Die neue EU-Biodiversitätsstrategie: Chancen und Grenzen

Die biologische Vielfalt ist auch in Europa stark bedroht, es gibt keinen ausreichenden Schutz für Tier- und Pflanzenarten sowie ihre Lebensräume. Deutliche Verbesserungen der Rahmenbedingungen soll die EU-Biodiversitätsstrategie bringen, die im Rahmen des Green Deal erarbeitet wurde. Ihre Ziele beinhalten unter anderem den gesetzlichen Schutz von Landflächen und Meeresgebieten, die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme sowie die Umkehr des Rückgangs von Bestäubern wie Wildbienen oder Schmetterlingen. Im Gespräch mit eco@work erklärt Stefan Leiner, Leiter des Referats Biodiversität bei der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission, wie diese Ziele erreicht werden können und ob es realistisch ist, bis 2050 einen guten Zustand der Ökosysteme zu ermöglichen.

Im Interview mit eco@work: Stefan Leiner, Leiter des Referats Biodiversität bei der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission. Quelle: Stefan Leiner

Herr Leiner, wo stehen wir in Europa in Sachen Biodiversität?

Was die politischen Fragen angeht, stehen wir mit dem europäischen Green Deal und der neuen Biodiversitätsstrategie sehr gut da. Wenn man aber auf den Zustand der biologischen Vielfalt schaut, sieht es leider anders aus: Trotz bedeutender Erfolge wie der EU-Naturschutzrichtlinien samt dem Natura 2000-Schutzgebietsnetzwerkes müssen wir leider feststellen, dass sich der Zustand der gefährdeten Arten und der Habitatstypen insgesamt gesehen in den vergangenen Jahrzehnten kaum verbessert und zum Teil sogar verschlechtert hat.

Worauf ist das zurückzuführen?

Insbesondere auf eine Intensivierung der Forst- und Landwirtschaft, die Veränderung von Landschaften und die zerstörerische Übernutzung der Natur – zum Beispiel mit Blick auf die Grundschleppnetzfischerei. Wichtige Faktoren sind auch der Klimawandel und das Eindringen von invasiven Arten.

Was sind die Vorteile der neuen EU-Biodiversitätsstrategie?

Sie ist wissenschaftlichen Erkenntnissen gefolgt. Wir haben jetzt Maßnahmen, die direkt auf die Ursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt ausgerichtet sind – und ganz konkrete, messbare Ziele. So etwa, dass mindestens 30 Prozent der Landfläche und Meere zu Schutzgebieten werden und ein Drittel davon, also insgesamt zehn Prozent, unter sehr strengem Schutz stehen sollen. Oder auch, dass der Einsatz von Pestiziden um 50 Prozent reduziert wird. Bei diesen konkreten Zielen kann jedes Jahr geprüft werden: Wo stehen wir eigentlich? Und können dann nachsteuern. Gleichzeitig spricht die neue Biodiversitätsstrategie verschiedene EU-Politiken an und konzentriert sich nicht nur auf die Umweltpolitik. Da geht es auch um Land- und Forstwirtschaft, um Forschung und Entwicklung, um Finanzen und Ökonomie sowie die Entwicklungszusammenarbeit. Zusätzlich soll es ganz konkrete neue Rechtsinstrumente geben, etwa mit Blick auf die Wiederherstellung von Ökosystemen.

Warum spielt das Thema Konsum in der Biodiversitätsstrategie kaum eine Rolle?

Weil es nicht so einfach ist, hier auf europäischer Ebene etwas zu tun. Hier sind eher die nationalen und lokalen Stellen gefragt. Gleichzeitig werden viele Maßnahmen oder Verordnungen, die wir initiieren, einen Einfluss auf den Konsum haben. So etwa mit Blick auf die Zusammenarbeit mit Unternehmen oder die Ziele zum Biolandbau. Darüber hinaus spricht die Farm-to-fork-Strategie, also die Hof-auf-den-Teller-Strategie, die gleichzeitig mit der Biodiversitätsstrategie verabschiedet wurde, ja mehrere Konsumthemen an. So etwa in Hinsicht auf die Kennzeichnung von Lebensmitteln oder die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung. Auch andere Instrumente, die kürzlich von der EU-Kommission verabschiedet wurden, haben wiederum konkrete Maßnahmen mit positiven Effekten auf die Biodiversität, zum Beispiel die neue EU-Waldstrategie, die Zero Pollution-, Kreislaufwirtschaft- und Klimaanpassungsstrategien sowie das Fit-für-55-Klimapaket.

