten hat nicht immer eine Klimawirkung. Um eine Klimawirkung sicherzustellen, sollten nur neue Projekte finanziert werden oder solche, die für ihren Weiterbetrieb auf die Einnahmen aus Zertifikaten angewiesen sind.

Vorsicht bei bestimmten Waldprojekten: Kompensationsprojekte zur Vermeidung von Entwaldung bergen Risiken, die bisher nicht hinreichend adressiert wurden, weil sich die Entwaldung zum Beispiel schlicht von einer Region in eine andere oder ein anderes Land verlagern kann (Leakage).

Welche Rolle kann Kompensation in Zukunft spielen?

Grundsätzlich ist Kompensation nur eine kurz- oder mittelfristige Maßnahme, um Fliegen weniger klimaschädlich zu gestalten. Sie ändert nichts daran, dass die Flugzeuge weiterhin klimaschädliche Emissionen ausstoßen. Um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können, müssen laut Weltklimarat (IPCC) die globalen Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahrzehnten auf Netto-Null verringert werden. Dies bedeutet, dass jede vermeidbare Emission vermieden werden muss. Verbliebene Emissionen müssen durch die Erhöhung von Senken, die die verbleibenden Treibhausgase aufnehmen, ausgeglichen werden.

Unser Fazit: Die Kompensation von Emissionen ist besser als keine Kompensation, aber nur, wenn mehrere Voraussetzungen erfüllt sind und wenn dadurch die Zahl der Flüge nicht steigt. Noch besser für das Klima ist es, gar nicht erst zu fliegen.

Dr. Martin Cames, Jakob Graichen, Dr. Lambert Schneider und Anne Siemons sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich „Energie und Klimaschutz“ und beschäftigen sich unter anderem mit den Themen Luftverkehr und Klimaschutz.

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