Wachstum, Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch müssen entkoppelt werden!

Anlässlich des 40. Jubiläums des Öko-Instituts im November 2017 haben wir zurückgeblickt und uns gefragt, was wir in den letzten vier Jahrzehnten erreicht haben. Wie haben sich Gesellschaft und Umwelt verändert? Und wie wir selbst? 
Aber wir lenkten unseren Blick auch aufs Heute und die Zukunft: Wie sieht die Umweltbelastung aus, wo steht unsere Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit? Was sind absehbare, möglicherweise nur noch schwer beeinflussbare Entwicklungen? Welche Visionen haben wir? Und welche Wege führen dahin?

In unserem Zukunftspapier „Heute. Morgen. Zukunft. Visionen und Wege für eine nachhaltige Gesellschaft“ haben wir versucht, diese Fragen zu beantworten. Für uns,  für die Gesellschaft und für eine Diskussion über eine nachhaltige Zukunft. In loser Folge präsentieren wir in diesem Blog einzelne Kapitel aus dem Zukunftspapier. In diesem Beitrag stellen wir unsere Vision zum Handlungsfeld Wirtschaft vor.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde eine Vielzahl von Konzepten für eine nachhaltige Wirtschaft vorgelegt, mit Überschneidungen, unterschiedlichen Schwerpunkten und zum Teil kontroversen Positionen – so etwa Green Economy, Ökologische Industriepolitik und De-Growth. In der Theoriedebatte um Postwachstum versus notwendiges Wachstum kann aus Sicht des Öko-Instituts keines der Konzepte durchgehend überzeugen.

Als rohstoffarmes Land und Exportweltmeister ist Deutschland besonders in die Weltwirtschaft eingebunden, eine isolierte Entwicklung zu einer nachhaltigen Wirtschaft ist daher weder denkbar noch sinnvoll. Entsprechende Maßnahmen müssen auf internationale Kooperation statt auf Konkurrenz setzen. Das gilt ebenfalls für die internationale Umweltpolitik: Wie die Energiewende und die Förderung der erneuerbaren Energien zeigen, kann Deutschland dabei eine Vorreiterrolle einnehmen.

Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch müssen hierzulande absolut sinken und nicht nur vom Wachstum entkoppelt werden – auch mit Blick auf globale Gerechtigkeit. Denn viele Entwicklungs- und Schwellenländer tragen in besonderem Umfang die ökologischen und sozialen Lasten des Rohstoffabbaus und werden zur Sicherstellung ihrer eigenen Grundbedürfnisse zu Recht ein höheres Wirtschaftswachstum mit einem entsprechenden Ressourcenbedarf haben.

Unsere Vision: Eine Wirtschaft im Gleichgewicht, die ökologische Grenzen einhält

  Wir folgen dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, das die Vision einer Welt beschreibt, in der wirtschaftlicher Wohlstand bei gleichzeitigem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen sowie sozialem Ausgleich möglich ist. Eine so verstandene nachhaltige Wirtschaft verbindet eine zukunftsfähige Produktion mit langfristig tragfähigen Lebensstilen – sie ist eine „Sustainable Economy“ statt nur eine Green Economy. Produktion und Konsum erfolgen in Deutschland in unserer Vision daher in Berücksichtigung unseres maximalen Anteils an den planetaren Belastungsgrenzen. Eine nachhaltige Wirtschaft trägt zur Sicherung und Steigerung gesellschaftlicher Stabilität, von Wohlstand und Lebensqualität hierzulande und weltweit bei. Natürliche Ressourcen werden nachhaltig und unter Einhaltung hoher Umwelt- und Sozialstandards bewirtschaftet, Biodiversität wird erhalten und wiederhergestellt, Treibhausgasemissionen gehen auf ein Minimum zurück. Gesellschaftliches und individuelles Wohlergehen und ein guter Umweltzustand beruhen auf einer innovativen Kreislaufwirtschaft, die durch langlebige, am Ende ihres Lebenswegs gut zerlegbare Produkte mit einem hohen Anteil verwertbarer Materialien geprägt ist. Ambitionierte Ressourcenschutzziele werden durch hoch entwickelte digitale Technologien und soziale Innovationen erreicht. Produktersetzende Dienstleistungen im Sinne von Nutzen statt Besitzen haben die Nischen überwunden und werden breit genutzt. Die chemische Industrie und ihre Anwenderbranchen greifen auf die Potenziale nachhaltiger Chemie zurück: Konsumprodukte sind bis auf wenige, klar gekennzeichnete Ausnahmen frei von Schadstoffen. Dadurch werden Probleme mit der Verschleppung und Anreicherung von Schadstoffen in der Umwelt oder in Recyclingströmen vermieden.