Wissen wir genug über den Zustand der Biodiversität in Europa?

Nein – und das ist ein großes Problem. Wir kennen vielleicht die Populationen von besonders gefährdeten Arten, aber schon mit Blick auf die Bestäuber gibt es kein integriertes Konzept, wie man ihre Populationen erhebt und auch die Ursachen für deren Rückgang ergründen kann. Deswegen brauchen wir ein viel besseres, integriertes Monitoring. In diesem Bereich passiert gerade sehr viel, es gibt unterschiedliche Projekte, die unser Wissen über die Biodiversität verbessern sollen. So etwa im Rahmen des Forschungsprogramms Horizon Europe. Ein wesentliches Element der EU-Initiative für Bestäuber ist zudem die Entwicklung eines europäischen Monitoringsystems für sie, das gerade in der Fläche getestet wird und hoffentlich 2022 in der gesamten EU eingesetzt werden kann. So etwas bräuchte es für andere Arten natürlich auch. Als Teil der Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie werden wir auch ein sogenanntes Dashboard und einen Aktion Tracker entwickeln, damit wir regelmäßig überprüfen können, wo wir mit der Erreichung der Ziele und der Umsetzung der Maßnahmen aus der Biodiversitätsstrategie stehen.

Woran liegt es, dass wir so wenig wissen?

Ich denke, weil die Erkenntnis, dass Biodiversität grundlegend wichtig für unser Leben ist, erst in den vergangenen Jahren gewachsen ist, etwa durch die Berichte der Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, kurz IPBES, der UN. Aber auch immer mehr große Unternehmen erkennen, dass sie eine wichtige Rolle dabei haben, Biodiversität zu schützen.

Was hat diese Erkenntnis gefördert?

Unter anderem auch die Covid-19-Pandemie. Dabei haben wir gelernt, dass wir durch die Zerstörung von Ökosystemen auch immer mehr mit den Arten in den Kontakt kommen und so die Verbreitung von Zoonosen befördert wird. Gleichzeitig haben viele Menschen im Lockdown gemerkt, wie wichtig eine gesunde Natur auch für unser eigenes gesundheitliches Wohlbefinden ist.

Die sogenannten Restoration Targets sollen in Zukunft dabei helfen, Biodiversität wiederherzustellen. Wie kann das gelingen?

Indem ein allgemeines Ziel in einem EU-Rechtsakt formuliert wird, dass 2050 die Ökosysteme in einem guten Zustand sind. Darüber hinaus brauchen wir ganz konkrete, rechtlich verbindliche Ziele für die Mitgliedsstaaten, einen bestimmten Anteil der unterschiedlichen Ökosysteme, die in den EU-Naturschutzrichtlinien aufgeführt werden, bis 2030, 2040 und 2050 wiederherzustellen. Es braucht ganz klare Anforderungen an die Mitgliedsstaaten, die deutlich mehr erreichen müssen als bislang. Es wird durchaus große Anstrengungen erfordern. So sollten die Anteile an Flächen, die in diesem guten Zustand sind, deutlich steigen. Und auch auf den Bestäuberpopulationen, der Wiederherstellung von Meeresökosystemen sowie der Steigerung von Grünflächen in Städten liegt ein besonderes Augenmerk. Die Mitgliedstaaten sollen hierzu nationale Wiederherstellungspläne für die Natur erstellen. Hierfür brauchen wir natürlich Daten, etwa zur Frage, welche wiederherzustellenden Flächen es gibt und in welchem Zustand sie sind. In einem weiteren Schritt sollte gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten eine Methode entwickelt werden, um auch den Zustand von Ökosystemen, die bislang nicht unter Schutz stehen, messen zu können, um auch für diese später verbindliche Wiederherstellungsziele festzusetzen.

Ist es realistisch, bis 2050 einen guten Zustand der Ökosysteme zu erreichen?

Ja. Wir werden es nicht erreichen, wenn wir bei den bisherigen Bemühungen verbleiben. Es gibt nun eine große Dringlichkeit, die nächsten zehn Jahre werden entscheidend sein. Aber auch beim Klimaschutz hätte vor ein paar Jahren auch niemand für möglich gehalten, was heute passiert. Wenn die verschiedenen rechtlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Anreize, die es durchaus gibt für den Schutz und die Wiederherstellung von gesunden Ökosystemen, wirklich genutzt werden, ist es machbar. Es bestehen ja viele Beispiele, etwa erfolgreiche EU-LIFE-Projekte, bei denen wir auch in Deutschland sehen, was in kurzer Zeit möglich ist – etwa bei der Renaturierung von Mooren.

