„Erfahrungen des Blauen Engels in die Welt tragen“

Das bekannteste deutsche Umweltzeichen, der „Blaue Engel“, feiert dieses Jahr 40. Geburtstag. Doch nicht nur hierzulande ist der Engel bekannt; zunehmend profitieren auch andere Länder von den Erfahrungen, die das Siegel in den vergangenen vier Jahrzehnten gemacht hat. Siddharth Prakash erzählt im Bloginterview über die Erfahrung bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitskriterien für Produkte und Dienste in verschiedenen südostasiatischen Staaten.

Siddhart Prakash

Warum interessieren sich Thailand und die anderen Staaten Südostasiens für den Blauen Engel?

Das deutsche Umweltzeichen hat weltweit einen sehr guten Ruf – nicht nur aufgrund seiner anspruchsvollen Kriterien für Produkte und Dienstleistungen, sondern auch aufgrund seines Einflusses auf andere Instrumente wie die öffentliche Beschaffung oder verpflichtende Mindeststandards wie die europäische Ökodesign-Richtlinie. Da die Kriterienentwicklung im Blauen Engel nach zuverlässigen und umfassenden wissenschaftlichen Analysen erfolgt, dient der Blaue Engel als Vorbild auch für viele andere Umweltzeichen. Das heißt aber natürlich nicht, dass andere Länder die Kriterien des Blauen Engel eins zu eins übernehmen. Letztendlich müssen die Kriterien der asiatischen Umweltzeichen das Markt- und Technologiepotenzial der jeweiligen Länder berücksichtigen und wiederspiegeln. Vielmehr dienen die Kriterien des Blauen Engel als Orientierung für die anderen Umweltzeichensysteme, wie zum Beispiel in China, Thailand und anderen Ländern Asiens.

Welche Produkte haben dort die meisten Einsparpotenziale durch ein Umweltzeichen?

Der Erfolg eines Umweltzeichens oder auch eines bestimmten freiwilligen Instruments zu messen ist nicht trivial. Denn um die Umweltentlastung zu ermitteln, braucht man Daten zu Marktanteilen von Produkten mit Umweltzeichen. Das ist leider aufgrund der hohen Kosten der Marktdaten sowie der Vertraulichkeitsregelungen der Hersteller oft nicht der Fall. In der Regel haben die  die Umweltzeichen das Ziel, 20 bis 30 Prozent der ökologischen Spitzenprodukte eines Marktes zu adressieren.

Am Beispiel eines 2-Personen Haushaltes, das vorwiegend Blauer Engel Produkte nutzt, haben wir ermittelt, dass dieses im Vergleich zu einem anderen typischen Haushalt fast eine Tonne Treibhausgasemissionen pro Jahr einspart. Besonders große Wirkung auf die Umwelt haben Umweltzeichen dann, wenn ihre Kriterien in die öffentliche Beschaffung des jeweiligen Landes integriert werden. Am Beispiel von Thailand haben wir ermittelt, dass Papier und Lampen die höchsten Einsparpotentiale in den Jahren 2016 und 2017 realisierten, da diese am häufigsten im Rahmen der öffentlichen Beschaffung gekauft wurden.

Werden künftig auch andere Länder auf Erfahrungen des Blauen Engels zurückgreifen? Gibt es Bestrebungen die internationalen Kooperationen auszubauen?

Das hoffen wir. Im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) und der Exportinitiative für Umwelttechnologien des Bundesumweltministeriums arbeiten wir in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) daran, die Erfahrungen des Blauen Engel in Ländern wie Thailand, Malaysia, Philippinen und Indonesien zu teilen.

Der Blaue Engel unterhält außerdem so genannte Mutual Recognition Agreements mit China, Korea, Japan und Österreich. Diese haben das Ziel, eng zusammenzuarbeiten bei der Entwicklung von Vergabekriterien sowie Zeichennutzungsanträge wechselseitig zu prüfen und zu zertifizieren.

Eine andere Frage: Der Blaue Engel ist in erster Linie ein Umweltzeichen, will also die Umwelt schützen. Nachhaltigkeit heißt aber auch, dass soziale Standards etwa zum Arbeits- oder Gesundheitsschutz eingehalten werden müssen. Wie setzt der Blaue Engel das um?

Obwohl der Blaue Engel sein Hauptaugenmerk auch weiterhin auf den Umweltschutz legt, ist die Berücksichtigung von sozialen Mindeststandards in den Richtlinien des Blauen Engel fest verankert. Der Blaue Engel entwickelt sich allerdings nach den Ansprüchen der Verbraucherinnen und Verbraucher weiter und stellt sich der Herausforderung, weitere anspruchsvolle Kriterien zum Schutz der Menschenrechte sowie zur Förderung von Sozialstandards in den Lieferketten zu formulieren.