Deutschlands Rolle im globalen Wettbewerb hat sich gewandelt: Die Leistungen einer weiterhin stark international ausgerichteten Wirtschaft beruhen immer weniger auf einem globalen Raubbau an Rohstoffen, der Ausbeutung von Arbeitnehmern in den Ländern des globalen Südens und verkehrs-
intensiven Gütertransporten. Die Wirtschaft bleibt industriell geprägt, die massiven Außenhandelsüberschüsse sind jedoch einer ausgeglichenen Handelsbilanz gewichen. Dabei erfahren das ausgeprägte Wissen zu effizienten Technologien, Produktionstechniken und Produkten und die geschätzte berufsnahe Ausbildung als Dienstleistungen weiterhin eine weltweite Nachfrage und werden mit auf Kooperation und wechselseitige Entwicklung angelegten Geschäftsmodellen erfolgreich exportiert.

Die globale Wirtschaft heute

Betrachtet man im Schwerpunkt die Umweltauswirkungen unserer heutigen Wirtschaftsweise, so sind in den vier Feldern Biodiversität und Klimawandel, Stickstoffkreislauf und Landnutzung die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde bereits heute deutlich überschritten. Gemeinsam mit den anderen Industriestaaten trägt Deutschland besonders zu dieser Situation bei. Der hohe Ressourceneinsatz der deutschen Wirtschaft und die damit verbundene Rohstoffförderung und -aufbereitung in den Abbauländern führen dort zur Belastung von Trinkwasserressourcen, Gewässern, Böden und Luft, verursacht Gesundheitsschäden in der Bevölkerung und verstärkt an vielen Orten die soziale Ungerechtigkeit. Die Nutzungskonflikte durch hohen Wasser- und Flächenbedarf bei der Rohstoffförderung gefährden die Lebensgrundlagen der Bevölkerung in den Abbauregionen. Die beschleunigte Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die damit verbundenen massiven Umweltbelastungen und sozialen Verwerfungen haben in den vergangenen vierzig Jahren deutlich zugenommen. So hat sich der weltweite Fleischkonsum nicht nur bedingt durch das globale Bevölkerungswachstum seit den 1980er Jahren pro Kopf etwa verdoppelt – mit verheerenden Folgen für Biodiversität, Wasserressourcen und Böden in den globalen Monokulturen für den Futtermittelanbau. Die globale Stahlproduktion hat von rund 625 Millionen Tonnen im Jahr 1973 auf 1,6 Milliarden Tonnen 2013 zugenommen, die Zementproduktion versechsfachte sich auf rund 4,18 Milliarden Tonnen (geschätzt für 2015) und die jährlichen globalen Treibhausgasemissionen verdoppelten sich seit Anfang der 1970er Jahre von rund 30 Milliarden Tonnen Kohlendioxidäquivalenten auf heute etwa 60 Milliarden Tonnen. Auch wenn die Produktion und die Nachfrage in asiatischen Ländern, insbesondere in China, in der letzten Dekade stark zugenommen haben, sind die Industrieländer noch immer die Hauptverantwortlichen.

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern werden Menschen unter unwürdigen Bedingungen beschäftigt und nicht korrekt entlohnt, Produktionsprozesse und Chemikalien werden ohne die erforderlichen Risikomanagement-Maßnahmen eingesetzt. Aber auch in Europa führen Produktion und Nutzung von schlecht abbaubaren und sich anreichernden Chemikalien zu problematischen Belastungen von Mensch und Umwelt. Gesetzlich verbotene Stoffe werden vielfach durch strukturell sehr ähnliche und dadurch in der Regel ebenfalls problematische Stoffe ersetzt.

Umweltpolitische Instrumente wie die Ökodesign-Richtlinie sind wenig ambitioniert. Die darin vorgesehenen Dynamisierungsmöglichkeiten, also die Ausweitung auf bislang noch nicht regulierte energieverbrauchsrelevante Produkte, werden bislang nicht angegangen. Ebenso wenig eine anspruchsvolle Anhebung der Energieeffizienz-Mindeststandards und Maßnahmen zur absoluten Energieverbrauchssenkung sowie zur ressourcenschonenden Verlängerung der Produktlebensdauer. Entsprechende Maßnahmen sollten soweit möglich international abgestimmt werden – das Montrealprotokoll zum Ausstieg aus den ozonschichtgefährdenden FCKW oder die Einführung des Pkw-Katalysators können hier Vorbild sein.

Trends und Entwicklungen

In der Einführung ab Seite 5 haben wir bereits relevante ökonomische, ökologische und weltpolitische Entwicklungen beschrieben. Die Perspektiven für eine Reduzierung des Rohstoff- und Energieverbrauchs, der Treibhausgasemissionen und anderer Umwelt-
inanspruchnahmen sind eher düster. Die weltweite Produktion und der weltweite Konsum sind seit dem zweiten Weltkrieg exponentiell gestiegen. Durch den berechtigten Nachholbedarf in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie die erwartete Zunahme der Weltbevölkerung wird sich diese Entwicklung ohne drastische Gegenmaßnahmen deutlich verschärfen. Die bisher national und international ergriffenen Maßnahmen in Richtung höherer Energieeffizienz und nachgeschalteter Filter- oder Reinigungstechnologien können die Entwicklung allenfalls abmildern. In manchen Industrieländern, darunter Deutschland, sind zwar bei Treibhausgasemissionen und einzelnen Ressourcenbereichen erste Tendenzen zu einer Reduzierung der Umweltinanspruchnahme sichtbar. Vergleicht man diese Entwicklung allerdings mit den zum Teil schon überschrittenen oder im kritischen Bereich stehenden planetaren Belastungsgrenzen, zeigt sich, dass die Reduktionstrends nicht umfangreich und schnell genug sind. Auch die Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie sowie die Klimaschutzziele der Bundesregierung werden allein mit der sich abzeichnenden Trendentwicklung nicht erreicht – gar nicht zu sprechen von Pro-Kopf-Werten für eine globale Gleichverteilung der Umweltinanspruchnahme und entsprechende Reduktionsziele.