Gibt es Bereiche, bei denen bei der Wiederherstellung eine Priorität liegen sollte?

Es gibt Ökosysteme, die besonders viel dazu beitragen, unsere CO2-Bilanz zu verbessern – so etwa Moore, alte Wälder oder auch Feuchtgebiete. Und ich gehe davon aus, dass hier auch Prioritäten der Mitgliedsstaaten liegen werden.

Was ist für Sie der größte Mythos mit Blick auf Biodiversität?

Dass es dabei nur um bedrohte Tierarten geht, um Gorillas und Elefanten. Und dass es eher ein Luxusthema für reichere Länder ist, sich mit diesem Thema beschäftigen zu können, weil es nicht möglich ist, Biodiversität im Einklang mit der ökonomischen und sozialen Entwicklung wiederherzustellen.

Was würden Sie für die Biodiversität ändern, wenn Sie Bundeskanzler wären?

Ich würde es zu einer Gesamtregierungspriorität machen, zu einer Aufgabe, die nicht nur das Umweltministerium betrifft, sondern auch in allen anderen Ministerien eine große Rolle spielt. Ganz besonders im Landwirtschaftsministerium, aber unter anderem auch im Finanz- und Wirtschaftsministerium. Es ist wichtig, dass die verschiedenen Ministerien hier nicht mehr gegeneinander arbeiten, wie sie es oft tun, sondern miteinander.

Gibt es auch auf der EU-Ebene zu wenig Zusammenarbeit zwischen den Ressorts?

Mit dem Green Deal hat sich das gebessert, weil es jetzt eine Priorität der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist und alle an einem Strang ziehen müssen. Daher haben wir auch für die EU-Biodiversitätsstrategie mit vielen anderen Generaldirektionen, wie etwa den Generaldirektionen Gesundheit und Landwirtschaft eng zusammengearbeitet. Hierfür haben wir zum Beispiel bereits eine Gruppe für Abstimmungen zwischen den Ressorts institutionalisiert. Denn bei vielen Maßnahmen sind nicht wir von der Generaldirektion Umwelt zuständig, sondern andere Ressorts.

Wie müsste eine Agrarpolitik aussehen, die stärker auf Biodiversität ausgerichtet ist?

Sie müsste die Förderung zum Beispiel so ausrichten, dass Landwirtschaftsbetriebe, die mehr biologische Vielfalt auf ihren Flächen haben, auch mehr Geld bekommen. Das ist im Moment leider nicht der Fall.

Wird die neue Gemeinsame Agrarpolitik der EU, kurz GAP, dies ändern?

Ich hoffe das sehr. Die Mitgliedstaaten haben jetzt die Möglichkeit, in ihren nationalen strategischen GAP-Plänen die richtigen Weichen zu stellen, in denen die Möglichkeiten der neuen GAP, wie etwa die neuen Konditionalitäten der Direktbeihilfen, die Öko-Regelungen und die Umweltmaßnahmen, vollständig ausgeschöpft werden. Gerade die Landwirtinnen und Landwirte brauchen ja die biologische Vielfalt und die Ökosystemdienstleistungen – etwa mit Blick auf den Bodenschutz oder die Bestäuber. Doch sie verursachen leider zum größten Teil den Rückgang der Bestäuberpopulationen. Auch in der Forstwirtschaft wäre es sinnvoll, viel mehr an einem Strang zu ziehen, denn es nutzt ja auch den Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern, wenn ihre Wälder gesund und widerstandsfähig gegen den Klimawandel sind.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Christiane Weihe.

Stefan Leiner hat ein Diplom in Forstwissenschaften der Universität München und war unter anderem in der Landesforstverwaltung von Nordrhein-Westfalen und für den World Wildlife Fund (WWF) tätig. Bereits seit 1999 befasst er sich bei der Europäischen Kommission mit den Themen Biodiversität und Waldschutz. Zunächst widmete er sich der Vogelschutzrichtlinie und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie sowie dem europäischen Netz von Schutzgebieten, die darauf ausgerichtet sind, länderübergreifend gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräume zu erhalten (Natura 2000). Seit 2015 leitet Stefan Leiner bei der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission das Referat Biodiversität, das mit der Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie befasst ist. Er ist zudem Vertreter der EU bei den Verhandlungen der Konvention zur Biologischen Vielfalt. stefan.leiner@ec.europa.eu

Weitere Informationen

Themenseite „Environment“ der Europäischen Kommission

eco@work 4/2021 „Bedrohte Vielfalt – Wie kann Biodiversität geschützt werden?“

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