„Über kurz oder lang wird der Tierbestand zum Klimathema“

Die Landwirtschaft in Deutschland muss bis 2030 etwa ein Drittel ihrer Treibhausgase – konkret 31 bis 34 Prozent – einsparen, so sieht es der Klimaschutzplan der Bundesregierung vor. Hierfür hat das Bundeslandwirtschaftsministerium bereits einen 10-Punkte-Plan erstellt, der nach Einschätzung des Öko-Instituts nicht ausreichen wird, um das Ziel zu erreichen. Bis Mai haben noch alle Ministerien Zeit ihre Vorschläge zum Klimaschutzplan endgültig auszuarbeiten.

2018 hat ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen das sogenannte „Maßnahmenprogramm Klimaschutz 2030“ mit Vorschlägen für den Landwirtschaftssektor vorgelegt. Die Wirkung dieser Maßnahmen auf die Klimaziele haben Margarethe Scheffler und Kirsten Wiegmann im Auftrag der Klima-Allianz Deutschland durchgerechnet. Im Folgenden erläutern sie, worin die Unterschiede der Vorschläge liegen und welche Aspekte die Politik beim Klimaschutz in der Landwirtschaft einbeziehen sollte.

Wie können die Ziele des Klimaschutzplans in der Landwirtschaft erreicht werden?

Die Landwirtschaft verursacht durch die Düngung der Böden und durch die Tierhaltung Treibhausgasemissionen. Ein wichtiger Ansatz für den Klimaschutz ist, die Stickstoffverluste in die Umwelt zu verringern, die unter anderem für die klimaschädlichen Lachgasemissionen verantwortlich sind. Hierfür sollte der sowieso vorhandene Wirtschaftsdünger wie Mist und Gülle den heute vielfach eingesetzten Mineraldünger ersetzen. Vorgaben an die Landwirte könnten etwa über die Düngegesetzgebung gemacht werden. Aber auch die Ausweitung des Ökolandbaus trägt dazu bei, da Ökobetriebe keinen Mineraldünger einsetzen dürfen.

Das zweite relevante Klimagas ist das Methan. Es entweicht aus dem Dung der Tiere und es entsteht bei der Verdauung der Wiederkäuer – also vor allem bei Milchkühen und Rindern. Wird Gülle vergoren statt ohne weitere Behandlung gelagert, können die Methanemissionen wirksam vermindert werden. Die Emissionen zu verringern, die direkt aus der Verdauung der Tiere entstehen, ist dagegen technisch bisher nicht möglich. Hier liegen die Stellschrauben im Bereich der Fütterung und im sogenannten Herdenmanagement – der Lebensdauer und Lebensleistung der Kühe und in der Verbesserung der Aufzucht der Tiere. Trotzdem bleibt das Minderungspotenzial der verdauungsbedingten Emissionen insgesamt eher gering.

Im Gegensatz zu anderen Sektoren gehen in der Landwirtschaft nur knapp zehn Prozent der Treibhausgase auf den Energieverbrauch zurück. Die energiebedingten Emissionen der Landwirtschaft entstehen beim Betrieb von Traktoren und Landmaschinen aber auch von Gebäuden und Gewächshäusern. Minderungspotenzial besteht in diesen Bereichen durch mehr Energieeffizienz etwa durch effiziente Gebäude und Landmaschinen und durch den Einsatz regenerativer Energien.

Um die Ziele des Klimaschutzplans zu schaffen, können die genannten Maßnahmen unterschiedlich gewichtet zum Einsatz kommen. Werden etwa alle technischen Maßnahmen konsequent umgesetzt, so ist das Ziel – ein Drittel weniger Treibhausgase – fast zu erreichen. Werden weniger technische Maßnahmen umgesetzt, muss auch der Tierbestand für den Klimaschutz verringert werden.

Worin liegen die Unterschiede der beiden Vorschläge von Landwirtschaftsministerium und der deutschen Zivilgesellschaft?

Das Ministerium setzt deutlich stärker auf technische Lösungen als die Vorschläge der deutschen Zivilgesellschaft, insbesondere der Umfang der Güllevergärung ist deutlich größer. Der Maßnahmenkatalog der deutschen Zivilgesellschaft benötigt darum eine Verringerung des Tierbestands zur Erreichung der Ziele.