Industrieländer haben für die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte eine besondere Verantwortung, da sie auf Grundlage von technologischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen Trends initiieren, die für eine nachhaltige Entwicklung auch global unabdingbar sind. Deutschland ist als eine der größten Industrienationen der Erde dafür verantwortlich, seinen Rohstoffbedarf nachhaltig zu gestalten.

Zentrale Maßnahmen

Für uns ist weder Wachstum noch Postwachstum ein Ziel. Wir sehen keinen Grund, warum eine Wirtschaft mittel- und langfristig nicht schrumpfen kann, wenn parallel die Sozialsysteme umgestellt werden, die bislang auf Wirtschaftswachstum aufbauen. Abgesehen davon verstärken sich die Anzeichen, dass es in Industriestaaten auch jenseits von Wirtschaftskrisen einen gewissen Sättigungseffekt gibt und keine dauerhaft hohen Wachstumsraten zu erwarten sind. Gleichzeitig könnten unserer Ansicht nach Bedürfnisse und Wirtschaft wachsen, wenn die ökologischen Grenzen eingehalten werden. Wir wollen, dass nachhaltige Produktionen und Konsummuster wachsen und nicht-nachhaltige verschwinden. Ohne eine klare politische Gestaltung können eine zukunftsfähige Produktion und nachhaltige Lebensstile jedoch nicht gelingen.

Die theoretische Klärung der Wachstumsfrage kann noch lange dauern. Unabhängig davon erfordern das Postwachstums-Konzept und die wachstumsorientierten Konzepte wie die Ökologische Modernisierung die gleichen zentralen Maßnahmen, die wir in der Einführung vorgestellt und in den jeweiligen Handlungsfeldern um weitere Maßnahmen mit Schwerpunkt auf den Umweltaspekten ergänzt haben.

Wirtschafts- und Finanzpolitik muss immer auch Umweltpolitik sein und durch verschiedene Maßnahmen für eine Stimulation auf der Angebots- und Nachfrageseite in Richtung Nachhaltigkeit sorgen. Die zunehmend hohe Staatsverschuldung muss gerade im Interesse nachfolgender Generationen deutlich reduziert werden. Die bedrohliche Instabilität des Finanzmarkts muss beseitigt, günstige Kredite sollten für nachhaltige Investitionen genutzt werden. Die seit langem diskutierte Finanztransaktionssteuer sollte eingeführt werden, mindestens in einem ersten Schritt in der EU.

Politische Maßnahmen müssen insgesamt eine Lenkungswirkung hin zu nachhaltigem Wirtschaften entfalten. Dafür braucht es einen geeigneten politischen und ökonomischen Rahmen, der einen Mix an ordnungsrechtlichen Instrumenten, Marktinstrumenten, Innovationsbeförderung und Informationspolitik beinhaltet und sozialverträglich ist. Die ökologische Verantwortung liegt bei allen Akteuren in einer Volkswirtschaft: bei Politikern, Wirtschaft, Verbrauchern, Kommunen und weiteren.

Zur gesamten Jubiläumsschrift „Heute. Morgen. Zukunft. Visionen und Wege für eine nachhaltige Gesellschaft“ des Öko-Instituts 
Kommentare
  1. Art Vanderley

    Die Vertreter von Weiter-so-Wachstum und Postwachstum haben eins gemeinsam- sie stellen den neoliberalen Wachstumsbegriff schon gar nicht mehr infrage. So könnte es sein, daß dieser, auf reine Quantität beschränkte Begriff weitaus länger lebt als das System, das ihn hervorgebracht hat, getragen ausgerechnet von denen, die ihn am schärfsten zu bekämpfen scheinen.
    Wachstum ist wertneutral, man kann es nutzen, um zu zerstören, oder um aufzubauen. Es ausgerechnet jetzt zu verteufeln, ist schierer Wahnsinn, das ist ökologischer Brüning.
    Das Auto hängt zur Hälfte über dem Abgrund, anstatt jetzt die Richtung umzukehren, macht man den Motor für die Situation verantwortlich und nicht die falsche Richtung der Steuerung- baut in der Folge den Motor aus und hat dann keine Mittel mehr, um aus der Misere rauszukommen.

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