The Jungfraubahn is a train that runs from Kleine Scheidegg to the highest railway station in Europe at Jungfraujoch, Quelle: Patrick Robert Doyle/Unsplash

„Bahnreisen zu verkaufen ist eine sehr komplizierte Arbeit“

Helmut Lutz, Quelle: privat

Helmut Lutz, Quelle: privat

 

Viele Strecken, viele Tarife: Eine grenzüberschreitende Bahnreise zu buchen, kann ganz schön kompliziert sein. Menschen wie Helmut Lutz können helfen: Er ist Mitinhaber eines auf Bahnreisen spezialisierten Reisebüros in Berlin. Im Interview erzählt er, welche Strecken besonders beliebt sind und wie sich die Covid-19-Pandemie auf seine Arbeit auswirkt.

Herr Lutz, wie sind Sie zu den Bahnreisen gekommen?

Ich hatte eine sehr abwechslungsreiche berufliche Laufbahn, habe in der EDV gearbeitet und danach Lateinamerikanistik studiert. In dieser Zeit bin ich zum Reisen gekommen, vor allem nach Mittelamerika. Ich kannte zudem Georg Fabian, der Mitte der 1990er Jahre beschloss, im Rahmen von Titanic-Reisen ein unabhängiges Bahn-Reisebüro zu gründen. 1996 bin ich mit eingestiegen.

Wie kam es zu dieser Spezialisierung?

Das machte damals meines Wissens keiner, nur Bahnreisen zu verkaufen. Billigflieger gab es damals noch nicht, deswegen war das Bahnfahren auch viel normaler. Damit konnte man allerdings nicht viel Geld verdienen und es ist eine sehr komplizierte Arbeit: Es gibt so viele unterschiedliche Strecken, so viele unterschiedliche Tarife, mit denen man zurechtkommen muss. Leider sind die Hürden in den vergangenen Jahren immer höher geworden.

Inwiefern?

Früher gab es Tarife für ganz Europa. Aber viele Bahngesellschaften verabschieden sich aus dem internationalen Geschäft. Man kann zum Beispiel bei der Deutschen Bahn direkt inzwischen keine Fahrkarten mehr für Frankreich oder England buchen. Auch viele praktische Nachtzugverbindungen wurden gestrichen. Wenn zum Beispiel kein Nachtzug von Berlin nach München mehr fährt, wird es für viele Reisende schwieriger, weil Reiseketten nicht mehr funktionieren.

Wir haben individuelle Verträge mit Bahngesellschaften in Europa, deswegen ist es für uns einfacher. Für private Kundinnen und Kunden ist es hingegen inzwischen fast unmöglich, eigenständig grenzüberschreitende Zugfahrten zu buchen. Es gibt immer weniger durchgängige Tarife.

Trotzdem ist die Zahl der Bahnreisenden in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen.

Ja, das haben wir auch festgestellt. Insbesondere Greta Thunberg und die Demonstrationen der Fridays for Future haben viele Menschen zum Nachdenken gebracht. Es gab ein viel größeres Bewusstsein – und damit auch viel mehr Kundinnen und Kunden, die Europareisen mit der Bahn bei uns gebucht haben.

Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Vor allem über Serviceentgelte für unsere Beratung, die unsere Kundinnen und Kunden bezahlen. Bereits seit Anfang 2020 hat die DB unsere Verkaufsprovisionen stark gekürzt. Das hat unsere Mischkalkulation zu Lasten unserer Kundinnen und Kunden verschoben. Zudem befürchten wir, dass ab 2023 unsere Arbeit komplett von den Reisenden bezahlt werden muss, weil eine komplette Streichung der Verkaufsprovisionen droht.

Wie hat sich die Covid-19-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Vor der Pandemie haben wir gefühlt jede Stunde eine Auslandsreise mit dem Zug verkauft, jetzt kann ich ihnen die Buchungen der vergangenen Woche an einer Hand abzählen. Ohne Kurzarbeit würden wir das nicht schaffen. Und natürlich hatten wir jede Menge Stornierungen und damit einen hohen Aufwand. Außerdem hat Covid-19 zu einem massiven Rückgang der Buchungen geführt. Es gibt derzeit keine Buchungen, die weiter in die Zukunft gehen.

Ich könnte den Menschen aber derzeit auch nicht guten Gewissens raten, in ein anderes Land zu fahren. Wir haben ja gesehen, wie schnell Regionen zu Risikogebieten werden können. Es wurden wegen der Pandemie auch Strecken eingestellt, zum Beispiel über den Balkan oder von Frankreich nach Lissabon. Deswegen kann man gerade nicht mehr von Berlin mit dem Zug nach Portugal reisen.

Was waren zuvor die beliebtesten Strecken?

Eigentlich fahren die Menschen überall hin. Italien war schon immer sehr beliebt, Frankreich auch – etwa nach Paris oder Bordeaux. Dann gibt es immer wieder neue Gebiete, die auf einmal einen starken Zulauf bekommen. Das waren bei uns im vergangenen Jahr zum Beispiel Triest und die italienische Provinz Cuneo an den Seealpen.

Was ist die ungewöhnlichste Zugfahrt, die Sie je verkauft haben?

Besonderen Spaß hat es mir zum Beispiel gemacht, eine Reise von Berlin auf die kanarischen Inseln zu erarbeiten – ganz ohne Flugzeug. Das dauert eine knappe Woche, man fährt mit dem Zug bis ins spanische Cádiz und dann mit der Fähre rüber.

Fahren Sie selbst gerne mit dem Zug?

Kann man schon so sagen. Ich käme auf jeden Fall nicht auf die Idee, Strecken zu fliegen, die man vernünftig mit der Bahn machen kann. Aber auch, wenn es schön ist, mit dem Zug zum Beispiel über die Alpen zu fahren, geht es mir ehrlich gesagt nicht um die Aussicht oder die Schönheit der Strecke, sondern um die Bequemlichkeit. Das Bahnfahren hat schließlich viele Vorteile, ich komme nicht in den Stau wie mit dem Auto oder muss wie beim Fliegen lange in irgendwelchen Schlangen stehen. Außerdem kann ich im Zug herumlaufen oder aber ein gutes Buch lesen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christiane Weihe.

Helmut Lutz ist Mitinhaber des auf Bahnreisen spezialisierten Reisebüros „Kopfbahnhof – Das bahnsinnige Reisebüro“ in Berlin. Nach seiner Ausbildung zum EDV-Kaufmann hat er zunächst einige Jahre im EDV-Bereich gearbeitet, unter anderem für die Tageszeitung taz. Als sein heutiger Kollege Georg Fabian den Plan fasste, unter dem Dach von Titanic-Reisen ein Bahn-Reisebüro aufzubauen, stieg Helmut Lutz Mitte der 1990er Jahre mit ein. Seither hat er sich auf die Vermittlung von Bahnreisen in ganz Europa spezialisiert. Darüber hinaus ist Helmut Lutz Sprecher des Verbands der Premium-Bahnagenturen, den er mit initiiert hat.

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