Für die Klima-Allianz haben wir beispielsweise den Anteil der weggeworfenen Milch- und Fleischprodukte in Tiere umgerechnet, die vergeblich gehalten und geschlachtet werden. Mit der Forderung, in dieser Größenordnung weniger Tiere zu halten, gehen die Vorschläge der deutschen Zivilgesellschaft einen Schritt weiter als die des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL). Denn auch das Ministerium nennt die Verringerung der Lebensmittelabfälle als wichtige Maßnahme, doch hält es offen, was nach der Verringerung dieser Abfälle passieren soll – die Mengen könnten weiterhin produziert und fortan in den Export gehen. Die Klimagasemissionen des Sektors würden durch diese Maßnahme nicht verringert werden.

Insgesamt ist noch nicht ganz klar, ob der 10-Punkte-Plan des BMEL eine Lücke zur Zielerreichung aufweist. Dies hängt von der prognostizierten Marktentwicklung für Milch und Fleisch ab und davon, wie die Düngeverordnung weiterentwickelt wird – die entsprechenden Verhandlungen mit der EU laufen hier gerade. Der Maßnahmenplan der deutschen Zivilgesellschaft erfüllt das gesetzte Ziel auf jeden Fall, greift allerdings mit der deutlicheren Minderung des Stickstoffsaldos und den geringeren Tierbeständen stärker in die landwirtschaftliche Produktion ein. Diese Vorschläge erfordern in den nächsten zehn Jahren insgesamt einen starken Wandel von beiden Seiten – Konsumentinnen und Konsumenten ebenso wie Produzenten und Produzentinnen.

Welche Schritte für mehr Klimaschutz sind aus Eurer Sicht jetzt notwendig?

Über das Maß und die Kosten technischer Maßnahmen lässt sich streiten. Doch über die Feinjustierung der Maßnahmen sollte die Politik nicht vergessen, dass der Klimaschutzplan ein Zwischenschritt ist, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen. Nach 2030 werden weitere Klimaschutzmaßnahmen notwendig, um die Klimaschutzziele bis zum Jahr 2050 zu erreichen. Spätestens dann sind die Möglichkeiten technischer Optionen in der Landwirtschaft weitestgehend aufgebraucht. Und spätestens dann rückt die Tierhaltung mit ihrer hohen Zahl an Nutztieren in den Fokus.

Seit 1990 sind die Tierbestände zwar bereits stetig gesunken, das lag aber vor allem daran, dass die Tiere immer mehr Leistung gebracht haben bzw. bringen mussten – insbesondere bei der Milchherstellung. Der zweite Grund war, dass nach der Grenzöffnung die Tierhaltung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR stark zurückging.

Auch in den letzten zwei Jahren sind die Tierzahlen erneut deutlich gesunken. Gründe lagen erneut im Marktgeschehen, aber auch im Generationenwechsel der Betriebe und Unsicherheiten in Bezug auf steigende Umweltstandards. Soll diese Verringerung der Tierzahlen nicht weiterhin unkontrolliert von statten gehen, ist politische Steuerung notwendig. Heute sinken zwar die Tierzahlen, doch steigt in einzelnen Regionen die Viehdichte und damit viele regionale Umweltprobleme wie die Nährstoffeinträge, Versauerung und Artenschwund. Zukünftig wäre es daher sinnvoll regionale und nationale Obergrenzen für verschiedene Emissionen festzulegen.

Über kurz oder lang wird der Tierbestand also zu einem Thema des Klimaschutzes werden. Werden bei uns weniger Tiere gehalten, muss auch der Konsum von Milchprodukten und Fleisch bei uns kleiner werden. Andernfalls würden wir diese Produkte zukünftig importieren, wodurch dem Klima auch nicht geholfen ist. Information und Bildung sowie preissteuernde Instrumente sind das Gegenstück auf der Konsumseite. Diese Verhaltensänderung fällt den Menschen leichter, wenn sie langsam erfolgt. Folglich kann sie nicht früh genug begonnen werden. Das Maßnahmenpaket zum Klimaschutzplan ist auf absehbare Zeit der beste Anlass für diese Diskussion.

Margarethe Scheffler und Kirsten Wiegmann bearbeiten das Thema Klimaschutz in der Landwirtschaft und Landnutzung. Margarethe Scheffler arbeitet im Berliner Büro und Kirsten Wiegmann im Darmstädter Büro des Öko-Instituts.

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