Dafür hat das Umweltbundesamt neulich ein Vorhaben „Erweiterte Integration sozialer Aspekte im Umweltzeichen Blauer Engel“ in Auftrag gegeben. Im Rahmen dieses Vorhabens soll ein Beitrag geleistet werden, wie in den Vergabekriterien des Blauen Engels neben den ambitionierten Umweltanforderungen zukünftig auch soziale und menschenrechtliche Aspekte der globalen Lieferketten verlässlich und vertrauenswürdig berücksichtigt und gepflegt werden können. Das Öko-Institut leitet das Vorhaben und arbeitet dabei eng mit  dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), dem Südwind-Institut und der Verbraucher Initiative zusammen.

Gibt es Beispiele, wo das bereits heute funktioniert oder sind soziale Kriterien noch Zukunftsmusik?

Ja, sicher. So wurde kürzlich beispielsweise der menschenrechtliche Brennpunkt („Hot Spot“) Abbau von Konfliktrohstoffen (Gold, Tantal, Wolfram, Zinn) in der globalen Wertschöpfungskette von Mobiltelefonen anhand von Sorgfaltspflichten (Due Diligence) und Zertifizierungsansätzen in die Vergabegrundlage des Blauen Engel aufgenommen. Ebenso fanden anspruchsvolle Anforderungen an Sozialstandards in Form von Zertifikaten dritter Parteien wie z.B. der OEKO-TEX-Gemeinschaft, GOTS, IVN-Best oder dem bluesign® system Eingang in die Vergabegrundlage Blauer Engel für Textilien. Auch bei Spielzeugen sind soziale Kriterien integriert worden.

Außerdem findet man Sozialkriterien mittlerweile auch in einigen anderen Umweltzeichen, wie TCO-Development, EU-Umweltzeichen und das US-amerikanische EPEAT. Es ist allerdings erforderlich, dass noch weitere Umweltzeichen diesen Weg mitgehen, um mehr Druck auf die Industrie aufzubauen. Eine Verzahnung bzw. eine enge Kooperation der Umweltzeichen mit anderen Initiativen, die sich schwerpunktmäßig mit der Verbesserung von Sozialstandards und Menschenrechten beschäftigen, ist ebenfalls erforderlich.

Verschmutzte Gewässer, Schadstoffbelastungen durch die Industrie, der hohe Treibhausgasausstoß – der Schutz der Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte ist vielerorts auf der ganzen Welt gefährdet. Wie kann man mit einem Umweltzeichen auf solche problematische Entwicklungen einwirken?

Die Erwartung, dass ein Umweltzeichen alle Probleme der Welt lösen soll, ist naiv. Ein Umweltzeichen ist vielmehr ein integrativer Teil eines Instrumentenkastens und setzt Impulse für den Markt und die Politik, produktbezogene Nachhaltigkeitsstandards kontinuierlich zu verbessern. In Fällen wo die Politik die Umsetzung von anspruchsvollen Mindeststandards scheut, etwa auf Druck der Industrie, haben die Umweltzeichen die Rolle des Treibers und des Mahners inne. Wichtig ist, dass die Umweltzeichen ausreichende Unterstützung seitens der Politik erhalten, damit sie diese Rolle auch weiterhin erfolgreich wahrnehmen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Mandy Schoßig.

 Siddharth Prakash ist seit 2008 am Öko-Institut tätig und arbeitet als Senior Researcher im Institutsbereich Produkte & Stoffströme am Standort Freiburg. Er befasst sich hier vor allem mit den Themen Nachhaltiger Konsum und Nachhaltige Produkte sowie Ressourcenwirtschaft. In diesem Zusammenhang arbeitet Prakash unter anderem zu Produktbewertung und Labelling sowie Sozial- und Umweltstandards in globalen Wertschöpfungsketten.
Auch empfehlenswert:

Blogbeitrag „Den Markt zu Höchstleistungen treiben … das wäre himmlisch!“ – Prof. Dr. Rainer Grießhammer im Interview über die Bedeutung des Umweltzeichens „Blauer Engel“

Blogbeitag „Der Blaue Engel soll zum klimafreundlichen Einkauf anleiten“ – Jens Gröger berichtet über die Entwicklung des Umweltzeichens bei energieverbrauchenden Geräte

Weitere Informationen:

Aktionsseite „40 Jahre Blauer Engel“

„Exportschlager Nachhaltigkeit? Umweltschutz und Menschenrechte international“ – Onlinemagazin eco@work des Öko-Instituts

Themenseite des Öko-Instituts „Nachhaltiger Konsum: Von Deutschland in die Welt?“

Themenseite des Öko-Instituts „Mit dem Blauen Engel fürs Klima zu mehr Transparenz beim Einkauf“

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